92: Regenbogeninsel

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Nach weiteren drei Wochen, in denen wir nur von Wasser umgeben waren, waren wir dann endlich den ersten Inseln begegnet. Nun befanden wir uns mitten auf dem Atlantik, hatte Jack mir erklärt. Und nun suchten wir die Insel, die uns ins Regenbogenland führen würde, denn Jack hatte gesagt, dass sie irgendwo hier sein musste.

Jack und ich saßen oben im Krähennest. Er hielt sich gerade das Fernrohr ans Auge und suchte gebannt und konzentriert den Horizont ab. Ich saß neben ihm, lehnte mit dem Rücken am Rand des Krähennestes, blickte ebenfalls zum Horizont und spielte abwesend mit Jacks perlenbehangenen Dreadlocks. Noch dazu sang ich mal wieder. Aber so leise, dass nur Jack und ich es hören konnten.

"Just have a little patience. I'm still hurting from a love I lost. I'm feeling your frustration. Then maybe all the pain will stop. Just hold me close inside your arms tonight."

Ich wickelte gerade eine seiner Dreadlocks um meinen Finger. Ich mochte seine Dreadlocks. Sie waren echt schön. Und irgendwie witzig. Ja, ich fand sie schön und witzig. Und irgendwie waren sie auch eine gute Art, Erinnerungen festzuhalten. Und genau das tat Jack auch. Denn er bewahrte kleine Schätze von seinen vielen Reisen, Abenteuern und Erlebnissen in seinen Haaren auf. Und auch das machte ihn so unglaublich interessant und faszinierte mich. Ich nahm nun drei der Dreadlocks in die Hände und begann, sie zu flechten. Ich wusste, dass Jack das wahrscheinlich nicht wollte, aber das war mir herzlich egal.

"Don't be too hard on my emotions", sang ich weiter. "'Cause I need time. My heart is numb, has no feeling, so while I'm still healing just try and have a little patience."

"Sag mal, kannst du das mal lassen?!", beschwerte sich Jack auf einmal und drehte sich zu mir um.

"Was denn?", fragte ich und setzte eine Unschuldsmiene auf.

"An meinen Haaren herumzufummeln, natürlich!"

Ich kicherte. Manchmal war er doch echt knuffig.

"Das ist nicht witzig!"

"Jetzt reg dich nicht so auf!", meinte ich gut gelaunt und gehorchte schließlich.

"Danke!", sagte Jack und blickte wieder durch das Fernrohr. "Oh mein Gott! Das glaub ich jetzt nicht!"

"Was denn?!", wollte ich wissen und richtete mich mit gestrafften Schultern auf.

"Die Regenbogeninsel!", antwortete Jack. "Nur diejenigen, die wissen, dass diese Insel ins Regenbogenland führt nennen sie so, bei ihrem richtigen Namen. Ich war schon einmal dort. Damals hatte ich das Amulett von Sao Feng nicht, weil ich nicht gewusst habe, dass man es braucht. Danach habe ich mich genauer darüber informiert. Aber der ganze Aufwand war mir irgendwie zu dieser Zeit zu viel. Obendrein hatte ich ja auch noch Stress mit der East India Trading Company und deinem Ex-Geliebten."

"Beckett?"

"Ja, wer sonst?", bestätigte Jack. "Ich bin in der Vergangenheit schon mehrfach an ihn geraten. Das letzte Mal ist länger als drei Jahre her und er war ziemlich schlecht gelaunt. Hat dauernd von der Ausrottung der Piraten gelabert..."

Momentchen mal... vor drei Jahren? Da war ich achtzehn. Und an meinem achtzehnten Geburtstag hatte ich Beckett das erste mal getroffen. Auf dem Markt in Port Royal. Wir hatten dort angelegt, weil Vater mir ein Geburtstagsgeschenk kaufen wollte. Ich hatte mich auf dem Markt umgesehen. In meinem damals schönsten Kleid hatte ich wie eine reiche Gouverneurstochter ausgesehen. Beckett war mir damals entgegen gekommen. Als ich ihn gesehen hatte, hatte ich mich sofort in ihn verliebt. Als wir aneinander vorbeigelaufen waren, hatte ich mich umgedreht, um ihm hinterher zu sehen. Er hatte offenbar die gleiche Idee gehabt. Als wir uns erneut angesehen hatten, hatte ich gelächelt. Er auch und war auf mich zu gekommen. Er hatte nach meinem Namen gefragt. Ich hatte mit meinem vollständigen Namen geantwortet und er hatte mich auf einen Tee eingeladen. Natürlich hatte ich zugesagt. Am Abend war es dann sogar zu einem Kuss gekommen. Als er dann jedoch die Wahrheit über mich herausgefunden hatte, nämlich dass ich eine Piratin war - ich hatte Hendric vor dem Galgen gerettet - war er mehr als enttäuscht von mir gewesen.

Always the Sea - Die Abenteuer der Jessie Bones (Fluch der Karibik FF)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt