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Pen Your Pride

Kapitel 186

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Bald darauf betraten Jonas, Julia, Gerrit und Lisa die Kirche von Raichelbach. Diese war, wie in Bayern häufig üblich, sehr hübsch geschmückt und ein älterer Herr kam ihnen entgegen und reichte Jonas die Hand.
„Ich freue mich, dass wir uns endlich einmal persönlich kennen lernen! Mein Name ist Michels!“

„Guten Tag, Herr Michels!“, begrüßte Jonas den Pfarrer.

Die ganze Situation war ihm ein wenig unangenehm. Wofür hielt dieser Mann ihn? Für eine großen Helden oder einen Heiligen?
„Ich bin eher das Gegenteil! Wenn er das wüsste, dann würde er bestimmt vor mir davon laufen!“

Doch Pfarrer Michels machte keinerlei Anstalten, davon zu laufen, im Gegenteil. Er bat die vier Besucher, ihm zu folgen. Er führte sie in eine kleine Raum neben dem Altarraum.
„Normalerweise ziehen sich hier die Messdiener um. Aber ich habe für die Jungs und Mädchen auch immer was zum Naschen da!“

Er öffnete einen Kühlschrank, der in einer Ecke stand, und holte einen Apfelkuchen heraus. „Den habe ich vorhin beim Bäcker geholt! Ich hab ihn in den Kühlschrank gestellt, ich mag es immer, wenn der schön kühl ist! Ich hatte keine Zeit mehr, um ihn ins Pfarrhaus zu bringen, weil ich hier noch was für den nächsten Gottesdienst hinbringen musste. Ins Pfarrhaus sollten wir jetzt gehen, alle wichtigen Unterlagen bewahre ich dort auf. Und dann essen wir erst einmal den Kuchen. Sie mögen doch Apfelkuchen Herr Schneider, oder?“

Das letzte fragte er direkt an Jonas gewandt. „Ja, ich mag Apfelkuchen,“ antwortete dieser unbehaglich.
Doch auf der anderen Seite wollte dieser Pfarrer lediglich freundlich zu ihm sein und er hatte sich extra die Mühe gemacht, den Kuchen zu besorgen.

Eine Viertelstunde später saßen Jonas, seine drei Begleiter und der Pfarrer im Wohnzimmer des Pfarrhauses und aßen den Kuchen. Dazu hatte Pfarrer Michels Kaffee gekocht und stellte nun jedem eine Tasse hin.
„Ich habe nicht so häufig Besuch hier, darum liegt einiges herum,“ sagte er entschuldigend. „Meistens führe ich Besucher in mein Arbeitszimmer.“

Dann wandte er sich an Jonas. „Sie benötigen also Informationen über die Geschichte von Raichelbach? Und über Grünenbach? Dazu kann ich Ihnen ein wenig erzählen. Grünenbach lag ungefähr drei Kilometer von hier entfernt. Irgendwann, vor langer Zeit, hat sich einmal jemand die Mühe gemacht, die genaue Entfernung zu messen. Grünenbach wurde dann in der Zeit des 30-jährigen Krieges zerstört. Warum interessieren sie sich denn für diesen Ort?“

Jonas zögerte einen Augenblick. Doch dann beschloss er, den Pfarrer in die Angelegenheit mit den Statuen ein zu weihen.

Als er seinen Bericht beendet hatte schwieg der Pfarrer, sichtlich erschüttert. „Da sind wir endlich diesen Franzl los geworden. Ich habe ihn vor Jahren einmal von weitem gesehen, als er Nachts lebendig wurde. Ich konnte kaum meinen Augen trauen, irgendwie hatte ich es bis dahin trotz allem noch für ein Märchen gehalten. Zum Glück hat er mich nicht gesehen. Es war ein Dämon, nicht wahr?“

Jonas nickte. „Ja, er war ein Dämon! Aber jetzt ist er ja zum Glück weg. Dafür gibt es die anderen Statuen. Und ich muss einfach mehr darüber wissen, bevor ich....“

„Bevor sie sich mit denen anlegen? Ich beneide Sie wirklich nicht! Das ist ja schrecklich? Machen Sie so etwas öfters? War Franzl nicht der einzige?“, erkundigte sich der Pfarrer und wurde blass.

