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Lesenacht 2/4

-Aklım her saniye sende. Nereye gitsem, nereye baksam, hep sen-

Meine Beine sind am zittern und ich weiß nicht wie lange ich noch stehen kann. Mein Herz ist am rasen und ich weiß nicht wie lange es noch schlagen wird. Meine Atmung ist unregelmäßig und ich weiß nicht wie lange ich noch atmen kann.

Alles dreht sich irgendwie und ich weiß nicht mehr wo rechts oder links ist, oben oder unten. Ich massiere meine Schläfe, die kurz vor dem explodieren ist. Diese Schmerzen fühlen sich so unerträglich an.

Ist es die richtige Entscheidung? Ist es richtig, dass ich nach Wochen wieder hier aufkreuze? Wird Cesur das verkraften? Was wenn es ihn noch mehr mitnehmen wird? Was wenn er schon mit mir abgeschlossen hat?

Ich bin gekommen. Ich stehe jetzt hier. Auf dem Weg hier her habe ich tausend Gründe aufgezählt, doch wieder zurückzukehren. Tausend Gründe aufgezählt, um Fatih zu sagen, dass er umdrehen soll.

Aber desto weiter ich Gründe aufgezählt habe, desto mehr ist mir bewusst geworden, wie sehr ich es will. Ja, verdammt! Ich will Cesur so sehr. Ich will ihn zurück. Ich will ihn wieder sehen, ihn berühren können.

Ich weiß nicht, ob es wieder so egoistisch von mir wird, einfach hier aufzutauchen. Was wenn er mich nicht mehr sehen will? Werde ich ihm denn nicht wieder seine Wunden aufreißen?

Nennt mich Egoistin, aber ich will ihn jetzt sehen. Mir ist es gerade so egal, was Cesur denkt oder fühlt. Ich kann nicht damit weiter leben, wenn ich es nicht wieder geradebiege. Oder es zumindest versuche.

„Bist du bereit?" dreht sich Fatih zu mir um? Bin ich das denn wirklich? Ich will Cesur wieder sehen, ja, aber wird mein Herz das denn verkraften? Werde ich vor ihm standhalten können?

Ich nicke einfach, dabei weiß ich nicht mal die Antwort. Ich weiß nicht, ob ich schon bereit bin. Aber ich nicke trotzdem. Es gibt nämlich kein zurück mehr.

Fatih nickt und dreht sich um. Er steckt den Schlüssel in das Loch und dreht es. Mir kommt dieser Vorgang so unendlich lang vor. Als er dann die Tür öffnet, schlucke ich schwer.

Ob Cesur überhaupt zu Hause ist? Wenn ja, wird er bleiben? Oder wird er auf mich scheißen und einfach gehen? So wie ich es getan habe. Ohne einmal richtig mit ihm zu reden, bin ich gegangen und ich bereue es so sehr.

Wir treten in den Flur und ziehen uns die Schuhe aus. Fatih hängt unsere Jacken an die Garderobe und bleibt an der Türschwelle vom Wohnzimmer stehen. Ich bleibe dicht hinter ihm mit Ayaz, so dass man uns noch nicht sieht.

„Ich habe euch jemanden mitgebracht." sagt Fatih nur und mein Herz rast so schnell wie noch nie. Die Angst, die Nervosität packt mich und bringt mich zum Zittern.

Er tritt zur Seite und alle Blicke landen auf mir. Alle blicke, bis auf seine. Enttäuscht, dass Cesur nicht da ist, blicke ich auf den Boden und versuche mich zu beruhigen.

„Hayat." ruft Yaman glücklich und kommt auf mich zu gelaufen. Sofort schließt er mich in eine Umarmung, was ich natürlich sofort erwidere.

„Ich hab dich so vermisst." haucht er in mein Ohr und ich kann nur mit Tränen in den Augen darauf nicken. Ja, ich habe ihn auch so sehr vermisst. Das glaubt er mir wahrscheinlich gar nicht.

Denn ich habe nicht nur Cesur verlassen, nein sondern auch sie alle. Meine zweite Familie. Ich habe die Leute verlassen, die für mich da waren. Die mich aufgebaut haben, nachdem ich meine Familie verlassen musste.

„Lass mich auch." zieht Cemre ihren Bruder weg und umarmt mich ebenfalls. Sofort spüre ich ihr Babybauch an meinen und muss leicht lächeln. Ihr Baby ist im Bauch so gewachsen und ich war nicht bei ihr.

„Schön das du da bist." umarmt mich auch Tuana. Sie blicken alle zu mir und zu Ayaz, wollen wahrscheinlich wissen wer er ist.

