Fünfunddreißig

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A Z A D




Wenn man ihn fragen würde, wie er, der für Gerechtigkeit sorgen und Unschuldige beschützen sollte, bloß eine so grausame und schreckliche Tat begehen konnte, würde er antworten, dass er das nur durch ein erstarrtes Herz hatte tun können. Indem er seine ganzen Gefühle wegsperrte und sich weigerte überhaupt daran zu denken. Er konnte nicht anders. Er würde alles tun, um Rüya zu beschützen, selbst wenn er dafür große Opfer bringen musste.
Er hatte jahrelang nur versucht, das Richtige zu tun. Er hatte, als sein jüngerer Cousin damals in Kontakt mit diesen Männern kam, dafür gesorgt, dass er in Sicherheit war. Dafür hatte er sein eigenes Leben aufgeben müssen, hatte sich in eine Person verwandeln müssen, die er nie hatte sein wollen. Und, was wahrscheinlich das schlimmste und unerträglichste gewesen war, er hatte seine Familie aufgeben müssen. Entschlossen festigte Azad seinen Griff um den Koffer mit dem Scharfschützengewehr. Es erinnerte ihn wieder an einen Teil seines vergangenen Lebens. Mit elf Jahren hatte er bereits gewusst, dass er Polizist werden wollte. Es hatte in dem Moment begonnen, als die Todesnachricht seines Vaters sein Elternhaus erreicht hatte. Sein Vater war Polizist gewesen. Später, nachdem er seine Ausbildung absolviert und sich den Arsch aufgerissen hatte, um sich als einer der Besten zu beweisen, hatte er die Gelegenheit bekommen sich für eine Spezialeinheit anzumelden. Dort hatte er gelernt mit dem Scharfschützengewehr umzugehen. Er hatte gelernt die Macht zu schätzen, die in so einem Gerät lag. Es war vielleicht nur ein Schuss, der aus weiter Ferne abgegeben wurde, aber er hatte die Macht innerhalb von Sekunden ein ganzes Leben zugrunde zu richten. Manchmal war das gut - und manchmal nicht. Das hing davon ab, wer am anderen Ende des Gewehrs stand und welche Motive er hatte. Azads Motive waren nicht besonders edel gewesen. Konnte ein Leben ein anderes aufwiegen?
Azad schüttelte seinen Kopf. Ohne Befangenheit legte er den Koffer auf dem Boden ab, schubste es bis vor die polierten Schuhe des Mannes, der in seinem Anzug gekleidet bereits auf ihn gewartet hatte. Typisch. Locker ließ Azad die Arme an seinen Seiten herabbaumeln. Fordernd sah er dem Mann in die Augen. »Wo ist meine Frau?«
Der Mann lächelte. »Sieht bald ihrer Freiheit entgegen. Die acht Stunden sind um.«
Azad legte seinen Kopf zur Seite. »Zuerst will ich wissen, dass meine Frau in Sicherheit ist.«
»Pattsituation«, meinte der Mann schlicht. »Denn wir werden sie nicht gehen lassen, solange wir nicht wissen, dass Sie wirklich getan haben, was wir wollen.«
Azad biss die Zähne zusammen. »Ihr könnt mir vertrauen, das habe ich bewiesen, aber kann ich euch vertrauen? Was habt ihr zu verlieren? Ich bin bei euch. Richtet eine gottverdammte Waffe auf mich.«
»So ganz unter uns«, setzte der Mann an, »wie viel bedeutet Ihnen Ihre Frau eigentlich?«
Azad schwieg, nicht bereit sich an den Psychospielchen dieses Mannes zu beteiligen. Er machte eine unbeteiligte Mine. Natürlich hatte der Mann mit nichts anderem gerechnet und musste jetzt sogar kurz lachen. »Es sah so aus, als würde sie Ihnen sehr viel bedeuten. Aber ich weiß nicht, schließlich haben Sie ihr ja nicht einmal die Wahrheit über sich selbst und über ihre Eltern erzählt. Warum haben Sie Ihrer Frau nie erzählt, wer sie wirklich sind, Azad Kaya? Dass Sie nicht unschuldig sind am Tod ihrer Eltern. Ihrer ganzen Familie. Sie waren es doch schließlich, der ihren Vater dazu überredet hatte, ihm die entschlüsselten Teile des Codes mitzugeben und zu sabotieren. Sie haben das Schicksal dieses armen Mannes versiegelt, indem Sie seine Familie als Schwachpunkt genutzt haben. Ihnen war doch bewusst, dass wir ihm und seiner Familie eine Lektion erteilen würden, wenn wir dahinter kämen. Oh, und wie wir dahinter gekommen sind.«
