Kapitel 2

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Gegenwart, Herbst 2007

Einen Tag nach seiner Beförderung und zwei Tage nach seinem Sieg über die Dämonenstatue saßen Jonas, der Auserwählte, und sein Arbeitskollege Ingo in Jonas Auto und befanden sich auf dem Weg nach Bayern in das kleine Dorf Raichelberg.*

Die Beerdigung von Ingos Onkel Sepp sollte am nächsten Tag auf dem dortigen Friedhof stattfinden, da sich dort das Familiengrab der Steingrubers befand. 
Bereits Ingos Urgroßeltern, Großeltern, der im Krieg gefallene Bruder des Großvaters sowie dessen Ehefrau waren dort vor Jahren beigesetzt worden. 

Und jetzt würde man auch den armen Josef Steingruber, so wie er mit richtigem Namen hieß, dort beerdigen.

„Und das Grab haben deine Urgroßeltern tatsächlich einmal gekauft, um sich selbst und all ihre Nachkommen dort begraben zu lassen?“, fragte Jonas vorsichtig. Er wollte nicht indiskret sein.

Jedoch Ingo lachte. „Ja, sie selbst, ihre Kinder und Enkelkinder sollten dort mit hinein. Dazu waren die eventuellen Ehepartner mit eingeplant worden. Meine Oma hat immer gesagt, es sei doch irgendwie beruhigend zu wissen, wo der Weg eines Tages endet.“

Joans fand diese Vorstellung ein wenig makaber, aber eigentlich war er der Falsche, um sich ein Urteil über merkwürdige Dinge zu bilden, schließlich lagen viel unheimlicherere Dinge hinter ihm. „Und vielleicht auch noch vor mir,“ dachte Jonas. 

Immerhin war Josef Steingruber unter nicht ganz natürlichen Umständen ums Leben gekommen.

Seine sterblichen Überreste hatte man in der letzten Woche auf dem Raichelberger Rathausvorplatz vor einer Statue, die einen ehemaligen Bürgermeister darstellte, gefunden.
„Hat die Polizei noch irgend etwas Neues über den Tod deines Onkels heraus gefunden?“, erkundigte sich Jonas.
„Nein, sie sagen, er wäre wahrscheinlich an einem Herzinfarkt gestorben, er hatte keinerlei Verletzungen oder so etwas. Aber seitdem er diese Filmaufnahmen, auf denen ihn diese Statue verfolgte gemacht hat, befand er sich auch in ärztlicher Behandlung und wir hatten alle den Eindruck, als würde er ständig kurz vor einem Herzinfarkt stehen.

„Kein Wunder,“ dachte Jonas, sagte aber nichts.

Eine meiner kleinen Cousinen, Lisa, hat sich einmal letztes Jahr an Weihnachten einen Spaß erlaubt. Sie ist im dunklen Flur auf Onkel Sepp zugesprungen und hat laut „Buh“ gerufen. Anschließend mussten meine Tante und die Eltern von Lisa fast den gesamten Abend auf ihn einreden, dass es sich nur um Lisa und nicht irgend etwas anderes gehandelt hat,“berichtete Ingo mit einem leicht hinterhältigen Grinsen, das aber verschwand, als er sagte: „Aber ich kann irgendwie verstehen, dass er Angst hatte, nachdem er dieses Video gedreht hat, vorausgesetzt natürlich, es ist echt.“

„Glaubst du denn, das es echt sein könnte?“, fragte Jonas vorsichtig. 

Er wusste nicht, wie viel er Ingo von seinen letzten Erlebnissen, eine ähnliche Statue betreffend, anvertrauen konnte. 
„Ich bin mir nicht so sicher! Wenn es dir nichts ausmacht, dann werde ich auch lieber im Gasthof bleiben, wenn es dunkel wird. Ich weiß, das ist albern, aber in Raichelberg macht das eigentlich fast jeder der Einheimischen. Lediglich einer der wenigen Touristen hat sich vor drei Jahren einmal bei Nacht hinaus gewagt und am nächsten Morgen hat man ihn tot gefunden!“, antwortete Ingo und kratze an seinem eingegipsten Arm, vielmehr versuchte er es, kam aber leider nicht an die juckende Stelle heran.

