41. Tyler

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Ich kann nicht schlafen, schon seit Stunden nicht mehr. Meine Gedanken haben mich gefangen genommen und wollen mich einfach nicht mehr loslassen.

Alex liegt auf mir, er hat sich an mich gekuschelt und klammert sich regelrecht an mir fest. Ich will ihn drücken, mich noch enger an ihn schmiegen, ihn küssen und einfach alles vergessen, doch ich will nicht Gefahr laufen, ihn aufzuwecken. Mein Löwenbaby hat seinen Schlaf verdient.

Ich habe gestern noch lange mit ihm geredet. Unter anderem auch über John. Ich bin nicht wirklich ins Detail gegangen, doch ich habe Alex erzählt, dass John zur Therapie gehen will, wenn ich auch gehe.

Alex war überrascht davon, das hat man ihm sehr deutlich angesehen, doch er meinte schließlich, das sei keine schlechte Idee.

Irgendwann werde ich ihm alles erzählen. Was meine Familie angeht und Logan und vielleicht auch von damals in der Schule. Er weiß, dass ich es nicht immer leicht hatte, aber das war es dann auch schon. Für weitere Informationen habe ich ihn bisher immer auf spätere Zeitpunkte vertröstet und bin dann ausgewichen.

Es ist nicht so, dass ich ihm nicht vertraue oder nicht will, dass er all das über mich weiß, es fällt mir einfach wirklich nur unglaublich schwer, darüber zu reden. Ich kann ja schon kaum darüber nachdenken ohne sofort eine Ablenkung zu suchen, um dem aus dem Weg zu gehen. Ich bin nicht dazu bereit, mich damit auseinander zu setzen.

Gerade beschäftigt mich Logans Brief. Er liegt noch immer unangerührt auf dem Schreibtisch. Ich höre ihn nach mir rufen, so als sei der Schall nun nicht mehr durch die Schublade des Schrankes abgedämpft, sondern kann endlich richtig zu mir durchdringen. Der Brief will gelesen werden. Doch ich bin mir nach wie vor nicht sicher, ob ich ihn lesen will.

Natürlich bin ich neugierig und möchte wissen, was Logan für so wichtig gehalten hat, dass er mir extra einen Brief hinterlassen hat, doch gleichzeitig... ich weiß nicht. Vielleicht habe ich Angst, dass seine Worte mich enttäuschen. Oder noch schlimmer, dass sie mir bewusstmachen, wen ich da verloren habe und was er mir bedeutet hat.

Manchmal, wenn ich mit mir selbst streite und diskutiere und vor schweren Entscheidungen stehe, höre ich seine Stimme in meinem Kopf. Ich weiß ganz genau, was er mir in den jeweiligen Situationen geraten hätte. Es war doch immer dasselbe: Dass ich auf mein Herz hören soll und dass es keine bessere Rechtfertigung gibt als, dass es sich richtig angefühlt hat.

Logans größte Angst war es, etwas zu tun, wofür er sich mit einem schlechten Gewissen auseinandersetzen müsste. Er hat getan, was seine Gefühle ihm gesagt haben... was sich richtig angefühlt hat. Wie zum Beispiel, sich an seinem ersten Schultag mit der gesamten Schulgemeinschaft anzulegen, um mich zu beschützen und das, obwohl er mich nicht kannte und nicht wusste, ob ich es überhaupt verdient habe, beschützt zu werden. Er hat es einfach getan, ohne über die Konsequenzen nachzudenken, weil er nicht damit leben konnte, weggesehen zu haben, wenn jemand leidet.

Wir haben festgestellt, dass die Welt ein so viel besserer Ort sein könnte, wenn jeder nur ein kleines bisschen dazu beiträgt, sie besser zu machen. Aber viel zu viele interessieren sich dafür einfach nicht, weil sie es gut haben und nie wirklich mit dem Leid anderer konfrontiert wurden. Manche haben keine Ahnung, was vor sich geht, andere verschließen die Augen davor und der Rest fühlt sich einfach nicht verantwortlich. Genau das ist das Problem.

Ich werde aus den Tiefen meiner Gedanken gerissen, als ich Alex brummen höre. Er bewegt sich etwas, reibt sich müde die Augen und fragt leise: „Wieso schläfst du nicht?"

„Ich denke nach", teile ich ihm ebenso leise mit.

Er gähnt und beißt, als er den Mund wieder schließt, leicht, neckend in meine Brust. „Worüber?"

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