„Ja, Jonas hat so was schon viel öfter gemacht,“ mischte Gerrit sich ein und Julia nickte zustimmend. „Ich weiß gar nicht so genau, wie viele Dämonen das jetzt waren. Auf jeden Fall eine ganze Menge!“

Der Pfarrer erhob sich. „Ich werde mal nachsehen, was ich in meinen Unterlagen über die Kirche von Grünenbach finde. Meine Großmutter erzählte mir vor vielen, vielen Jahren einmal, dass sich die Raichelbacher und Grünenbacher nicht ausstehen konnten. Zwischen den beiden Dörfern muss es früher, vor der Zeit des dreißigjährigen Krieges, immer wieder kleinere und größere Streitereien gegeben haben. Es ging dabei um verschiedene Dinge. Genaueres wusste sie aber auch nicht mehr.“

Während der Pfarrer den Raum verließ, fasste Lisa sich plötzlich an den Kopf und wurde blass. Fragend sah Julia sie an, aber Gerrit und Jonas verstanden, was mit ihr los war.
„Rufen dich die Statuen?“, erkundigte sich Gerrit und nahm Lisas Hand. Sie antwortete nicht, doch damit hatten weder ihr Freund noch Jonas wirklich gerechnet.

„Du kannst es uns nicht sagen, nicht wahr? Es ist doch immer das gleiche mit den Dingern,“ sagte Gerrit wütend. „Am liebsten würde ich.....Jonas, kannst du mir mal dein Schwert leihen?“

Jonas sah ihn überrascht an. So wütend kannte er Gerrit nicht. „Das meinst du hoffentlich nicht ernst, oder?“

Aber Gerrit dachte gar nicht daran, sich zu beruhigen. „Die sollen Lisa in Ruhe lassen! Wir müssen was machen! Und das am besten sofort. Warum gehen wir nicht sofort da hin und du haust ihnen die Köpfe ab?“
„Weil wir noch ein paar Informationen brauchen! Und weil es Tag ist. Da nützt es nicht allzu viel, wenn wir sie angreifen. Wir müssen warten, bis sie lebendig sind! Das weißt du doch selber!“, sagte Jonas unruhig.

Gerrit wollte noch etwas darauf erwidern, doch in diesem Augenblick kehrte der Pfarrer mit drei dicken Büchern zurück.
„Wir haben hier einige Unterlagen über Grünenbach und Raichelbach. Da hat einer meiner Amtsvorgänger sehr gut Buch geführt. Und sie scheinen sogar schon damit gerechnet zu haben, dass wir es mit Dämonen zu tun haben. Und das lange vor dem Franzl!“

Pfarrer Michels legte die Bücher auf den Tisch und klappte eins von ihnen auf. Er hatte ein Stück Papier als Lesezeichen zwischen zwei Seiten gelegt.
„Ich habe sogar recht schnell etwas gefunden. Das ist alles auf Latein geschrieben, aber zum Glück hatte mein Vorgänger eine gute Handschrift. Aber ich glaube, ich lese euch die Stelle am Besten einmal vor.“

„Ja, bitte. Lisa geht es gar nicht gut. Die Statuen rufen schon nach ihr,“ sagte Jonas beunruhigt.

Der Pfarrer nickte und warf dem Mädchen einen besorgten Blick zu. „Das klingt gar nicht gut!“
Dann beugte er sich über das Buch und begann, vorzulesen.

Im Jahre 1623 ereigneten sich unheimliche Dinge im Nachbarort Grünenbach. Schon immer herrschten Streitigkeiten zwischen den Raichelbachern und den Grünenbacher. Es ging dabei um Landbesitz und angeblichen Viehdiebstahl. Doch dann sorgte ein Raichelbacher, ein Bauer mit Namen Josef Maurerer, dafür, dass der Streit einen traurigen Höhepunkt erreichte.

Josef Maurerer geriet in Streit mit dem Pfarrer der St. Ignatius Kirche, der Kirche von Grünenbach. Es ging dabei, wie so oft in dieser Welt, um Geld.
Josef Maurerer geriet in Wut und versuchte, die Kirche anzuzünden. Dies geschah an einem Sonntag, während fast die gesamte Gemeinde den Gottesdienst besuchte. Das Feuer wurde rechtzeitig entdeckt und konnte gelöscht werden. Aber man hatte bemerkt, wer der Brandstifter gewesen ist.“

„Sie wussten also, dass es dieser Josef Maurerer aus Raichelbach war. Da waren sie bestimmt wütend, oder?“, fragte Julia.