Den Arm hatte er sich bei einem Tennisunfall vor einigen Tagen gebrochen und daher hatte Jonas sich bereit erklärt, ihn zur Beerdigung zu fahren.

„Lass mich raten, wo man den Touristen gefunden hat. Vor der Statue?“, erkundigte sich Jonas, obwohl er die Antwort bereits kannte.
„Ja, genau da lag er, auch da ging man von einen natürlichen Tod aus, obwohl der Mann gerade erst Anfang 30 und bis dahin kerngesund war!“beantwortete Ingo die Frage genau so, wie Jonas es erwartet hatte.

„Eine weitere Dämonenstatue,“ dachte er. „Ein Glück, das ich mein Schwert dabei habe!“

Andererseits fragte er sich, warum er es überhaupt mitgenommen hatte. Eigentlich hatte er nicht vor, gegen diese Bürgermeisterstatue zu kämpfen. Ihm steckte immer noch der Kampf gegen den ersten, und wie er da noch gehofft hatte, einzigen Dämon, gegen den er antreten musste, in den Knochen.

„Ich muss verrückt sein, auch nur daran zu denken!“, dachte Jonas und schaltete das Radio ein. Gerade lief der Wetterbericht und es wurde Regen für die nächsten Tage voraus gesagt.
„Das passende Wetter für eine Beerdigung, Regen, Nebel und alle erkälten sich,“ stellte Ingo fest. 

Am späten Nachmittag erreichten Ingo und Jonas den kleinen Ort Raichelberg. Er lag ein wenig abseits in einer malerischen Landschaft mit Bergen zur linken und weiten Wiesen zur rechten Seite. 
Auf den Wiesen weideten Kühe und schauten desinteressiert auf das Auto, als es in den Ort hinein fuhr.
Dieser bestand nur aus wenigen Straßen, in der Mitte des Ortes stand eine kleine Kirche mit einem Zwiebeldach, so wie sie in dieser Gegend häufig zu finden waren.

Alles in allem wirkte der Ort sehr idyllisch und nichts wies auf etwas unheimliches hin. Im Gegenteil, es wäre der ideale Ort für eine ruhigen, erholsamen Urlaub gewesen.

Vor einem kleinen Gasthof, der auch Zimmer vermietete, stoppte Jonas den Wagen und die beiden jungen Männer stiegen aus.

Sie wurden an der Tür bereits von einer älteren Frau empfangen. „Ja mei, des ist ja der kleine Ingo!“, sagte sie und umarmte ihn stürmisch. 
„Hallo, Frau Huber!“, begrüßte Ingo die Frau und erwiderte ihre Umarmung. 
Dann zeigte er auf Jonas. „Er hat mich begleitet, mit dem Arm kann ich ja leider nicht selber fahren!“
„Was hast denn da g'macht?“ erkundigte sich die Frau in schönstem bayrischen Dialekt und sah Ingo streng an. 
„Ich bin gestolpert, beim Tennisspielen!“ erklärte Ingo und erkundigte sich nach den reservierten Zimmern.
„Die sind oben, unterm Dach!“, erklärte die Frau und sah Ingo dann mitleidig an. 
„Des mit dem Sepp, des tut mir leid, aber wenn er so deppert ist und nachts zum Franzl geht....“

Ingo und Jonas stiegen die Treppe hinauf. 
„Wer ist Franzl?“, erkundigte sich Jonas. 
„So nennen sie hier die Bürgermeisterstatue. Der Kerl, den sie darstellt, hieß Franz Baumgart, und daher nennen alle in der Gegend dieses unheimliche Ding Franzl,“ antwortete Ingo und betrat sein Zimmer, das direkt neben dem von Jonas lag.

"Franzl!", dachte Jonas. "Jetzt haben Dämonen schon Spitznamen!"