Unergründlich konnte man Azads Gesichtsausdruck nennen. »Warum langweilen Sie mich mit ihren Geschichten?«
»Weil unsere Vergangenheit unsere Zukunft beeinflusst, das sollten Sie doch mittlerweile gelernt haben. Rüya ist ein schlaues Mädchen. Sehr süß. Sie wird Ihnen nie verzeihen, was Sie ihretwegen durchmachen musste. Und natürlich, dass Sie sie angelogen haben. Sie schien mir sehr betrübt, als sie von ihren Lügen erfuhr.«
Azad wurde innerlich ganz mulmig. Wenn dieser Wichser ihr davon erzählt hatte...verdammt! Er hatte ja nicht einmal gewusst, dass es ihre Familie gewesen war! Jetzt, wo der Mistkerl es ansprach, wurde es ihm erst wirklich bewusst. Rüya sah ihrem Vater gar nicht ähnlich. Sie musste eher nach ihrer Mutter kommen, der er nie begegnet war. Nur durch Zwang schaffte er es, seine Hände nicht zu Fäusten zu ballen. Dem Mistkerl würde er nicht auch noch diese Genugtuung gönnen! Trotz allem blieb das mulmige Gefühl in seinem Bauch. Er konnte sich nicht vorstellen, was diese Enthüllung alles anrichten würde und er konnte nur beten, dass sie ihm glauben schenken würde. Und natürlich auch, dass sie ihm verzeihen würde, sollte sie die andere Sache auch herausgefunden haben. So wie es schien hatte dieses Arschloch all seine dunklen Geheimnisse vor ihr offen gelegt.
»Sie war so schockiert. Zuerst hat sie mir nicht geglaubt und unerschütterlich zu Ihnen gehalten. Am Ende hat sie realisiert, dass ich recht habe. Leider. Ich hätte ihr diesen Schmerz gerne erspart, aber...wie heißt es so schön? ›Lieber sterbe ich mit der Wahrheit als mit einer Lüge zu leben.‹ Sie hat gesagt, dass sie Sie nie wieder sehen möchte. Deswegen«, fuhr der listige alte Mann fort, »wäre es wohl besser, Sie lassen sie gehen, mein Freund. Ihre Lügen haben das arme Mädchen am Boden zerstört. Tun Sie ihr nicht noch mehr weh.«
»Nein, verdammt!«, schrie Azad auf. Sein Herz fühlte sich so an, als würde jemand ein Dolch hindurch stoßen. Er zwang sich tief Luft zu holen, um gegen den Schmerz und gegen die Wut anzukämpfen. Feuer und Wildheit rasten durch seine Adern und fraßen sich einen Weg durch seinen Magen hindurch. Jetzt ballte er die Hände endlich zu Fäusten und presste die Kiefer fest zusammen. Es machte ihn hilflos keine Kontrolle mehr über die ganze Situation zu haben. Er durfte Rüya nicht verlieren. »Halten Sie Ihren verfluchten Mund und lassen Sie endlich meine Frau frei!«, forderte Azad knurrend. Die Sehnen an seinem Hals traten hervor. In seinem Gesicht stand die Verheißung von Unheil und Vernichtung, wenn er noch etwas weiter provoziert werden würde. Er verspürte eine unbändige, hilflose Art der Wut, wenn er daran dachte, dass Rüya ihn verlassen könnte. Oder verlassen würde, nachdem sie das alles durchgestanden hatte. Konnte er diesem Mann überhaupt Glauben schenken? Er wusste es nicht, aber sein törichtes Herz konnte nicht einmal den kleinen Samen des Zweifels, der gesät wurde, ignorieren. Was er damals getan hatte, war nur zum Wohl aller gewesen. Wie hätte er auch in Ruhe leben können, wenn er wusste, dass diese Männer einen Code entwickelt hatten, mit dem man sich in die Sicherheitsbank der Regierung einhacken konnte? Mit denen sie die Kontrolle über Drohnen erlangen und das Leben unzählig Menschen gefährden könnten?