Der Pfarrer nickte. „Ja, hier geht es weiter. Ich lese einmal weiter vor. Leider ist die Schrift hier ein wenig schwieriger zu entziffern. Aber es ist mir vorhin trotzdem gelungen. Ein Glück, dass meine Vorgänger alles so gut sortiert hatten. Alles genau nach Datum geordnet, obwohl in dieses Buch bestimmt schon seit 200 Jahren niemand mehr rein geschaut hat. Das war ganz schön staubig!“

Die Bewohner von Grünenbach gerieten in große Wut und es gelang ihnen noch, den flüchtenden Josef Maurerer zu fassen.
Am nächsten Morgen fand man ihn tot, an einem Baum hängend, vor.
Darüber gerieten die Raichelbacher, vor allem aber seine Ehefrau Johanna, in helle Aufregung. Sie forderte die Bewohner ihres Dorfes auf, Rache für den Mord an ihrem Mann zu üben. Aber der damalige Pfarrer hielt die wütende Menge davon ab.

Daraufhin drohte Johanna Maurerer, sich an jemand anderen zu wenden, der ihr helfen könne.

Sie wandte sich leider an eine weithin als Hexe verschrieene junge Frau mit Namen Gertrude. Diese schlich Nachts zur Kirche von Grünenbach und stellte etwas, angeblich eine kleine Statue, hinter einen Stein in der Kirchenwand und sagte, Grünenbach würde noch in Jahrhunderten für den Mord an Josef Maurerer büßen. Was genau sie dort tat, konnte niemals in Erfahrung gebracht werden.
Doch ein paar Nächte später lehnte an der Wand der Kirche, die Josef Maurerer vergeblich versucht hatte anzuzünden, eine Statue.
Diese war ein wenig größer als ein ausgewachsener Mann und es hieß, dass sie Nachts lebendig würde. Bald darauf fand man einige Bewohner von Grünenbach tot vor dieser Statue auf.

Einige mutige Handwerker wollten dem Gebilde mit Hammer und Meißel zu Leibe rücken, doch sie konnten es nicht beschädigen. Statt dessen lebten auch diese tapferen Menschen nicht mehr lange.

Schließlich verschwand die Statue von selbst wieder und man glaubte sich in Sicherheit. Doch fünf Jahre später, im Jahre 1628, tauchte sie erneut auf und das Sterben begann von neuem.
Johanna Maurerer erzählte thriumphierend und stolz in ganz Raichelbach herum, dass dies die gerechte Strafe sei.
Die Hexe, die ihr half, konnte man nicht mehr zur Rechenschaft ziehen. Zwei Jahre zuvor hatte sie ihr Ende auf einem Scheiterhaufen bei München gefunden, nachdem sie auch dort Unheil stiftete.

Doch es sprach sich bis nach Grünenbach herum, dass Johanna Maurerer nicht unbeteiligt an dem Grauen, das dort umging, war.
Daher stürmten aufgebrachte Grünenbacher unser schönes Dorf Raichelbach und verschleppten einige Bewohner, darunter auf Johanna Maurerer. Man fand die Unglücklichen am nächsten Morgen tot vor der Statue.
Niemand wagte sich inzwischen mehr, die Kirche zu betreten, auch nicht, als die Statue ein paar Wochen später verschwand. Im Jahre 1639 tauchte sie erneut auf, doch dieses Mal nicht allein. Eine zweite Statue stand neben ihr. Erneut starben Menschen und ein Mann wurde gerufen, der dem Grauen ein Ende machen sollte. Er enthauptete eine der Statuen und man sprach von blauen Lichtern, die aufstiegen.“

„Ein Dämonenjäger,“ murmelte Jonas. „Also hat schon mal jemand was gegen die Dinger versucht. Aber warum hat er die zweite nicht mit erledigt?“

„Das steht hier. Die zweite Statue flüchtete und lief fast bis nach Raichelbach. Dort holte dieser Mann sie ein und enthauptete sie ebenfalls!“, erklärte der Pfarrer.

„Aber damit hätte die Sache doch erledigt sein müssen! Sind die Dinger wieder nachgewachsen?“, fragte Jonas verwundert.

Der Pfarrer nickte. „Ja, das geschah. Hier steht, wie es weiter ging.“

Der Mann wurde für seien Arbeit entlohnt und alle glaubten sich in Sicherheit und die Grünenbacher und Raichelbacher schlossen so etwas wie einen Frieden. Sie errichteten ein Wegkreuz auf halbem Wege zwischen den beiden Orten. Dort sollte fortan die Grenze verlaufen und es wurde im allgemeinen akzeptiert.“

„Das Kreuz gibt es immer noch,“ sagte Gerrit. „Ich hatte irgendwie das Gefühl, als müssten wir auf der anderen Seite sicher sein. Vielleicht kann der Dämon die Grenze ja auch nicht überschreiten!“

Der Pfarrer nickte. „Das könnte sein. Denn das Kreuz wurde aus dem Stein der Grünenbacher Kirche gemeißelt, an dem sich zuvor die erste Statue befand. Dann wurde es von beiden Pfarrern gesegnet. Vielleicht wurde so etwas geschaffen, dass die Dämonen zurück hielt. Es hatte eigentlich wohl eher symbolischen Charakter.....“

„Zum Glück wurde so eine Grenze festgelegt. Das hatte die Hexe damals wahrscheinlich nicht getan. Sie wollte ja nur die Grünenbacher bestrafen. Und ohne es zu wissen, haben die Leute auf die Weise ihre Arbeit zu Ende gebracht!“, vermutete Gerrit und fügte hinzu: „Der....Richter hat mal mit einem seiner Henker über eine ähnliche Sache geplaudert. Er hatte Angst, dass jemand bei seinen Statuen so was versuchen könne, denn er musste damals fluchtartig einen Ort verlassen, nachdem man ihm dort auf die Schliche gekommen war.“

„Richter? Henker?“, erkundigte sich der Pfarrer, aber Gerrit schüttelte den Kopf. „Bitte lesen Sie weiter!“

Der Pfarrer sah wieder in sein Buch und fort.
Im Jahre 1643 wurde der Ort Grünenbach von feindlichen Truppen zerstört, auch Raichelbach wurde in Mitleidenschaft genommen. Doch während man Raichelbach wieder aufbaute, verließen die überlebenden Bewohner Grünenbach, um anders wo neu anzufangen.
Zu bitter waren die Erinnerungen und niemand wollte, da der Ort nun einmal zerstört war, dort einen Neubeginn wagen.
Und das Grauen kehrte zurück. An der zerstörten Kirche stand im Jahre 1685 erneut eine Statue. Ich selbst habe sie am Tage erblickt, damals war ich ein Junge im Alter von 9 Jahren. Man fand dort Tierkadaver und einen alten Händler, der auf der Durchreise dort bei Nacht vorbei gekommen sein muss. Man munkelte, dass es mit der Statue etwas unheimliches auf sich habe, doch seit ihrem letzten Auftauchen waren über vierzig Jahre vergangen. Und als sie ein paar Wochen später verschwand, geriet die Angelegenheit in Vergessenheit.

Leider kann man sie nun nicht mehr vergessen. Ich bin ein alter Mann und verrichte seit Jahren meinen Dienst als Pfarrer der Kirche von Raichelbach. Ich rate den Menschen, jetzt, im Jahre 1731, nicht in die Nähe von Grünenbach zu gehen. Es sei nicht gut für sie, da einst so viel Streit zwischen den Dörfern herrschte. Und ich hoffe, dass das Grauen bald wieder verschwindet. Denn am gestrigen Tage tauchte dort an der Wand erneut eine Statue auf. Die jetzige, junge Generation, weiß nichts von der Gefahr. Ich will, dass sie in Frieden leben können. Daher habe ich sie nicht gewarnt und den wenigen, sehr alten Menschen, die die alte Geschichte, die fast 100 Jahre zurück liegt, noch kennen, geraten, zu schweigen.
Ich hoffe, ich begehe damit keinen Fehler. Mein Leben wird bald enden, ich bin alt und krank. Schmerzen im Rücken und im Bauch plagen mich seit Monaten. Daher verliere ich nicht allzu viel, wenn ich heute Nacht zu dieser Statue gehen. Vielleicht nützt es etwas, wenn ich sie mit Weihwasser besprenkele und ein Gebet spreche.....
Gez. Pfarrer Hubert Martens, April 1731

„Die Statuen waren also besiegt worden. Und dann fing es wieder mit einer an. Aber in unregelmäßigen Abständen. Ich kann da zwischen den Jahreszeiten keinen Zyklus erkennen. Mittlerweile sind es fünf Dämonen. Aber warum kehrten sie zurück, nachdem sie einmal besiegt worden waren? Das verstehe ich nicht so ganz,“ sagte Jonas nachdenklich.

„Das weiß ich auch nicht. Aber allein schon wegen Lisa müssen wir so schnell wie möglich was machen,“ sagte Gerrit und drückte Lisa an sich.

„Der arme Pfarrer damals tut mir leid,“ sagte Julia betroffen. „Ich glaube nicht, dass er mit einem Gebet und Weihwasser viel ausrichten konnte!“



Kleine Anmerkung: Eine weitere Spinn-Off-Geschichte zu „Dämonische Statuen“ habe ich gestern gestartet. Wer Lust hat, kann ja  mal rein schauen.

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