Gib dem Bösen einen Namen ...

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Jaime

Ich warf einen kurzen Blick über meine Schulter, während meine Füße über den Boden flogen und verlangsamte meine Schritte ein wenig.
Niemand folgte mir.
Ich gestattete mir einen erleichterten Seufzer und verzog kurz darauf das Gesicht, denn die Tage - oder Wochen - im Kerker hatten dafür gesorgt, dass meine Muskeln nach der langen Zeit des Nicht-Benutzens nun schmerzhaft brannten und ganz verkrampft waren.
Ich hielt an und schüttelte meine Arme und Beine aus. Dabei wagte ich erneut einen besorgten Blick in die Richtung, aus der ich gekommen war, aber da war noch immer niemand.
Nur Stille und Dunkelheit.
Ich schluckte und bewegte mich weiter auf mein Ziel zu, noch immer wachsam.
Allana hatte zwar Bellatrix und Greyback von mir weggelockt, aber es könnten noch weitere Todesser durch diese Gänge kommen. Nachzügler, von Voldemort als Verstärkung ausgesandt.
Und meine Schwester war fort. Irgendwo. Ganz allein. Und von Todessern möglicherweise in die Enge getrieben.
Ich zwang meine Beine dazu sich weiter zu bewegen ... nicht umdrehen.
Allana hatte bestimmt einen Plan, sie war taktisch bestimmt so intelligent wie ich und-
Trotzdem kann sie nicht gegen Bellatrix und Greyback bestehen.
Ich stieß einen unterdrückten Schrei aus und fuhr mir verzweifelt durch das ungekämmte Haar.
Alles in mir sträubte sich dagegen Allana im Stich zu lassen. Es war, als wäre da ein Magnet, ein Drang zu ihr zu eilen und ihr beizustehen.
Ich könnte ihr helfen, genau wie ich auch dem verletzten Hufflepuff hätte helfen können-
Aber ich darf nicht.
Allana hatte ihre Entscheidung getroffen, war jedes Risiko eingegangen, um mich zu befreien und jetzt lag es an mir, mich in Sicherheit zu bringen.
Ich warf einen letzten Blick zurück und hastete trotz meiner protestierenden Muskeln weiter.

Ohne weitere Zwischenfälle erreichte ich den Raum der Wünsche.
Die nackte Steinwand türmte sich vor mir auf, die letzte Hürde, die ich überwinden musste.
Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf das hier und jetzt. Meine Gedanken durften jetzt nicht abschweifen, sonst würde ich möglicherweise nie fliehen können!
Ich begann um die kahle Wand herumzugehen, in Gedanken immer das gleiche Mantra aufsagend.
Das Verschwindekabinett ... ich brauche eine Fluchtmöglichkeit ... in dem Raum, wo alles verborgen ist ... Verschwindekabinett ...
Nachdem ich ein weiteres Mal um die steinerne Wand geeilt war, bildete sich die mit aufwendigen Schnörkeln verzierte Tür, die den Eingang zum Raum der Wünsche markierte.
Ich griff danach, war dem Ziel endlich so nahe, und drückte die Klinke mit einem Ruck herunter.
Dann öffnete ich die Tür.

Die Ausmaße des Raumes waren nicht in Worte zu fassen.
Ich konnte keine Wände entdecken, die endliche Maße andeuten würden, sondern nur meterhohe Berge aus Gerümpel, wohin ich auch blickte.
Doch befand sich hier auch das Verschwindekabinett?
Ich machte einige zögerliche Schritte und das Geräusch meiner Schuhe hallte in der geisterhaften Stille unnatürlich laut wieder.
Ich stoppte und horchte.
Hatte ich eben das Rascheln eines Umhangs vernommen?
Ich umklammerte meinen Zauberstab fester und versuchte mich auf weitere mögliche Geräusche zu konzentrieren, aber abgesehen von dem Klackern meiner Schuhe war da nichts.
Ich hob das Bein, wollte mich wieder in Bewegung setzen, das Verschwindekabinett musste doch hier sein- Und erstarrte.
Wie konnte ich das Geräusch von Schuhen hören, wenn ich mich doch gar nicht gerührt hatte?
Panik überkam mich und mein Herz verkrampfte sich, schlug beinahe schmerzhaft gegen meine Brust.
Ich war nicht allein.
Ich pirschte mich weiter, blickte mich immer wieder um und nahm jeden dunklen Schatten genau in Augenschein.
Dann - endlich! - sah ich ihn, diesen unförmigen braunen Kasten, etwas abseits von all dem Gerümpel.
Ich beschleunigte meine Schritte, rannte nun förmlich auf das Verschwindekabinett zu, denn alles wird wieder gut, ich kann hier weg, mein altes Leben hinter mir lassen, von vorne starten, ich streckte die Hand nach dem hölzernen Griff aus-
Ein Zauber traf mich in der Brust und ich wurde nach hinten geschleudert. Ich landete in auf mehreren Gegenständen und bei dem Aufprall wurde alle Luft aus mir gepresst.
Stöhnend und nach kostbaren Sauerstoff schnappend hob ich schwer den Kopf und starrte blinzelnd die Gestalt an, die zwischen mir und meiner Freiheit stand.
,,Also wirklich James, ich bin beinahe enttäuscht ... dachtest du wirklich, es würde so einfach werden?", zischte Voldemort.

Seine Erben (2)Where stories live. Discover now