Kapitel 27

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„Wieso sind so viele in den ersten Monaten gestorben? Was waren das für Experimente?", fragte Valerian nach einiger Zeit in die Stille. Schniefend löste ich mich aus seiner Umarmung, stand auf und setzte mich auf das Bett. Der Boden war mir trotz Valerians wärmenden Körper zu kalt geworden.

Als ich mich im Schneidersitz gemütlich aufs Bett gesetzt hatte holte ich tief Luft und beantwortet seine Frage: „Ich war unter anderem der Grund dafür. Die Wissenschaftler fanden ziemlich bald den Eindringling in meinem Gehirn. Meine Mutter erzählte ihnen, dass er mir half meine Fähigkeiten zu kontrollieren. Das war der Moment, wo die Forscher begangen, mit der Gehirnfunktion von übernatürlichen Menschen zu exprimieren. Alle Versuche endeten mit dem Tod des Patienten. Also begannen die Wissenschaftler mehr über den Fremden in meinem Gehirn herausfinden. Sie fanden heraus, dass das Ding furchtlos, gefühlskalt und intelligenter als jedes andere Lebewesen war. Dies machte das Ding und mich zu einer perfekten Kriegswaffe. Ich wurde als höchst gefährlich eingestuft."

Abwesend wickelte ich mir eine Haarsträhne um meinen Zeigefinger. Mir war es unangenehm Valerian indirekt gestehen zu müssen, dass in mir ein mordlustiges Wesen lebte. Ich konnte ihm nicht einmal mehr in die Augen sehen.

Auch nicht als er sich räusperte und fragte unbehaglich: „Wie gehst du mit dem Wissen, dass du dir deinen Körper mit etwas Fremden teilst, um?"

„Oft vergesse ich, dass das Ding auch noch da ist und plötzlich übernimmt es wieder die Kontrolle über mich. Dann ist es so, als wäre ich von meinem Körper ausgesperrt. Ich habe kein Kommando mehr und bin bloß ein Zuschauer. Den Großteil von dem, was der Fremde machte, bekomme ich nicht einmal mit", murmelte ich betrübt.

„Das ist so verrückt", murmelt Valerian ungläubig und fügte ein: „Tut es weh, wenn das Wesen die Kontrolle über dich übernimmt?", hinzu.

„Es geht. Ich bekomme meistens starke Kopfschmerzen. Mein Körper fühlt sich taub an und ich kann mich nicht bewegen. Es fühlt sich einfach komisch an, so als wäre das nicht ich", antwortete ich geduldig auf Valerians Frage.

„Das bist auch nicht du, Gracie", versicherte mir Valerian ernst. „Aber alle sehen uns als einen Menschen. Seine Taten schaden mir mehr, als dem Fremden. Schlussendlich muss ich die Konsequenzen seines Verhaltens übernehmen. Manchmal weiß ich gar nicht mehr, was ich und was der Eindringling getan hat", antwortete ich traurig und schloss kurz die Augen, um eine weitere Tränenwelle zu unterdrücken.

Mitleidig stand Valerian vom Boden auf und setzte sich neben mich aufs Bett. „Du sagtest, dass vor dir Versuchspersonen gescheitert sind. Weißt du was genau nicht funktioniert hat", fragte Valerian interessiert nach. Deprimiert schüttelte ich den Kopf und ordnete wieder meine Gedanken.

