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Pen Your Pride

Kapitel 7

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Seit zwei Wochen arbeitete Julia nun bereits im Schulsekretariat und die Arbeit machte ihr im großen und ganzen Spaß. „Ich glaube, mit der Arbeit hier habe ich echt Glück gehabt,“ sagte sie zu ihrer Kollegin Frau Hellenberg.
Diese war Anfang 50 und bereits seit Jahren als Sekretärin tätig. „Ja, aber ich hoffe einmal, dass es weiterhin so angenehm hier bleibt, denn bald bekommen wir doch einen neuen Direktor. Ich bin halt so an unseren alten Herrn gewöhnt, das wird bestimmt eine sehr große Umstellung sein!“

„So schlimm wird der Neue doch nicht sein. Vielleicht ist er ja ganz nett!“, versuchte Julia ihre Kollegin ein wenig zu trösten. Diese hatte sie vom ersten Tag an ins Herz geschlossen und Frau Hellenberg genoss es ein wenig, Julia zu bemuttern.
„Was macht denn dein netter Freund?“, erkundigte sie sich nun. 
Julia lächelte. „Sebastian geht es gut, er möchte mich nach Dienstschluss abholen und dann gehen wir ins Kino!“

Es läutete zur großen Pause und Frau Hellenberg seufzte. „Jetzt hat der Flohzirkus wieder Ausgang! Ich weiß, ich klinge jetzt wie eine alte Oma, aber zu meiner Zeit waren die Schüler wirklich viel höflicher und wohlerzogener. Erst gestern hatten wir eine Schlägerei und in der 5. Klasse gibt es ein Mädchen, das wird immer von allen geärgert. Es ist wirklich manchmal nicht mehr schön, das mit anzusehen, wie die Kleine gehänselt wird, nur weil sie leider eine Brille mit sehr starken Gläsern tragen muss! Da kann das arme Kind doch nun wirklich nichts dafür! Ich bin jetzt schon zwei mal dazwischen gegangen als ich auf dem Schulflur mitbekam, wie man der Kleinen an den Haaren zog, aber immer aufpassen kann ich doch auch nicht! Auch mit der Lehrerin habe ich schon gesprochen, aber die meint, das Mädchen müsse lernen, sich selbst durchzusetzen, sie könne sich nicht um jede Kleinigkeit kümmern.“
„Ja, das ist wirklich nicht schön,“ antwortete Julia und wurde ein wenig rot. Immerhin hatte sie selbst sich jahrelang einem gewissen Mitschüler gegenüber auch nicht viel besser verhalten.

Kurz darauf klopfte es an der Türe und zwei Jungen kamen herein. Die Sekretärin seufzte. „Andy und Lucas! Ihr beiden schon wieder! Habt ihr euch wieder einmal geprügelt?“

Nun sah sich auch Julia die beiden ein wenig genauer an.

Einer der beiden, ein dunkelhaariger Junge von vielleicht fünfzehn Jahren blutete aus der Nase, während der andere, irgendwie erinnerte er Julia an Jonas, und das nicht nur, da er die gleichen dunkelblonden Haare hatte, hielt sich seine aufgeschürfte Hand. Genau so hatte Jonas meist ausgesehen, wenn man ihm wieder einmal geärgert hatte, und daher wirkte dieser Junge fast wie eine vielleicht fünf Jahre jüngere Kopie von Jonas.

„Geprügelt? Wir? Wir haben uns nur gewehrt! Das war reine Notwehr!“, sagte der dunkelhaarige mit einem zittrigen Lächeln.
Frau Hellenberg seufzte noch einmal und griff in einen Schrank. Dort holte sie ein paar Tempotaschentücher und Pflaster heraus.

Sie reichte sie dem anderen Jungen. „Hier, bitte schön, Lucas! Geht damit zur Toilette und lasst mal Wasser über eure Schrammen laufen, bevor ihr die Pflaster drauf klebt! Und vielleicht vergeht ja auch mal ein Tag, wo ihr nicht nach hier kommt und irgend etwas angestellt habt!“

Die beiden Jungen verließen das Zimmer und Julia sah ihre Kollegin fragend an. „Die beiden kommen jeden Tag? Ich habe sie bisher noch nicht gesehen!“
„Jeden Tag ist auch übertrieben, aber so zweimal die Woche habe ich sie hier stehen und muss ihnen Pflaster geben. Das sind auch so zwei Problemfälle aus der 9. Klasse. Die gehen keiner Schlägerei aus dem Weg, das letzte Mal waren sie vor drei Tagen hier, als du gerade Pause gemacht hast! Es ist wirklich nicht schön mit den beiden! Aber es gibt in der Neunten einige sehr aggressive Schüler, leider geht deren Verhalten auf Kosten der anderen,“ antwortete die Kollegin und beugte sich über eine Abrechnung.

