Kapitel 143

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Am Abend saßen Jonas, Lucas und Gerrit noch zusammen in der Gaststube als der letzte Gast bereits gegangen war.

„Wie hat euer Vater eigentlich reagiert als ihr ihm alles erzählt habt?“, erkundigte sich Gerrit und schob Lucas und Gerrit eine Cola hin die er aus der Küche geholt hatte. 

Ihm selbst schmeckte dieses Getränk ganz und gar nicht und es bereitete ihm Übelkeit.

„Er weiß nicht alles. Von meinen Veränderungen habe ich ihm nichts erzählt. Das wissen auch nur du, Lucas und Frau Huber. Und Stefan natürlich. Momentan wäre es mir auch noch ganz recht wenn das so bleiben würde. Aber auf die meisten anderen Sachen hat er besser reagiert als ich es erwartet hätte,“ antwortete Jonas nachdenklich und er wandte sich an seinen jüngeren Bruder. „Oder hat er noch was zu dir gesagt?“

„Nein, nicht mehr allzu viel. Zum Glück hält er uns nicht für verrückt. Und er glaubt auch nicht dass wir uns einen geschmacklosen Scherz erlauben. Aber zu hundert Prozent überzeugt ist er auch noch nicht. Dazu müsste er wahrscheinlich erst einmal von einer Statue gejagt werden. Hoffen wir mal dass es nicht dazu kommt!“, sagte Lucas mit Unbehagen. 

„Wenn man bedenkt, vor ein paar Monaten hielt ich ihn für den letzten Menschen auf Erden und konnte ihn absolut nicht ausstehen. Und jetzt mache ich mir Sorgen um ihn!“

„Aber er ist dein Vater. Da ist es ganz normal dass du dir Sorgen machst. Als meine Eltern noch lebten habe ich mir auch immer Sorgen gemacht aber sie sind früh gestorben. Und dann habe ich mir Gedanken um Maria und Andreas, meine Geschwister, gemacht. Ich weiß ja jetzt was aus ihnen wurde. Aber ich glaube sie hatten ihr Leben lang Angst vor Engelmann auch wenn sie bei Walther sicher waren!“, sagte Gerrit nachdenklich. 

„Die beiden fehlen mir. Vor allem gestern, da war eine Familie hier und die hatten zwei Kinder dabei, einen Jungen und ein Mädchen. Die waren in etwa im Alter von meinen Geschwistern als ich sie das letzte Mal gesehen habe. Die beiden haben Karten gespielt während sie auf das Essen gewartet haben. Und als ihnen das zu langweilig wurde sind sie nach draußen gegangen und haben da gespielt. Sie waren so unbeschwert, das waren Andreas und Maria nie. Die hatten auch ohne Engelmann immer nur Angst vor allem möglichen Dingen und sie konnten nie richtig spielen. Das war früher nicht ungewöhnlich aber es tut mir trotzdem noch immer leid.“

„Du hast auch nicht allzu viel Zeit zum unbeschwerten Spielen gehabt, nicht wahr?“, erkundigte sich Jonas mit einem Mal mitfühlend.

Gerrit zuckte die Schultern. „Nicht so wichtig. Ich musste doch auf Maria und Andreas aufpassen.“

Am gleichen Abend lag Friedrich Engelmann auf der Intensivstation eines Hamburger Krankenhauses. Man hatte ihn am Vortag mit heftigen Blutungen im Magenbereich von der psychiatrischen Klinik in das andere Krankenhaus verlegt und besorgt werteten die Ärzte nun die Untersuchungsergebnisse aus.

„Ich fürchte, da können wir nichts mehr machen, Herr Professor Hennes! Wie konnten die Kollegen diese Magengeschwüre lediglich mit Schmerzmitteln behandeln? Da hätte man andere Maßnahmen ergreifen müssen.....sie haben sich ja über den gesamten Magen verteilt und bluten heftig. Der arme Mann wird wahrscheinlich die Nacht nicht überstehen!“, sagte ein grauhaariger Arzt zu seinem Chefarzt der eigens hinzu gerufen worden war.

„Ich fürchte da haben Sie recht, Herr Kollege,“ antwortete Herr Professor Hennes. 

„Dem armen Mann können wir nur noch was gegen die Schmerzen geben. Operieren können wir so nicht. Wenn sein Zustand sich ein wenig stabilisieren würde dann könnten wir es wagen. Aber so....hat er Angehörige?“

Der andere Arzt schüttelte den Kopf. „Nein, er hat niemanden. Ein angeblicher Sohn hat einmal angerufen aber ich fürchte es gibt niemanden den wir verständigen können.“

Unterdessen öffnete Friedrich Engelmann die Augen und sah eine Krankenschwester die neben seinem Bett stand böse an. 

