Kapitel 189

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Nervös betrat Stefan Michaelas Wohnung. Er hatte sie zuvor schon einmal dort besucht, doch heute würde es außer ihm noch weitere Gäste geben. Sie hatte ihre Eltern zum Kaffee eingeladen und wollte ihnen ihren neuen Freund vorstellen.

„Ich weiß wirklich nicht, warum ich mir das überhaupt antue,“ dachte Stefan, als Michaela ihn herein ließ.

Die Eltern seiner Ex-Frau Sandra hatte er so selten wie möglich besucht und sie nach der Trennung von seiner Frau auch nicht mehr gesehen. 

Aber Michaela hatte dieses Zusammentreffen ohne sein Wissen arrangiert und nun musste er, wollte er sie nicht sehr unglücklich machen, wohl oder übel da durch.

„Hoffentlich reden sie nicht die ganze Zeit von ihrer Monika! Ich weiß wirklich nicht, was ich dann machen soll,“ dachte Stefan besorgt.

Michaela führte ihn ins Wohnzimmer. „Setz dich doch hin. Meine Eltern müssten auch gleich kommen. Ich habe extra Streuselkuchen besorgt. Den isst meine Mutter immer so gerne. Hoffentlich bekommt sie heute wenigstens einen Bissen hinunter. In der letzten Zeit hat sie gar keinen Hunger mehr....“

Stefan nickte und nahm am gedeckten Tisch Platz. Er fühlte sich von Moment zu Moment unbehaglicher und nun klingelte es zu allem Unglück auch noch an der Tür.

„Ich hab schon gehofft, sie kämmen vielleicht nicht,“ dachte Stefan, während Michaela ihre Eltern herein bat.

„Bitte, geht schon mal vor. Ich hänge deine Jacke auf, Mama. Aber wozu du die bei dem warmen Wetter brauchst, ist mir wirklich ein Rätsel!“, hörte Stefan die Stimme seiner Freundin.

„Ich friere immer so,“ antwortete eine Frauenstimme. „Abends nehme ich mir häufig noch eine weitere Decke mit ins Bett. Aber das hilft auch nichts. Mein Arzt meint, diese Kälte käme von innen und das wäre alles seelisch bedingt. Du weißt schon, wegen Monika....“

„Ich weiß, Mama. Aber jetzt lernst du meinen neuen Freund kennen. Ihr beiden werdet ihn sicherlich mögen!“, sagte Michaela und betrat nun doch gemeinsam mit den Eltern den Raum.

Ein groß gewachsener Mann mit grauem Haar reichte Stefan die Hand. „Guten Tag. Ich bin Michaelas Vater. Sie müssen Stefan sein!“

Stefan nickte, während er auch die Hand der Frau schüttelte. Ihr Händedruck war kaum spürbar und ihre Haut war kalt.

Sie war einen ganzen Kopf kleiner als ihr Mann und sah ihrer Tochter Michaela sehr ähnlich.

Doch sie wog mindestens zehn Kilo weniger als ihre Tochter und machte den Eindruck, als würde sie jeden Augenblick zusammen brechen. 

„Es freut mich, Sie kennen zu lernen!“,sagte die Mutter nun und nahm am Tisch Platz.

Michaela reichte ihrer Mutter ein Stück Streuselkuchen, doch diese wehrte ab. „Das ist wirklich lieb von dir. Aber ich habe überhaupt keinen Hunger...“

„Roswita, du hast seit gestern Abend nichts mehr gegessen,“ warf ihr Mann besorgt ein.

Roswita sah ihn erstaunt an. „Wirklich? Darauf habe ich gar nicht mehr geachtet. Aber da habe ich mich doch satt gegessen. Ich habe nun wirklich keinen Apettit, später vielleicht.“

„Ich nehme ein Stück Kuchen,“ sagte der Vater und schenkte seiner Tochter ein gezwungenes Lächeln.

„Immerhin hast du dir die Mühe gemacht und alles so schön vorbereitet. Und ich hätte gerne eine Tasse Kaffee....“

Auch Stefan würgte sich ein Stück Streuselkuchen herunter. Immer wieder sah er zu Michaelas und Monikas Mutter hinüber, die geistesabwesend vor sich hin starrte. 