Eine Überraschung sollte Julia am Nachmittag erleben, sie bereitete sich gerade bereits auf den Feierabend vor, als sich die Türe öffnete und eine ehemalige Mitschülerin, Diana Gärtner, herein kam.
'“Diana! Was machst du denn hier?“, erkundigte sich Julia und stand auf. Sie umarmte Diana, obwohl sie nie allzu viel mit ihr während der gemeinsamen Schulzeit zu tun gehabt hatte. Sie hatte nie zu Julias Freundinnen, allerdings auch nicht zu ihren Feindinnen gehört.

„Ich war vorhin bei eurem Direktor und habe ihn für einen ganz tollen Plan um Erlaubnis gebeten. Der ist wirklich großartig und wird dir gefallen. Ich hatte eine wunderbare Idee!“, sagte Diana überschwänglich und Julia erinnerte sich wieder, warum sie nie mit Diana befreundet gewesen war.

Diese war unglaublich eitel und von sich selbst eingenommen, außerdem redete sie auch jetzt noch genau so wie zu Schulzeiten ohne Punkt und Komma.

„Was für eine Idee..“, wollte Julia sie unterbrechen, jedoch Diana sprach bereits weiter und Julia fragte sich, ob Diana nicht bald an Atemnot sterben würde, sollte sie nicht langsam einmal Luft holen.
„Du wirst von meiner Idee begeistert sein! Unser Direx fand die auch wirklich toll! Aber sie stammt ja auch von mir, und du musst zugeben, dass ich immer schon die besten Ideen hatte!“, redete Diana munter weiter.
„Ich brauche eine Liste mit den Namen und den Anschriften unserer ehemaligen Schulkameraden. Mein Freund, der ist echt gut aussehend und verdient ganz viel Geld, meint zwar, die solle ich mir aus dem Internet heraussuchen, aber das kann ich nicht, und so ist es doch auch viel schöner, immerhin können wir ein gemütliches Schwätzchen halten, nicht wahr?“

Nun musste Diana tatsächlich nach Luft schnappen und Julia nutzte die Gunst der Stunde, sie zu unterbrechen. 
„Wofür brauchst du die Liste und was für eine Idee hast du?“, erkundigte sie sich ein wenig ungeduldig.

„Na, für das Klassentreffen natürlich! Ich will ein Klassentreffen in unserem ehemaligen Klassenraum mit all unseren Lehrern und Mitschülern veranstalten! Das wird wirklich super werden, wenn wir uns alle endlich einmal wieder sehen. Es war doch so eine schöne Zeit damals, ich trauere der manchmal noch richtig hinterher und beneide all die, die hier noch zur Schule gehen dürfen! Jetzt, wo wir arbeiten und für uns selbst sorgen müssen ist das Leben doch viel härter geworden und es ist auch nichts mehr mit langen Ferien!“, erklärte Diana ihren Plan.

„Klassentreffen?“, nuschelte Julia und Diana sah sie strahlend an. „Ja, und weißt du, wann wir das machen? Am 21. Dezember! Am letzten Freitag vor Weihnachten. Wir machen ein Weihnachtsklassentreffen daraus und schmücken den Klassenraum so richtig toll mit Weihnachtsdecko! Und jeder soll ein kleines Geschenk im Wert bis zu 10 Euro mitbringen! Und dann wichteln wir, so wie früher. Jeder muss einen Namen aus einem Hut ziehen und gibt demjenigen dann das Geschenk! Das ist doch immer so schön gewesen!“

Julia schaute im Computer nach und fand tatsächlich eine alte Adressliste aus ihrem Abschlussjahrgang. 