Mein Bruder streckt ihnen die Hand aus. „Ayaz." lächelt er unsicher. „Ihr Zwilling." überrascht blicken sie ihn an und gleichzeitig strecken Cemre und Yaman ihm ebenfalls die Hand entgegen.

„Ich war schneller." schlägt Yaman die Hand seiner Schwester weg, die aggressiv zurück schlägt. „Nein, ich habe als erste meine Hand ausgestreckt!" Entsetzt blickt Yaman seine Schwester an und zeigt ihr einen Vogel.

„Deine Hand war noch unten, als ich nach seiner greifen wollte." Empört zieht Cemre die Luft ein. „Du bist so ein Lügner. Deine Hand war noch unten, nicht meine."

„Gott." nuschelt Tuana Augen verdrehend. „Wenn sich zwei streiten, dann freut sich die Dritte." Und somit greift sie nach der Hand von meinem Bruder. „Tuana." lacht sie dann ehrlich auf.

Mein Bruder lächelt sie nur an und schaut dann schmunzelnd zu den streitenden Geschwistern. „Wow, wow, wow. Tritt zur Seite." gibt Cemre gespielt arrogant von sich und wendet sich dann an Yaman.

„Ladys first." Und dann ergreift sie sich die Hand von meinem Bruder. „Ich bin Cemre. Fatihs Frau." wissend nickt Ayaz mit den Kopf und schaut dann zu Yaman, welcher beleidigt zu seiner Schwester blickt.

„Lasys first." äfft er in einer nervtötenden Stimmlage und lächelt dann aber auf. „Yaman. Leider ihr Bruder." Und zeigt auf Cemre. Mein Bruder lacht leise auf und wir setzen uns dann hin.

„Ich bin echt froh, dass du uns doch noch besuchen gekommen bist." Ich nicke kaum merkbar. An erster Stelle bin ich eigentlich nur für Cesur gekommen. Als ich mich dazu entschieden habe, war der Grund einzig und allein Cesur.

Aber ich will ihnen nicht wieder das Herz brechen, weswegen ich einfach schweige. Sie müssen es nicht wissen, denn ich weiß, dass es nicht nett wäre von mir. Nicht nachdem wir uns all die Monate gut verstanden haben und sie immer für mich da waren.

„Wo ist Cesur?" stellt Fatih die Frage, die mir schon die ganze Zeit auf der Zunge brennt. Mit einem Mal werde ich wieder so aufgeregt und mein Herz schlägt wieder so wild gegen meine Brust. Kaum höre ich seinen Namen, spielt alles in mir verrückt.

Yaman seufzt leise auf. „Wie jeden Tag auch, er sucht Alara und gibt die Hoffnung nicht auf." Es ist wieder still und ich fange an mir Sorgen um ihn zu machen.

Was wenn Kemals Männer ihn angreifen und ihm etwas schlimmes tun? Was wenn sie ihm eine Falle stellen und er noch mehr leiden wird? Oder noch schlimmer, was wenn Kemal ihn umbringt?

Ich atme unregelmäßig auf. Mein Brustkorb hebt und senkt sich schnell und meine Hände fangen leicht an zu zittern. Um mich zu beruhigen und damit das Zittern nachlässt, balle ich meine Hände zu Fäusten und bohre sie in das Sofa.

Ihm wird nichts schlimmes passieren. Er ist Cesur Karasu. Nichts und niemand kann ihm was antun. Er fürchtet sich vor keinem. Die Leute fürchten sich vor ihm und ich bin mir sicher, dass auch Kemal sich vor ihm fürchtet.

Yaman, welcher auf meiner rechten Seite sitzt, legt seinen Arm um meine Schulter. „Zum Glück bist du gekommen." grinst er mich breit an. „Das wird Cesur sicherlich auch freuen."

Ich schlucke schwer und schiele zu Fatih rüber, welcher seinen Kopf hängen lässt und leicht schüttelt. Fatih, der einzige, der realistisch denkt. Hand aufs Herz Yaman, du glaubst doch nicht wirklich, dass Cesur mich noch sehen will, oder?

„Ja, ganz sicher." kommt es monoton und leise über meine Lippen. Er hasst mich, ich weiß es. Und ich bin nicht bereit, in seine Augen zu blicken, die mich wieder mit dieser Leere anschauen werden.

Mein Herz wird das nicht verkraften. Ich werde es nicht verkraften. Ich will, dass er mich wieder voller Liebe anschaut. Ich will das Glänzen in seinen Augen sehen.

Die Haustür wird feste zugeschlagen und wir alle zucken vor Schreck auf. Mein Herz rast noch schneller, weil ich weiß, dass es nur Cesur sein kann.

Und als ich dann in diese leeren, schwarzen Augen blicke, hört mein Herz auf zuschlagen.

H A Y A T - IIWo Geschichten leben. Entdecke jetzt