»Wie Sie möchten.« Der Mann steckte seine Hände in die Hosentaschen. »Sind Sie jetzt bereit uns Ihre Beute auszuhändigen?«
»Ich bin jetzt bereit zu erfahren, wie sie mir beweisen wollen, dass meine Frau in Sicherheit ist.« Seine Stimme war ein beherrschtes Knurren. Einer der Männer, die sich unauffällig im Hintergrund aufgehalten hatten, doch die Azad ständig im Blick behalten hatte, trat jetzt vor und sagte leise etwas zu seinem Boss. Auf einmal verfinsterte sich das Gesicht des Mannes schlagartig. Und damit auch die Maske des charmanten, freundlichen Herrn. Mit Raserei in seinen kalten Augen blickte er Azad an. Sein Mund öffnete sich, er wollte etwas sagen - aber plötzlich bekam er keine Gelegenheit mehr dazu. Ohrenbetäubender Krach ließ alle und jeden innehalten. Glas zersplitterte. In vielleicht einem Bruchteil der nächsten Sekunde regnete geradezu ein Kugelhagel um sie herum ein. Azad schmiss sich zu Boden, riss seine Arme über seinen Kopf und rollte hinter einem Auto in Deckung. Schwere Tritte, einige Schreie. Immer wieder präzise abgegebene Schüsse. Eine Männerstimme schrie etwas, doch Azad konnte kaum richtig denken, kaum richtig hören. Immer wieder: »Lassen Sie Ihre Waffen fallen!« Chaos herrschte und gleichzeitig nicht. Azad überflog all die bewaffneten Männer, suchte nur nach einem einzigen in der ganzen Masse. Zwischen am Boden liegenden Männern, sich ergebenden Kriminellen und weiter kämpfenden Dummköpfen entdeckte er ihn endlich. Der Mann im Anzug flüchtete, schaute kurz über seine Schulter und nutzte die Deckung der wenigen Autos und seiner treu ergebenen Mitläufer. Azad zögerte keine weitere Sekunde. Er gab seine gesicherte Position auf, erhob sich und schnappte sich noch während er rannte eine Waffe von einem der toten Männer auf dem Boden. »Stehen bleiben!«, schrie er, richtete das schwere Automatikgeschoss auf den Mann, der ihn in all den Jahren gejagt hatte. Der seine Frau und seine siebenjährige Schwägerin entführt hatte. Der seiner Familie Leid zugefügt hatte. Der Mord und Betrug zu seiner Handschrift gemacht und gegen so ziemlich jedes verdammte Gesetz gehandelt hatte. Der Anzugmann erstarrte, kurz bevor er die Tür zum Treppenhaus erreichen konnte. Es waren nur noch ein paar Schritte. Es musste bitter sein so kurz davor gewesen zu sein, alles zu gewinnen, und jetzt alles zu verlieren. »Umdrehen«, herrschte Azad den Mann an. Als er das höhnisches Grinsen in dem Gesicht des Mannes sah, wusste er, dass es nur eine Frage der Entscheidung war. Würde Azad abdrücken und der Welt einen Gefallen tun? Würde er dafür sorgen, dass dieser Mann niemals wieder die Gelegenheit bekam, jemandes Leben zu zerstören?
