Vierundzwanzig

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A Z A D




»Hey«, Azad zupfte an Rüyas glatten Strähnen. Sie stellte das Geschirr ab und sah fragend über ihre Schulter. Wie ein Blitz traf es ihn. Er zog etwas fester an der Strähne. Nur um sie zu ärgern und dann angrinsen zu können, wenn sie ihn böse anfunkelte. »Du suchst wie eine kleines Kind nach Aufmerksamkeit«, warf Rüya ihm vor. Mit diesem ganz besonderen Funkeln in ihren Augen, die vor nicht einmal langer Zeit ganz benebelt waren. Jetzt waren sie lebendiger. Als hätte sie zu neuem Leben gefunden. Vor seinen Augen war sie aufgeblüht wie ein Veilchen.
»Warum hast du sie geändert?« Er zog erneut an ihrer Strähne, bis sie sie ihm entriss. »Geht dich nichts an! Zieh nicht an meinen Haaren.«
»Oh«, er lachte, »ist das eine Kampfansage?«
Sie sagte nichts, sondern ging ihrer Arbeit nach. »Also, ich finde, es klingt wie eine Kampfansage. Wolltest du mich herausfordern, Rüya Özdemir?«
»Wolltest du denn herausgefordert werden, Azad Kaya?« Aufmüpfig hob sie eine Augenbraue. Kurz huschte etwas undefinierbares über sein Gesicht, dann steckte er es wieder perfekt weg. So perfekt, dass sie anfing an ihren Augen zu zweifeln. Hatte sie sich das eingebildet? »Ich mag sie lockig besser«, meinte er schließlich. Sie warf sich die Haare mit einer Hand über die Schulter. »Wie schön, dass ich eine selbstbestimmte, in meinen Entscheidungen freie, junge Frau bin, nicht wahr?«
Augenblicklich zog er ein düsteres Gesicht. »Komm mir nicht so, Rüya. Baby, du weißt genau, du bist weder frei noch wirst du irgendwas tun, wenn ich nicht will. Komm mir nicht mit dem Emanzipations-Scheiß, das heutzutage jeder benutzt.«
Sie verdrehte die Augen, woraufhin er seine verengte. »Nein, Rüya«, sagte er. »Ich meine es ernst. Nenn mich oldschool, aber alles hat seine Grenzen. Deine Freiheit ebenso wie deine Selbstbestimmung.«
Sie seufzte und erkannte glücklicherweise, wie heikel dieses Thema war. Und wie brenzlig die Lage zwischen beiden wurde. »Du wirst mich doch wohl nicht herumkommandieren? Denn das mag ich nicht. Ich bin ganze Jahre meines Lebens auf mich allein gestellt gewesen und versuche ein kleines Kind großzuziehen.«
»Schau mich an«, forderte er. Sie erwiderte: »Tu ich doch.«
Azad schüttelte seinen Kopf. »Nein, schau in meine Augen und gib mir deine ganze Aufmerksamkeit.«
Als sie es tat, trafen ihn diese veilchenblauen Augen. Erneut. Er liebte die Mischung von blau und lila. Er liebte es, wie sie immerzu verträumt dreinblickte und wie ihre Augen nie etwas verstecken konnten. Aber er hasste das Grauen, das niemals aus ihnen verschwinden würde. Wogegen auch er nicht ankam. Er musste sich wohl damit abfinden, dass es manche Sachen gab, die er nicht ändern konnte und dass es Sachen gab, die auch sie nicht anders machen konnte.
»Ich will, dass du bestimmte Grenzen akzeptierst«, sagte Azad. »Nein, ich werde dich nicht herumkommandieren und dir ständig sagen, was du zu tun hast. Aber ich möchte, dass du Rücksicht auf meine Entscheidungen nimmst. Wenn es etwas gibt, bei dem ich entscheide, dass es zu gefährlich wird, dann hörst du auf mich. Ich bin trotz allem ein Polizist. Ich bin der Mann. Ich kann und werde dich beschützen mit allem, was in meiner Macht steht. Aber am wichtigsten ist es, dass du mir in meinen Entscheidungen vertraust...dass ich weiß, was du willst und brauchst.«
Sie meinte nach einer kurzen Pause bloß: »Wie war das nochmal mit dem Emanzipations-Scheiß?«
Er warf den Kopf zurück und lachte.

»Ich will nur eine kleine Feier«, insistierte Rüya. Necmiye versuchte beiden Verlobten den Vorteil einer großen Hochzeitsfeier zu zeigen - erfolglos. Azad und Rüya hatten beide nicht wirklich Freunde oder Verwandte, die an der Hochzeit teilnehmen sollten. Warum dann eine große Feier?
»Wir verteilen einfach das Essen, wie es die Sunnah gebietet, und dann ist alles gut. Es werden nicht so viele Leute da sein«, meinte Azad. Necmiye Arslan funkelte ihren Neffen finster an. »Mein Lieber, du kannst von Glück reden, dass diese Frau hier so verrückt war ›ja‹ zu sagen. Zuerst dein stürmischer ›ab die Post‹ Wunsch, jetzt auch noch weniger als eine richtige Hochzeitsfeier? Was willst du noch? Keine Ringe?«
Azad grinste, als sie an seine Bedingung, in höchstens einem Monat zu heiraten, referierte und zuckte mit den Schultern. »Ringe müssen sein, wie sonst sollen die anderen Männer denn dann erkennen, dass Rüya nicht mehr zu haben ist? Irgendwie muss ich ihr ja mein Zeichen aufsetzen.«
Rüya hüstelte, Necmiye Teyze strafte ihn mit einem bitteren Blick.

Wandelnder TraumWo Geschichten leben. Entdecke jetzt