Kapitel 96

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An diesem Abend kehrte Jonas müde nach Hause zurück. Zu seiner Überraschung hatte Gerrit den Tisch gedeckt und einige Brote mit Wurst und Käse belegt.

„Danke!“, sagte Jonas als er am Tisch Platz nahm. „Aber solltest du nicht eigentlich noch liegen bleiben? Ob es so gut ist, dass du schon aufstehst weiß ich auch nicht.

„Aber ich. Außerdem tut mir alles weh. Ich kann weder liegen noch sitzen. Nur wenn ich stehe oder gehe ist es erträglich. Ich werde nur so schnell müde. Ich habe gehofft dieses Mal wäre es nicht so schlimm weil ich ja nur ein paar Wochen bei Engelmann war und nicht mehrere hundert Jahre. Aber ich muss mich an vieles erst wieder gewöhnen. Dein Brötchen heute Morgen habe ich nur mit Mühe herunter bekommen.“, antwortete Gerrit und hielt sich am Tisch fest.

Er sah sehr erschöpft aus. Mitleidig sah Jonas ihn an. „Ich bin mir sicher dir geht es bald wieder besser. Und dann bringe ich dich nach Raichelbach wenn du es möchtest. Frau Huber hat sich oft bei Ingo deinetwegen erkundigt. Sie hat sich sehr große Sorgen gemacht. Ich glaube sie hat dich sehr gerne.“

„Ich mag sie ja auch. Und ich würde gerne wieder nach Raichelbach zurück. Aber hat Frau Huber auch was von ....Lisa gesagt?“, erkundigte sich Gerrit vorsichtig.

Jonas schüttelte den Kopf. „Nein, das nicht. Aber das hat nichts zu bedeuten. Ich weiß, du würdest sie gerne wieder sehen.“

Gerrit nickte. Oh ja, das würde ich wirklich. Ich habe mir oft Sorgen gemacht dass Engelmann ihr etwas tut. Weil sie sich mit mir eingelassen hat. Er meinte jemandem wie mir steht das gar nicht zu. Ich wäre nicht mal ein wirklicher Mensch....“

Gerrit sah Jonas traurig an. „Er hat damit ja nicht einmal Unrecht gehabt. Mit fast allem anderen ja. Das die Leute es verdienen würden wenn seine Henker ihn holen. Dass die Schüler in der Schule die harten Strafen verdient hätte. Oder ich meine Bestrafung. Das alles stimmte nicht. Aber ein wirklicher Mensch bin oder war ich wirklich nicht. Auch wenn jetzt alles so ist als wäre ich...“

„Das ist Unsinn, Gerrit. Du weißt Engelmann war verrückt. Und selbst wenn. Ist es denn so schlimm? An dir ist doch nichts Schreckliches. Oder Ekelerregendes.“, unterbrach Jonas ihn und nach einer Weile nickte Gerrit. „Du hast recht. Auch wenn Sebastian offenbar Engelmanns Meinung geteilt hat. Er wollte mich töten!“

„Ich weiß. Aber zum Glück ist es nicht dazu gekommen. Ich habe heute, nachdem mein Chef weg war, übrigens in einigen Hamburger Krankenhäusern angerufen und mich als Sohn von Engelmann ausgegeben. Er wurde tatsächlich eingeliefert. Aber da muss er sich daneben benommen haben und jetzt sitzt er in der Psychiatrie. Bevor ich was sagen konnte hatte man mich an einen Arzt weiter verbunden. Der wollte allerdings keine genauen Auskünfte geben. Aber er meinte nur dass Engelmann eine längere Behandlung brauchen würde. Das heißt er kommt da wohl so schnell nicht mehr raus.“

„Dann taucht er nicht plötzlich irgendwo auf und tut uns allen etwas an?“, erkundigte sich Gerrit vorsichtig und ließ sich erschöpft doch noch auf einen Stuhl sinken.

„Nein, ich glaube nicht. Ich hoffe wir sind ihn los. Aber ein wenig wachsam sollten wir alle noch eine Weile bleiben. Also, wie sieht es aus? Möchtest du dass ich dich in ein paar Tagen, am Wochenende, nach Raichelbrach bringe?“, antwortete Jonas und Gerrit nickte während er auf seinem Stuhl herum rutschte.

Jonas Telefon klingelte und er meldete sich. Am anderen Ende der Leitung hörte er Jessicas Stimme und er ging ins Schlafzimmer um ungestört mit ihr sprechen zu können.

„Du hast gegen Statuen gekämpft,“ stellte Jessica nach einer kurzen Begrüßung fest und Jonas stritt es nicht ab. 