Rüyas Gesicht kam ihm in den Sinn. Er fühlte wieder die Nässe ihrer Tränen an seinem Nacken. Er hörte wieder wie ihre Schluchzer ihren Körper erschüttert hatten und wie sie sich die Seele aus dem Leib geschrieen hatte. Er biss die Zähne fest zusammen. Sein Finger, der auf dem Abzug lag, juckte. Dann kamen die Bilder von Selin. Wie ihre Augen ihn ganz verstört angeschaut hatten. Irgendwo ganz verloren und gebrochen, als hätte man sie auf Arten desillusioniert, wie ein kleines Kind sie nie erleben sollte.
»Und?«, fragte der Mann mit einem wissenden Lächeln. »Drückst du jetzt ab?«
Das Chaos um sie herum war jetzt eher einer überschaubaren Situation gewichen. »Azad«, reichte da plötzlich die Stimme seines Vorgesetzten zu ihm. Er beobachtete die angespannte Situation, trat näher. Keine einzige Sekunde ließ Azad sein Ziel aus den Augen. Er würde nicht zulassen, dass dieser Mistkerl entkam. Doch wie sicher konnte er sein, dass dem System nicht schon wieder ein Fehler unterlaufen würde? Die Auswirkungen eines fehlschlagenden Systems hatte er in dem Ausmaß dieser Erpressung und Bedrohung für seine Familie am eigenen Leib erfahren. »Los, machen Sie schon!«, presste er mühsam hervor. Ein tiefer Atemzug, dann ging sein Vorgesetzter und nahm den Mann fest, während er ihm gleichzeitig seine Rechte verlas. Langsam lies Azad seine Waffe sinken. Gleichzeitig damit verließ ihn auch all seine Kraft, seine Unberührtheit und sein Mut. So gern er auch das Arschloch mit einem Loch in der Stirn sehen würde, hatte er nicht zugelassen zu diesem Monster zu werden. Genauso zu werden wie der Mistkerl. Er sah ihnen zu und mit jedem weiteren Meter Entfernung konnte er nur noch an Rüya denken. Dann sah er sich kurz um. Der Ort sah schrecklich aus. Aber es musste wohl geklappt haben. Der Plan, den er mit seinem Boss ausgeheckt hatte, hatte funktioniert. Azad war sich nicht ganz sicher gewesen, ob man es wirklich schaffen würde. Jetzt musste er nur noch wissen, wo Rüya war. Und dann zu ihr nach Hause kehren. Zu seinem Traum.
»Spencer!«, fing er seinen Kameraden ab und joggte zu ihm rüber. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. »Was ist mit meiner Frau?«
Die Augen des Mannes wurden ernst, als er in seiner Arbeit innehielt. Das mulmige Gefühl in Azads Magen war plötzlich wieder da. »Tut mir echt leid, was ihr alles durchmachten musstet, Mann«, sagte er. »Ich weiß nichts genaues, Adams hat sich persönlich um sie gekümmert und dafür gesorgt, dass sie eingeliefert wurde. Sie ist im Krankenhaus. Ich weiß nicht, wie ernst die Situation ist, wir haben nur eine kurze Meldung bekommen, dass alles nach Plan lief am anderen Seeufer.«
Azad nickte, seinen Freunden überaus dankbar. Trotzdem konnte er nicht länger ausharren ohne Rüya zu sehen. Und Selin. Um sie musste er sich auch noch kümmern. Jetzt war ihm nichts mehr im Weg.
Mit einem Gefühl aus einem Albtraum erwacht zu sein, nervte er die entsprechenden Personen, die ihn eigentlich noch nicht gehen lassen wollten. Er war zu wichtig und musste seine Aussagen machen. Aber Azad zeigte sich unerbittlich, wenn er einem Traum nachjagte.


12. August 2018

Wandelnder TraumWo Geschichten leben. Entdecke jetzt