War sie immer schon so gewesen? Oder hatte sie sich erst nach dem Tod ihrer Tochter so verändert?

„Das wollte ich auch nicht,“ dachte Stefan und wünschte sich, nicht zum ersten Mal in der letzten Zeit, er könnte diesen verfluchten Abend, als Monika starb, ungeschehen machen.

„Hätte ich mich doch nur ein einziges Mal umsonst um eine Statue gekümmert. Das hätte mir doch nicht weh getan. Oder direkt Ratenzahlungen mit Monika vereinbart. Oder irgend was anderes gemacht. Michaela bleibt der Kuchen doch auch im Halse stecken, wenn sie ihre Eltern ansieht.....“

Nun wandte sich der Vater an Stefan. „Es freut mich wirklich, dass meine Tochter jemanden kennen gelernt hat. Sie tun ihr wirklich gut, so glücklich habe ich sie lange nicht mehr gesehen. Sie wissen ja, dass unsere Familie vor kurzem einen schweren Schicksalsschlag verkraften musste.“

Michaelas Mutter erhob sich und eilte aus dem Raum, ihre Tochter folgte ihr.

Der Vater seufzte. „Sie müssen meine Frau und mich entschuldigen. Es geht uns, vor allem meiner Frau, sehr schlecht seit dem Tod unserer anderen Tochter. Ich weiß wirklich langsam nicht mehr, was ich noch machen soll. Unser Arzt hat uns empfohlen, uns an eine Selbsthilfegruppe zu wenden und das werden wir auch bald tun. So geht es wirklich nicht mehr weiter....“

„Das tut mir wirklich sehr leid,“ sagte Stefan leise.

„Danke für ihr Mitgefühl. Übrigens, Sie können mich ruhig Erich nennen. Was soll man sich lange mit irgend welchen Formalitäten aufhalten? Dafür ist die Zeit viel zu kurz...“

Stefan wäre am liebsten Roswitas Beispiel gefolgt und aus dem Zimmer gerannt. Erich schien ein wirklich freundlicher und herzlicher Mensch zu sein. 

„Früher war er bestimmt ein geselliger und fröhlicher Mann, der in einer gemütlichen Runde sein Bier trinkt und Witze macht,“ kam es Stefan in den Sinn.

Doch es kam noch schlimmer. 

„Michaela erzählte mir, dass Sie arbeitslos sind?“, erkundigte sich Erich mitfühlend. „Das tut mir wirklich sehr leid.“

„Es...“, begann Stefan, aber Erich unterbrach ihn. „Das braucht Ihnen wirklich nicht unangenehm zu sein. So viele Menschen sind heute ohne eigenes Verschulden ohne Arbeit. Viele Firmen gehen pleite und setzen ihre Mitarbeiter auf die Straßen. Und es ist mir und meiner Frau nicht wichtig, ob sie ein Bankdirektor sind oder ob sie sich fleißig, aber vergeblich um Arbeit bemühen. Für uns zählt nur noch, dass unsere jetzt einzige Tochter glücklich wird....“

„Bitte entschuldigen Sie mich,“ bat Stefan und verließ den Raum, um auf Michaelas Balkon in Ruhe eine Zigarette zu rauchen und eine klaren Kopf zu bekommen.

Kurz darauf gesellte sich seine Freundin zu ihm und legte die Arme um ihn. „Ich weiß, sie sind keine gute Gesellschaft. Früher war das anders. Aber es war mir wichtig, dass du sie kennen lernst und sie dich. Mein Vater scheint dich zu mögen. Und meiner Mutter ist nun wenigstens so weit, dass sie ein Stück Kuchen isst. Die Arme hat seit Monikas Tod fünfzehn Kilo abgenommen und alle machen sich Sorgen um sie. Irgendwie hat sie ihren Lebensmut verloren, und mein Vater und ich können ihr kaum helfen.“

Michaela schien den Tränen nahe zu ein und Stefan nahm sie in die Arme. „Es tut mir alles so leid....,“ murmelte er leise.

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