Diesen druckte sie der immer noch auf sie einredenden Diana aus und drückte sie ihr in die Hand. „Da sind die Anschriften, aber einige stimmen inzwischen wohl nicht mehr, Britta und Jonas haben jetzt eine eigene Wohnung, andere sicherlich auch, und Katja ist...tot!“

„Das weiß ich doch!“, antwortete Diana unbekümmert. „Arme Katja, da habe ich die Traueranzeige in der Zeitung gelesen, aber nun, da sie tot ist, sind wir statt 27 genau 26 Leute, das heißt, es geht auf wenn wir wichteln und jeder bekommt ein Geschenk. War früher immer so blöd, wenn die Anzahl ungerade war! Einer musste dann immer zwei Geschenke machen oder noch schlimmer, er bekam eins vom Lehrer!“

„Dumme Kuh! Freust dich darüber, dass einer von uns tot ist und die Geschenke dadurch besser verteilt werden,“ dachte Julia wütend. 
Am liebsten hätte sie Diana hinaus geworfen, aber diese erkundigte sich nun nach der neuen Anschrift von Britta und Jonas. „Denkst du, dieser Verlierer wird kommen?“ 

Dann lachte sie auf einmal und konnte sich kaum noch beruhigen. „Weißt du noch, wie es war, als Nils ihm in der 6. Klasse beim Wichteln ein Geschenk besorgen musste und ihm zwei Klorollen geschenkt hat? Da hat er wohl endlich kapiert, dass er das Allerletzte ist!“

„Ist er nicht!“, sagte Julia. So langsam verlor sie die Geduld. Jonas war seit seinem Sieg über die Dämonenstatue gewaltig in ihrer Achtung gestiegen.

„Hä? Seit wann bist du im Jonas Fan Club? Du hast ihm doch damals auf der Klassenfahrt in der Eifel die Heftzwecken ins Bett gepackt und ihm Spüli in den Kakao gekippt. Aber es war voll eklig, als er das wieder ausgespuckt hat und alle es gesehen haben. Aber trotzdem war es saukomsisch!“, erwiderte Diana und lachte noch einmal.

„Ich glaube kaum, dass Jonas sich diese Gesellschaft noch einmal antun wird,“ dachte Julia und irgendwie tat es ihr leid. „Jonas hat sein Leben riskiert, damit dumme Puten wie Diana nachts wieder aus der Disko nach Hause wanken können, und das ist nun der Dank dafür!“

Zu ihrem Glück verabschiedete Diana sich nun und verließ den Raum. Auch Frau Hellenberg die das ganze Gespräch mit hochgezogenen Augenbrauen verfolgt hatte griff nach ihrer Handtasche und beendete den Arbeitstag.

Kurz darauf klopfte es erneut an der Türe zum Sekretariat und Sebastian trat grinsend ein. 
„Ich habe dieses dumme Mädchen, das früher in deine Klasse ging, vorhin getroffen und die hat mir eine Frikadelle ans Ohr gelabert. Allzu viel verstanden habe ich allerdings nicht. Nur irgend was von einem Klassentreffen!“
„Ja, sie will kurz vor Weihnachten eins organisieren und uns alle an die guten alten Zeiten erinnern. Aber ich denke, ich werde hingehen, so schlecht ist die Idee, alle wieder zu sehen gar nicht!“, antwortete Julia und umarmte Sebastian.

Er zog sie an sich heran und küsste sie zärtlich. Julia schloss die Augen und genoss den Augenblick, jedoch in diesem Moment wurde die Türe geöffnet und ein Mann von vielleicht fünfzig Jahren trat ein.
„Das gibt es ja nicht!“, sagte er entrüstet und sah Julia und Sebastian an. 
„Ich wollte mich lediglich erkundigen, wo ich den Herrn Direktor finde, ich habe mit ihm  noch einige Dinge zu besprechen, bevor ich im Januar seine Stelle übernehme und dann finde ich so etwas vor! Sind Sie mit dem jungen Mann verheiratet? Ist das hier Ihr Zuhause? Ein solches unmoralisches Verhalten werde ich an dieser Schule nicht dulden! Haben Sie mich verstanden, junge Frau?“

Julia nickte erschrocken. Was hatten sie und Sebastian denn schon Schlimmes getan? 

Aber anscheinend schien dies ihr neuer Direktor zu sein und mit ihm wollte sie es sich nicht direkt schon am Anfang verscherzen.
„Es wird nicht wieder vorkommen!“, versicherte sie ihm, während Sebastian unschuldig zur Decke sah und sich anscheinend seinen Teil dachte, aber auch er schwieg, da er Julia nicht in Schwierigkeiten bringen wollte.

„Ich will hoffen, dass es nie wieder vorkommt! Sonst könnte ein so schlechtes Verhalten sehr ernste Konsequenzen für Sie haben!“
Er trat näher an Julia heran. „Todernste Konsequenzen!“

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