„Ja, die beiden Henker von Engelmann. Und Gerrit ist hier. Es geht ihm den Umständen entsprechend gut.“

„Freut mich, für Gerrit. Aber was dich angeht..... Was hast du wieder gemacht? Du kannst doch nicht einfach planlos irgendwo hin fahren und wieder einen deiner Alleingänge unternehmen!“, sagte Jessica mit einem bitteren Unterton in ihrer Stimme.

„Jessica, ich weiß dass du dir Sorgen...“, sagte Jonas aber sein Freundin unterbrach ihn.

„Dieses Gespräch haben wir doch schon öfters geführt. Und du hast mir beim letzten Mal versprochen dass so etwas nicht noch einmal vorkommen wird. Du wolltest mir Bescheid sagen. Dass du deinen kleinen Bruder nicht unbedingt mit nimmst kann ich ja noch verstehen. Aber was ist mit mir? Ich dachte wir sind zusammen!“

„Jessica, ich war nicht auf eine Rock Konzert sondern ich habe gegen zwei Dämonen gekämpft. Das ist doch wohl was anderes. Was wäre wenn dir etwas dabei geschehen wäre? Ich weiß das haben wir schon besprochen. Aber....“

„Aber was diesen Teil deines Lebens angeht willst du niemanden dabei haben. Schon verstanden. Du willst allein den Helden spielen der uns alle rettet. Aber nicht mit mir. Ich kann so nicht weiter machen. Weißt du eigentlich wie mies es mir die letzten zwei Tage ging? Ich wusste ja nicht mal ob du tot bist. Erst heute morgen hast du mir eine SMS geschickt dass alles in Ordnung sei. Und es ging mir zu Recht mies. Wärst du doch einfach nur auf einem Konzert gewesen. Dann würde ich ganz bestimmt nicht so reagieren!“, unterbrach Jessica ihn ungehalten.

„Ich will mir nicht immer Sorgen um dich machen müssen. Ich kann das einfach nicht mehr.“

„Wie meinst du das? Soll ich damit aufhören Dämonen zu töten? Das ist doch nicht so wie mit dem Rauchen aufzuhören. Glaubst du das macht mir Spaß? Glaubst du ich könnte mir nichts besseres vorstellen als Nachts in alten Burgen, Friedhöfen, Gärten oder vor Kirchen herum zu laufen und Wesen mit roten Augen zu bekämpfen? Aber wenn ich mir zusätzlich auch noch Sorgen um dich machen muss dann ist es noch schlimmer für mich. Es reicht doch dass ich Angst um mein Leben haben muss. Und das ist vielleicht bald...aber egal. Ich will einfach nicht dass du oder sonst jemand der mir was bedeutet dabei ist. Auch wenn ich es dir anders versprochen hatte.“, antwortete Jonas heftig.

„Dann hat es mit uns wohl keinen Sinn mehr. Ich lasse mich nicht einfach abschieben. Und mir mutest du doch auch zu Angst zu haben. Aber du hast recht, damit ist es vorbei. Mach doch was du willst. Es interessiert dich doch sowieso nicht wie es mir dabei geht,“ sagte Jessica und ihre Stimme klang unendlich traurig.

„Dann war es das mit uns?“, fragte Jonas ebenso traurig. Er wollte sich doch nicht von ihr trennen. Nicht von Jessica.

„Das war es mit uns,“ bestätigte Jessica und beendete das Telefonat. Jonas legte den Hörer auf die Bettdecke. Draußen wurde es langsam dunkel jedoch er schaltete nicht das Licht ein.

Kurz darauf klingelte das Telefon erneut und dieses Mal  meldete Lucas sich.

„Willst du mir auch Vorwürfe machen? Dafür dass ich dich nicht mitgenommen habe?“, erkundigte Jonas sich jedoch Lucas schwieg eine Weile ehe er zu sprechen begann.

„Würde es was ändern wenn ich dir Vorwürfe mache? Wahrscheinlich nicht. Warum musst du eigentlich alles kaputt machen? Jessica rief gestern an als wir nicht wussten, was eigentlich los ist und sie war sehr traurig. Es ging ihr gar nicht gut. Mir auch nicht. Hast du wenigstens gewonnen und bist halbwegs lebendig davon gekommen? Welcher Dämon war es überhaupt und wo?“, erkundigte sich Lucas. 

Auch er schien sich irgendwo zwischen Wut und Sorge zu befinden.

„In Hedenburg in der Nähe von Hamburg. Wegen dem Direktor und seinen Henkern. Und wegen Gerrit. Den bringe ich am Wochenende nach Raichelbach.“, antwortete Jonas leise. 

Mit einem Mal war er unendlich müde und er sehnte sich nach einem ruhigen dunklen Zimmer in dem er in Ruhe über seine Trennung und sämtliche anderen Erlebnisse hinweg kommen konnte.

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