Kapitel 50

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Einen Tag nach Gerrits Erlebnis im Raichelbacher Supermarkt kehrte Ingo nach Köln zurück. In der Tasche hatte er eine Krankmeldung des Dorfarztes für Jonas an den gemeinsamen Arbeitgeber dabei.
„Hoffentlich schmeißt man mich nicht raus,“ fürchtete Jonas als er sich von Ingo verabschiedete. Jedoch er fühlte sich noch nicht in der Lage zurück zu kehren und sein altes Leben wieder auf zu nehmen. 
Vor allem nicht den Teil, der den meisten anderen Menschen die Haare zu Berge stehen ließ....

„Mach dir mal nicht zu viele Gedanken darum, du warst halt übers Wochenende hier und bist im Urlaub krank geworden! Jetzt kannst du nicht reisen! Die Bescheinigung habe ich ja dabei! Und erhole dich wirklich gut!“, verabschiedete sich Ingo und hielt sich gerade noch zurück Jonas auf seine verletzte Schulter zu schlagen.

Jonas, Gerrit und Lucas sahen Ingo noch lange nach als er davon fuhr.

„Wir sollten uns vielleicht einmal die Gegend ein wenig besser ansehen,“ schlug Lucas vor. „Immer nur drinnen hocken macht doch auch keinen Spaß!“
„Als nächstes schlägst du noch vor dass wir uns Skier oder Snowboards ausleihen sollen,“ antwortete Jonas spöttisch jedoch im Stillen gab er Lucas recht. 
Ein wenig Ablenkung würde ihnen allen gut tun. Glücklicherweise hatte er die Nachwirkungen der Schlaftabletten mittlerweile überwunden und auch seine Verletzung an der Schulter verheilte nach der Meinung des Dorfarztes recht gut.

Aber Jonas wusste dass nicht alles so verheilte wie es sollte und er verbrachte viel Zeit damit über sich selbst und seine Dummheit beim Besuch bei seiner Mutter nach zu grübeln. Hätte er nicht ahnen müssen dass Hedwig etwas plante?

Gerrit hatte sich auf eine verschneite Bank gesetzt und die Augen geschlossen. Er genoss die Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht.
„Kein Wunder,“ dachte Jonas. „Jahrhundertelang ist er immer noch von Zeit zu Zeit bei Nacht lebendig geworden. Jetzt freut er sich über solche Kleinigkeiten die für uns alle eigentlich selbstverständlich sein sollten. Wenigstens ihm konnte ich noch helfen! Aber wenn er noch länger da sitzen bleibt bekommt er einen nassen Hintern!“

„Hast du deine Oma angerufen?“, erkundigte sich Lucas bei seinem Bruder. 

„Lucas, sie ist auch deine Oma! Und ja, ich habe sie angerufen! Sie hat sich schon Sorgen um uns gemacht nachdem unser Vater ihr berichtet hat dass wir beide verschwunden sind. Sie wollte sogar zur Polizei gehen!“, antwortete Jonas.
„Ich muss mich noch daran gewöhnen, dass sie meine Oma ist!“, antwortete Lucas leise. Er mochte Johanna. Aber noch immer wusste er nicht so recht wo sein Platz in seiner neuen Familie war.

„Ist es wahr dass Georg deine Mutter verlassen hat?“, fragte Lucas neugierig. 

Er gönnte dies Hedwig und hatte im Gegensatz zu so vielen anderen Dingen nicht einmal ein schlechtes Gewissen deswegen. Lediglich wegen Jonas tat es ihm leid. Schließlich verlor der dadurch seine bisher intakte Familie. 
Doch war sie überhaupt so intakt gewesen wie sie nach außen hin aussah? Und war sein Bruder nicht wahrscheinlich wütend auf Hedwig?

„Ja, er hat sie verlassen! Momentan wohnt er im Hotel und sieht sich schon nach einer kleinen Wohnung um!“, sagte Jonas. 

Im Gegensatz zu Lucas tat es ihm um die Ehe seiner Eltern zu seiner eigenen Überraschung leid. All die Jahre die sie zusammen gelebt hatten sollten für nichts gut gewesen sein? Verschwendete Jahre?
Auf der anderen Seite war er, wie Lucas es vermutete, wütend auf seine Mutter. 

