62. Alex

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Da stehen wir nun also vor dem Haus meiner Oma und sehen aus sicherem Abstand im Auto darauf.

Ich war schon seit Jahren nicht mehr hier. Anfangs war es noch ziemlich schwer, mich vor den Besuchen zu drücken, aber irgendwann hatten meine Eltern einfach größere Probleme als mich zu dieser alten Schabracke zu schleppen.

Matts Eltern haben immer angeboten, mich mitzunehmen und manchmal bin ich dann auch mit, damit Matty das nicht alleine durchstehen musste, aber das lief dann darauf hinaus, dass ich ihn davon überzeugt habe, dass er auch nicht mehr will und so wurden auch seine Besuche immer seltener.

Um ehrlich zu sein, glaube ich, das alles hat mit Opas Tod angefangen. Oma wurde unerträglich. Mein siebenjähriges Ich hat um Opa getrauert und Oma hat die ganze Zeit nur Kuchen gebacken und uns dazu gezwungen, ihn zu essen... Und damit meine ich wirklich viel Kuchen. Sie war übertrieben gut drauf, wollte die ganze Zeit unterhalten werden und hat es auch total ausgenutzt, diese mein-Mann-ist-tot-Karte zu spielen, um alles zu bekommen, was sie wollte. Das hat mir zum ersten Mal ihre Manipulationen bewusstgemacht.

Trotzdem bin ich drauf reingefallen, habe viele Wochenenden bei Oma verbracht, wohl auch, weil ich Opa vermisst habe und dachte, ihm einen Gefallen zu tun, wenn ich mich um seine Frau kümmere. Matt war auch oft dabei. Er war Opas Liebling, aber ich glaube, er hat damals noch nicht ganz verstanden, dass Opa nicht wiederkommen wird. Er war ja erst fünf, als er gestorben ist.

Jedenfalls glaube ich, Oma war manchmal ein bisschen eifersüchtig auf Matt, weil Opa, sobald wir da waren nur noch Zeit mit ihm verbracht hat. Opa hat es sich eben zur Aufgabe gemacht, seinen schüchternen und unsicheren Enkel zum Lachen zu bringen und das hat viel Zuwendung gebraucht.

Oma hat sich damals schon immer darüber beschwert, dass Matt das doch nur macht, um Aufmerksamkeit zu bekommen und man ihn ausspinnen lassen soll und er dann schon begreift, dass er so nicht bekommt, was er will.

Als Opa dann weg war, hat sie Matt das auch ins Gesicht gesagt. Sie hat immer total grob an ihm herumgezerrt, obwohl sie genau wusste, dass er keine Berührungen mag und oft, wenn er geweint hat, hat sie ihn geschlagen und angeschrien. Ich wusste nie, was ich machen sollte. Vor allem, weil Oma ja zu mir immer total lieb war und mir nichts getan hat. Und dann, als ich angefangen habe, ihn zu beschützen, meinte sie, ich sei undankbar und sie wolle Matt doch nur helfen.

Schon damals hat es angefangen, dass ich ungern zu ihr bin. Aber ich glaube der Wendepunkt war mein inneres Outing etwa mit 12. Die Erkenntnis, dass sie, sobald sie erfährt, dass ich ebenfalls nicht dem Idealbild ihres Enkels entspreche, genauso zu mir ist wie zu Matt. Dass sie mir sagt, was falsch mit mir ist und dass ich mich ändern muss und dass mich so niemals jemand lieben wird... Ich hatte Angst vor ihr. Und um ehrlich zu sein, habe ich das heute noch.

Aber jetzt ist es anders. Ich bin dabei, mich zu akzeptieren. Mein Dad steht hinter mir und mein Freund ist der tollste und liebevollste Mensch auf der ganzen Welt. Meine Oma kann dazu sagen, was sie will, es wird mich nicht mehr verletzen können als die Reaktion meiner Mutter.

Ich nicke entschlossen bei diesem Gedanken und atme tief durch. „Okay, bin bereit. Bist du bereit?" Ich sehe fragend zu Tyler.

„Sowas von", bestätigt er enthusiastisch.

Ich habe ihn vorgewarnt. Dass er meiner Oma nichts glauben soll und sie bei allem einen Hintergedanken hat. Trotzdem scheint er sich irgendwie darauf zu freuen, sie zu treffen. Ich glaube, er geht davon aus, total freundlich empfangen und als Teil der Familie aufgenommen zu werden, ganz egal, wie oft ich ihm sage, dass das nicht passieren wird. Er scheint das jedoch zu brauchen - eine Familie. Und wirklich verübeln kann ich es ihm nicht. Ich will nur nicht, dass er sich falsche Hoffnungen macht.

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