Auch Jonas öffnete die Türe zu seinem Raum und war angenehm überrascht. Ein hübscher Raum mit angrenzendem kleinen Badezimmer, einem gemütlichen großen Bett sowie einer Sitzecke und Fernseher bot sich ihm an.
Frühstücken würde er unten in der Gaststube, gemeinsam mit den anderen Gästen des Hauses und Ingo hatte ihm bereits von der guten Küche von Frau Huber, der Wirtin, vor geschwärmt. Diese kannte Ingo bereits von klein auf, wenn er seine Großeltern besucht hatte.

Jonas öffnete das Fenster uns sah hinaus. Er blickte genau auf die Berge, auf die gerade die Sonne schien.
„Der Regen fängt bestimmt morgen früh an, wenn wir gerade auf dem Friedhof sind,“ dachte Jonas. 
Dann beschloss er, sich den Ort einmal anzusehen.Vorher warf er noch einen Blick auf seine Reisetasche, in der sich außer seiner Kleidung auch sein Schwert befanden. „Ob ich das hier stehen lassen kann?“
Auch wenn er die Türe abschloss, ließ er die wertvolle Waffe nicht allzu gerne unbeaufsichtigt zurück.

Andererseits konnte er nicht am helllichten Tag mit einem Schwert durch den kleinen Ort laufen.
„Die halten mich dann alle für verrückt! Es reicht, dass meine Eltern das tun!“, dachte Jonas und er verließ das Zimmer.

Allzu viel zu sehen gab es in dem Ort nicht. Die Häuser waren alle bereits recht alt, wenn auch in einem sehr guten Zustand, und lediglich ein kleiner Supermarkt und die Autos, die vor einigen Häusern parkten erinnerten daran, dass er sich im Jahr 2007 und nicht 1907 befand.

Trotzdem hätte das alles sehr gemütlich auf ihn gewirkt, wäre sein Blick nicht nun auf das Rathaus, einem prächtigen Bau, der gar nicht so recht zu den anderen Häusern passen wollte, gefallen. Jedoch nicht dieses Gebäude, sondern die davor auf einem Sockel stehende Bürgermeisterstatue, die er bereits von Ingos Film kannte, erregte seine Aufmerksamkeit.

Jonas näherte sich der Statue und sah sie sich genau an. 

Bis auf einen alten Mann, der den Rathausvorplatz kehrte, war er alleine. Auch auf dem Weg zum Rathaus hatte er lediglich drei andere Menschen, drei Frauen mit Kinderwagen, die vor dem Supermarkt gestanden hatten, gesehen.

„Das ist also Franz Baumgart, der ehemalige Bürgermeister, oder vielmehr seine Statue, in die ein Dämon gefahren ist, der ihm großen Reichtum und Erfolg beschert hat,“ dachte Jonas und sah die Figur mißmutig an.
„Ich hasse diese Dinger! Ich würde mal gerne wissen, was geschehen würde, wenn ich jetzt am helllichten Tage mit meinem Schwert darauf einschlagen würde. Ob die Dämonenstatue dann zum Leben erwachen würde, auch wenn es gar nicht ihre übliche Zeit ist?“, überlegte Jonas, jedoch dann bemerkte er, dass der alte Mann mit dem Kehren inne gehalten hatte und ihn ansah. 

Jonas nickte ihm grüßend zu.
„Leider lassen die Statuen sich wohl nur besiegen,wenn sie zu Fleisch und Blut werden und trotz all ihrer Stärke verletzlich werden!“

Jonas verließ den Rathausvorplatz und er beschloss, zum Gasthof zurück zu kehren. Seine Rippen, an denen er sich bei seinem letzten Kampf verletzt hatte, taten ihm immer noch weh und er war müde von der langen Fahrt. 
„Ich muss mir in Ruhe überlegen, ob ich wegen dieser Statue überhaupt etwas unternehmen werde,“ dachte er, als er sein Zimmer wieder betrat, und sich auf sein Bett legte.

Dann seufzte er. „Aber eigentlich steht ja schon fest, dass ich irgend etwas tun werde. Warum sonst habe ich denn auch mein Schwert mitgenommen?“

* Den Ort Raichelberg in Bayern gibt es meiner Kenntnis nach nicht tatsächlich. Sollte ich mich da irren, dann sei gesagt, dass es sich wirklich um einen Zufall handelt, und selbstverständlich gibt es dort keine Dämonenstatuen!!!

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