„Ich hätte an den Schlaftabletten auch sterben können! Wenn nicht Dennis und Sebastian und vielleicht sogar noch mein Vater dazwischen gegangen wären, dann hätte mich dieser Möchtegernrichter noch mehr verletzt! Vielleicht wäre ich auch dabei gestorben!“, dachte Jonas.

Warum hatte es so kommen müssen? Seine Mutter würde ihm jetzt wahrscheinlich noch vorwerfen dass er durch sein Verhalten seit seiner Geburt selber schuld daran gewesen sei dass es überhaupt so weit hatte kommen können....

„Ich habe nichts verkehrt gemacht! Ich habe mir wirklich alle Mühe gegeben zu dem Kind zu werden dass sie haben wollte! Aber so war ich nun einmal nicht und sie hätte mir nicht dieses Zeug in den Kaffee füllen dürfen! Sie soll froh sein dass ich nicht zur Polizei gehe...“, dachte er wütend und traurig zugleich.

Hatte er seine Eltern, zumindestens seine Mutter verloren? Er warf einen Blick auf Lucas der gerade mit Gerrit ins Haus zurück kehrte. 
„Wenigstens meine Oma und meinen Bruder habe ich! So ganz ohne Familie stehe ich also gar nicht da! Und vielleicht verstehe ich mich irgendwann mit meinem Vater wieder besser!“

Jonas fasste sich an seine Schulter. Die Wunde unter dem Verband juckte von Zeit zu Zeit tat aber glücklicherweise nicht mehr allzu weh.

„Ich hoffe es verheilt einigermaßen, aber ich fürchte mit dem Kampf gegen die Statuen ist es vorbei für mich!“, dachte Jonas frustriert. Zwar hatte die Tatsache dass er der Auserwählte war ihm nicht unbedingt gefallen und es hatte ihn sehr belastet.
Aber nun gab es niemanden mehr der gegen diese Dämonen etwas ausrichten konnte. Würde die beiden verbliebenen Henker und andere ihrer Art für immer ihr Unwesen treiben?

Ein weiterer Gedanken kam Jonas in den Sinn. „Ich glaube nicht, dass sich Julia, Britta und die anderen noch mit mir abgeben wenn ich nicht mehr der Auserwählte bin! Dazu war unser Kontakt auch durch meine Schuld nach der Sache mit dem Dämon über der Kirche zu schlecht! Vorher konnte sie mich nicht ausstehen und ich sie auch nicht!Und jetzt haben sie keinen Grund mehr nett zu sein!“

Jonas holte sein Handy heraus und schrieb Jessica eine SMS. Die schickten sie sich häufig. Er vermisste sie und hoffte dass sie sich bald wieder sehen würden. Einfach nur Nachrichten senden und telefonieren war einfach zu wenig....
„Jessica zumindestens ist weiterhin meine Freundin und nett zu mir,“ dachte Jonas und endlich schienen einige der dunklen Wolken die er vor sich gesehen hatte zu verschwinden.



Johanna saß im Wohnzimmer ihrer Schwiegertochter und starrte auf die dunklen Flecken im hellen Stoff des Sofas. Handelte es sich um Kaffeeflecken oder eine andere Flüssigkeit? So etwas passte so gar nicht zu Hedwig aber in der letzten Zeit hatte so einiges nicht mehr gepasst....

Hedwig nahm nervös im Sessel Platz. „Warum bist du gekommen? Geht es um Georg? Bald werden wir unseren kleinen Streit beigelegt haben und dann zieht er sicherlich wieder hier ein!“, sagte sie und versuchte so überzeugend wie möglich zu klingen.

„Ich möchte vor allem endlich wissen was vorgefallen ist! Es kann sich doch nicht um einen kleinen Streit gehandelt haben! Ihr habt doch schon ganz andere Schwierigkeiten überstanden!“, sagte Johanna besorgt.

„Du meinst damals die Sache als Georg mich betrogen hat und diesen kleinen Bastard gezeugt hat?“, erkundigte sich Hedwig aufgebracht während Johanna zusammen zuckte. Es gefiel ihr nicht das Hedwig so über ihren jüngeren Enkel sprach. 
„Ja, das hat unsere Ehe überstanden, nicht aber Lucas Einzug in dieses Haus! Und Jonas hat auch seinen Teil dazu beigetragen dass Georg und ich uns nicht mehr verstehen!“, fuhr Hedwig fort.

