55. »Du bist ja echt gut!«

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Wir verließen die Tunnel nicht, sondern gingen eine Treppe hinunter, die in einen runden Raum führte. Überall an den Wänden waren Waffen und Spiegel aufgehängt worden. Auf dem Boden lagen Matten, in deren Mitte ein junger Mann mit blonden Haaren saß.

In den Händen hielt er einen Degen, den er sofort auf die Seite legte, als wir eintraten. »Heey, Ty!«, begrüßte er den leicht enttäuscht aussehenden Tymian und klopfte ihm auf die Schulter. »Jetzt zieh' nicht so einen Flunsch. Sei doch froh, dass de Garth dich als zu gut für einfaches Training mit Anfängern hält!«, rief er.

Ich zog eine Augenbraue nach oben, als ich das mit den Anfängern hörte. In der heutigen Zeit war es doch nicht verwunderlich, dass man keinen Schwertkampf beherrschte! »Ich bin Matt«, beschloss er sich uns auch mal vorzustellen.

»Wie wär's, wenn wir gleich anfangen?« Er hielt Alecya eine Hand hin. »Alecya, richtig? Zeig mal, was du tun würdest, wenn ich dich angreife!« Er nahm zwei Schwerter aus einem Waffenständer und reichte Alecya eines. Dann zeigte er auf einen Bereich auf dem Boden, um den wie in Turnhallen bunte Linien verliefen.

»Wir bleiben im schwarzen Innenkreis«, erklärte er. Alecya nickte und umklammerte nervös ihr Schwert, doch noch machte Matt keine Anstalten, sie anzugreifen. Gelassen schlenderte er ein paar Schritte zur Seite und redete weiter.

»Du musst das Schwert wie eine Verlängerung deines Arms sehen. Keine Sorge, diese Modelle hier sind stumpf.« Ich beobachtete, wie Tymian unauffällig zur Wand ging und einige seltsam verdrehte Exemplare der ausgestellten Waffen inspizierte.

Doch bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, ließ eine Bewegung mich zu Alecya und Matt blicken. Alecya war weiter zurückgewichen, als Matt einen leichten Angriff startete. Er täuschte einen Stich zur Schulter an und senkte die Klinge dann blitzschnell, auf ihr Bein zielend.

Doch mit dem, was dann passierte, hatte niemand im Raum wohl gerechnet. Alecya ließ ihr Schwert zielstrebig auf Matts Klinge zusausen, als hätte sie seine Taktik bereits im Voraus durchschaut. Überrascht ließ seine Konzentration für einen Moment nach und das nutzte sie sofort aus.

Ihr Schwert beschrieb einen kleinen Bogen und landete treffsicher an Matts Rippen. Dieser keuchte auf und sprang zurück. Verwirrt schüttelte er den Kopf und versuchte es erneut, diesmal mit deutlich mehr Kraft.

Er zielte auf ihre Brust, sie wollte seine Klinge zur Seite schlagen, doch er drehte diese und wollte ihr den Knauf gegen die Schulter stoßen, in der Hoffnung, sie würde stolpern. So weit kam es aber gar nicht. Alecya machte einen großen Schritt zur Seite, duckte sich und ließ ihr Schwert auf Matts Fuß zusausen.

Diesmal gelang ihr aber kein Treffer, denn auch er hatte rechtzeitig einen Schritt nach hinten gemacht. Beide senkten die Schwerter und Matt lachte bewundernd. »Du bist ja echt gut! Wie lange trainierst du schon? Ein Anfänger bist du definitiv nicht mehr. Sag, bei wem hast du das gelernt?«

Alecya lächelte bloß und zuckte mit den Schultern.
Mir wurde plötzlich klar, dass es so viel gab, das ich nicht über sie wusste. Nicht nur ihre Fähigkeit, mit dem Schwert umgehen zu können, sondern auch über ihre Familie hatte sie bisher nur vage Andeutungen gemacht.

»Alles klar!«, rief Matt und deutete mit seiner Schwertspitze auf mich. »Jetzt lass uns mal schauen, ob du auch so ein Supertalent bist!«

***

Zu den folgenden vierzig Minuten ließ sich nicht viel sagen, außer dass ich mich total zum Volldeppen machte. Tymian kicherte gerade mal wieder über einen ungeschickten Schritt meinerseits, Alecya blickte mit zuckenden Mundwinkeln zu Boden und Matt brüllte mir mit Schweiß auf der Stirn Anweisungen zu, denen ich krampfhaft zu folgen versuchte.

Kurz gesagt, ich war ein hoffnungsloser Fall was das Schwertkämpfen anging.

Nach der Trainingseinheit war ich schweißgebadet und keuchte wie nach einem Marathon. »Verdammt«, murmelte Matt und fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. »Wie kann man sich nur so schwer tun?«

Tja, nur weil ich eine Universale war hieß das wohl offensichtlich nicht, dass ich alles konnte. Was die anderen irgendwie gedacht zu haben schienen. Ich war also nicht so umwerfend wie erwartet. Gut zu wissen. Vielleicht würde mich dann nicht mehr jeder anstarren wie einen bunten Hund.

»Also, das war's. Jetzt gibt es erst mal Frühstück«, ordnete Tymian resigniert an und ich merkte plötzlich, wie hungrig ich war. Wann hatte ich das letzte Mal etwas gegessen? Ich konnte mich nicht erinnern und das war ein schlechtes Zeichen.

Anbei ein Zitat, das ihr schon bald in einem zukünftigen Kapitel finden werdet* :)
*genauer gesagt in Kapitel 63

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