„Der Arzt, welcher auch mir vor Jahren das Ding eingesetzt hatte, wurde aufgespürt und zur Einrichtung gebracht. Er tat genau das, was er auch bei mir getan hat. Doch aus ungeklärten Gründen, hatte die Transplantation eines solchen Wesens bei anderen Patienten nicht funktioniert. Viele waren gleich danach gestorben und der Rest ein paar Monate später. Schlussendlich waren sie alle gescheitert. Vielleicht lag es daran, dass ich bei der Einpflanzung noch so jung war, aber die Wissenschaftler haben auch an Kindern das Experiment durchgeführt. Es ist bei allen Altersklassen gescheitert. Die Zusammenhänge verstehe ich selbst nicht ganz. Auf jeden Fall wurde ich als streng geheimer Versuch in eine weitere von meinen Eltern errichtete Anstalt abgeschoben. Sie war noch besser geschützt und war für die schweren und gefährlichsten Fälle gedacht. Die zweite Einrichtung war viel kleiner. Dort wurde ich psychisch manipuliert und befragt. Naja, nicht direkt ich, sondern das Wesen in mir. Ich saß einstweilen in meinem eigenen Gedankengefängnis und wartete die Trainingseinheiten ab. Ich fühlte mich mit der Zeit immer leerer und bedeutungsloser. Eines Tages beschlossen die Wissenschaftler mich für einen Monat wieder in das Schulleben zu integrieren-zufällig kam ich wieder mit Sophie in eine Klasse. Sie entschuldigte sich bei mir für ihr früheres Verhalten und befreundete mich mit ihr und Zoe. Zu dem Zeitpunkt musste ich um die 14 Jahre alt gewesen sein", erzählte ich zögerlich weiter.

„Kannst du mir ein Glas Wasser bitte bringen? Mein Hals fühlt sich so unglaublich trocken an", hustete ich bittend und Valerian erhob sich sogleich nickend. Er verließ mit einem letzten besorgen Blick auf mich das Krankenhauszimmer. Nach einigen Minuten öffnete sich wieder die weiße Tür und der Junge schob sich, mit dem Wasser in der Hand, durch den Spalt.

„Hier bitte", sagte er und reichte mir das Wasserglas. Dankend nahm ich einen Schluck. Die kühle Flüssigkeit brannte meinen Hals hinunter, aber nach kurzer Zeit kratzte mein Hals nicht mehr und ich konnte meine Erzählung fortsetzen.

„Durch Zoe und Sophie lernte ich, den Fremden zu unterdrücken und nicht mehr unbewusst die Kontrolle über meinen Körper zu verlieren. Ich dachte unsere Freundschaft wäre echt und für immer. Das zu denken war ein großer Fehler. Ich wollte mit meinen beiden Freundinnen wegrennen. Doch desto näher der Tag unserer Flucht kam, desto mehr entfernten sich Zoe und Sophie von mir. Als endlich der Tag kam, waren die beiden nicht am vereinbarten Treffpunkt. Stattdessen stand dort mein Vater mit ein paar seiner Agenten. Mein Vater nahm mich wieder mit zu den Wissenschaftlern, welche enttäuscht feststellen mussten, dass ihre Integrationsidee gescheitert war. Immerhin hatte ich versucht abzuhauen. Von da an wurde alles noch schlimmer, wenn das überhaupt noch möglich war. Täglich wurden an mir und dem Eindringling neue Versuche durchgeführt. Jeden Tag bekam ich eine Spritze, welche meine Kräfte Schwächen sollte, damit ich bei den Trainingseinheiten nicht so viel Schaden anrichten konnte. Wenn ich etwas falsch machte, wurde ich bestraft.  Großteils psychisch damit auch der Fremde die Schmerzen spürte", erzählte ich erschöpft weiter.

Bevor ich weitererzählte nippte ich ein wenig an dem Wasserglas. Ich überlegte für ein paar Sekunden wo ich stehen geblieben war. Mein Kopf ruhte entspannt auf Valerians Schulter.

„Nach einem weiteren Jahr wurden die Forscher übermütig. Sie begannen die Reaktionen, von mir und dem Ding, auf Stromschläge zu studieren. Das löste etwas in meinem Gehirn aus. Durch einen der Stromschläge musste eine Nervenverbindung in meinem Gehirn durchgebrannt sein. Plötzlich konnte ich den Fremden spüren. Seine Gedanken hören und mit ihm kommunizieren. Wochen vergingen in denen wir an nichts anders, als einer Flucht denken konnten. Zusammen mit dem Fremdkörper schmiedete ich über mehrere Monate hinweg den perfekten Ausbruchsplan. Endlich begann ich mich nicht mehr so allein zu fühlen. Der Tag des Ausbruchs kam immer näher", sagte ich und machte eine kurze Pause.

Sollte ich Valerian auch noch den Ausbruch schildern?

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