„Was haben die Kinder denn damit zu tun? Sie können doch gar nichts dazu und außerdem will ich jetzt endlich wissen was genau vorgefallen ist! Die beiden sind verschwunden aber dich scheint das ja nicht zu kümmern!“, stellte Johanne nicht minder aufgebracht fest.

„Es kümmert mich schon! Die Nachbarn zerreißen sich bereits das Maul über mich und ich bin sicher sie machen sich über mich lustig! Frau Müller soll neulich sogar gesagt haben dass ich eine schlechte Mutter sei!“, antwortete Hedwig empört.
„Und das mir die ich sogar diesen Kleinkriminellen Lucas aufgenommen und ihm ein zuhause gegeben habe! Und habe ich nicht alles für Jonas getan? Und was ist der Dank? Er wird ebenfalls kriminell und beschädigt Kunstgegenstände!“

„Und was genau ist vorgefallen? Warum genau hat Georg dich verlassen? Aus ihm bekomme ich ja nichts heraus! Er sagte nur es hätte etwas mit dir und Jonas zu tun!“, hackte die Schwiegermutter nach.

„Es hatte in der Tat etwas mit ihm zu tun! Georg wirft mir vor dass ich eine unliebsame Angelegenheit....regeln wollte. Ich wusste doch nicht dass die Schlaftabletten schädlich sind. Dass dieser Direktor Jonas dann mit einem Messer angreift konnte ich auch nicht ahnen!“, verteidigte sich Hedwig und schien es sofort zu bereuen als sie den Gesichtsausdruck ihrer Schwiegermutter sah.

„Du hast meinem Enkel Schlaftabletten gegeben? Wie konntest du nur? Und wer hat ihn mit einem Messer angegriffen? Hedwig, was ist hier geschehen? Wenn du es mir nicht sofort sagst dann gehe ich zur Polizei!“, forderte die besorgte Großmutter sie auf und erhob sich.

„Das kannst du nicht machen,“ stammelte Hedwig. 
„Was sollen die Nachbarn sagen wenn jetzt auch noch die Polizei nach hier kommt? Ich werde dir sagen was geschehen ist! Der Direktor von Lucas Schule kam zu mir und sagte mir dass mein ältester Sohn des öfteren alte Gegenstände, insbesondere Statuen beschädigt! Er würde sich für einen Vampirjäger oder Statuenjäger oder etwas in der Art halten! Und er müsste eigentlich die Polizei verständigen aber er würde es nicht tun wenn ich meinen Sohn außer Gefecht setzen und mit ihm eine Weile allein lassen würde! Er wollte ihm nichts Schlimmes antun sondern ihn nur dazu bringen künftig ein besseres Leben zu führen! Was hätte ich denn machen sollen? Zulassen dass die Polizei nach hier kommt und alle es mitbekommen? Ich wollte meine Familie beschützten und meine Ehe retten! Lucas hatte schon Unfrieden gestiftet zwischen Georg und mir...“

„Langsam zweifle ich an deinem Verstand, Hedwig!“, fuhr Johanna ihre Schwiegertochter an. 
„Und wo die beiden jetzt sind weißt du auch nicht! Mich hat Jonas zwar angerufen und gesagt es sei alles in Ordnung mit ihm und Lucas aber ich schlafe keine Nacht mehr seitdem meine Enkel verschwunden sind!“

„Ich schlafe auch nicht mehr! Ich mache mir Sorgen um meine Ehe! Georg sieht nicht ein dass ich doch nicht wissen konnte was der Direktor vorhatte! Wie hätte ich so etwas denn ahnen sollen?“, antwortete Hedwig aufgebracht.

„Mit dir bin ich fertig! Ich werde dich auch nicht mehr besuchen! Manchmal frage ich mich was in Georgs Kopf vorgegangen ist als er dich geheiratet hat!“, sagte Johanna und verließ das Haus der Schwiegertochter.

Sie wischte sich die Tränen aus den Augen. „Das ich mir in meinem Alter noch solche Sorgen machen muss!“, dachte die alte Frau unglücklich und beschloss nun auch mir ihrem Sohn ein ernstes Gespräch zu führen.

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