„Sie sollten sich ein wenig schämen, Ihre Haare sind doch bestimmt gefärbt! So was macht man nicht, eine anständige Frau altert in Würde!“

Die Schwester war schwierige Patienten gewöhnt und ignorierte freundlich lächelnd die Worte des Schwerkranken.

Nun traten auch Professor Hennes und sein Kollege an das Bett des ehemaligen Richters. „Wie geht es Ihnen, Herr Engelmann? Wenn Sie wieder Schmerzen bekommen dann sagen Sie sofort Bescheid!“

„Ich habe keine Schmerzen. Und mir würde es noch besser gehen wenn man mich nicht von Gerrit getrennt hätte! Er ist eigentlich seit Jahrhunderten tot und hatte kein Leben verdient. Jetzt hat er eins vor sich und ich muss sterben! Das ist einfach nicht gerecht!“, sagte Engelmann verbittert und Professor Hennes sah ihn fragend an. „Gerrit? Wer ist das? Ein Verwandter? Sollen wir ihn verständigen?“

„Sie werden ihn wohl kaum finden, Sie Dummkopf! Wenn Sie wüssten was es alles in der Welt gibt dann wären Sie nicht so selbstgerecht.....“, murmelte Engelmann und schloss für einen Augenblick die Augen ehe er sie wieder öffnete und die beiden Ärzte sowie die Krankenschwester erschrocken ansah. „Ich sterbe....ich habe das nicht verdient....“

Der ehemalige Richter schloss die Augen und die Ärzte sahen wie seine Atemzüge immer unregelmäßiger wurden. Sie wollten noch eingreifen aber es war bereits zu spät und wäre ohnehin sinnlos gewesen.

„Er ist tot,“ stellte Professor Hennes schließlich fest. „Das tut mir immer wieder leid wenn jemand so einsam und verlassen stirbt. Das verdient wirklich keiner!“

„Auch wenn er sehr unhöflich war,“ seufzte die Schwester. „Aber jetzt ist sein Leiden ja beendet. Armer Mann!“

Der Arzt machte sich daran einen Totenschein auszufüllen, in Gedanken war er bereits bei einem anderen Patienten der ein paar Zimmer nebenan lag und nach dem er unbedingt noch sehen musste.

Friedrich Engelmann war tot, aber was die Ärzte nicht wussten war, dass auf ihn kein strahlendes helles Licht wartete, sondern unheimliche Gestalten mit roten Augen machten sich daran, ihm einen letzten Alptraum zu verschaffen.....

In Raichelbach saß Gerrit am nächsten Morgen unausgeschlafen am Frühstückstisch als Jonas und Lucas hinzu kamen.

„Was ist denn los? Du siehst blass aus,“ stellte Frau Huber besorgt fest und stellte ein Glas Orangensaft vor ihren Schützling auf den Tisch.

„Er ist tot! Engelmann ist letzte Nacht gestorben. Ich war so lange mit ihm verbunden und ich weiß es einfach!“, antwortete Gerrit leise und sah schuldbewusst auf sein Saftglas.

„Er ist tot?“, erkundigte sich Frau Huber ohne großes Mitgefühl. „Über so was sollte man sich nicht freuen aber dann bist du nun endgültig sicher vor ihm und ich muss mir wenigstens deswegen keine Sorgen mehr um dich machen!“

„Ja, das bin ich. Und bin ich eigentlich ein sehr schlechter Mensch weil ich nicht traurig darüber bin?“, erkundigte sich Gerrit müde. „Als ich gemerkt habe dass er stirbt war ich einfach nur erleichtert....“

„Gerrit, das ist doch nur verständlich. Ich glaube keiner ist traurig darüber dass Engelmann jetzt tot ist. Niemand wird ihn vermissen. Eigentlich ist so was traurig aber er war es doch selbst schuld,“ sagte Lucas und erinnerte sich daran dass der ehemalige Richter für den Tod seiner Mutter verantwortlich war.

„Ich weiß. Eigentlich sollte ich mich sogar freuen dass wir vor ihm jetzt wirklich sicher sind. Er wird nie mehr zurück kehren und wir können endlich zur Ruhe kommen,“ sagte Gerrit und griff nach seinem Glas Orangensaft.

Jonas hatte schweigend zugehört. Auch ihm kam es seltsam vor dass der Richter der ihnen so lange das Leben schwer gemacht hatte nie mehr zurück kehren würde, auch Mitleid verspürte er keins. „Ihm hat auch keins seiner Opfer leid getan,“ dachte Jonas und erhob sich. Draußen herrschte ein schöner Sommertag.

„Wir sollten nachher vielleicht alle einen Ausflug machen,“ schlug er vor.

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