Acht

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A Z A D



Er hatte alles gehabt, was er sich hätte wünschen können.
Familie, Freunde, Geld, Liebe.
Er hatte alles gehabt. Es war perfekt gewesen. Sein Leben. Dann hatte er alles verloren, weil er verdammt nochmal nicht aus seiner Haut fahren konnte. Er hatte nichts und niemanden mehr. Der Tod war grausam, aber war das, was Azad getan hatte, nicht noch grausamer?
Manchmal hatte er das Gefühl, sich selbst zu verlieren, wenn er nur noch eine Sekunde länger so tun müsste, als ob er dieses Leben nie gehabt hätte. Als hätte er nie von der Süße der Sonne gekostet. Als hätte er nie das Parfüm des Windes tief eingeatmet. Als hätte er nie Zuckerwatte auf seiner Zunge schmelzen lassen.
Es war ein Gefängnis ohne Entlassung.
Es war eine Lüge ohne Wahrheit.
Das Plätschern des Regens riss ihn aus der Gedankenstarre. Die Nacht hatte seine Decke um die Stadt ausgebreitet und hieß die Lichter der Erde willkommen. Er musste sich den denkbar schlechtesten Zeitpunkt ausgesucht haben, um Nico zu treffen. Mit verkniffenen Mundwinkel zog er den Autoschlüssel aus dem Zündschloss, ehe er die Tür aufschloss und in den Regen trat. Augenblicklich wurde er von schweren Tropfen getroffen und durchnässt. Eilig sprintete er in das kleine Dinner, das alles andere als vornehm war. Das schwummrige Licht vom Innern tauchte den Regen in eine ganz andere Farbe. Sie wirkten wie kleine Kristalle, die beim Aufschlag mit der Erde zerbrachen. Mit der Kapuze seiner weichen Jacke auf dem Kopf, trat er ins Dinner. Die perfekte Kulisse für ein Treffen. Niemand achtete darauf, wer da war und wer nicht. Niemand achtete darauf, wer man war. Er selber hätte keinen besseren Ort auswählen können. Innerhalb von Sekunden hatte Azad die Lage gescannt, steuerte auf eine dunkle Nische an, in der er einen Mann mit einer schwarzen Cap gesichtet hatte.
»Du bist spät dran«, waren die ersten Begrüßungsworte an Azad. Beiläufig studierte der Mann die Karte, die er ausgebreitet vor sich hielt.
»Dir auch einen wunderschönen, verregneten Abend.« Azad konnte die Ironie aus seiner Stimme nicht verbannen, während er auf sich auf die Sitzbank gleiten ließ. Er verschränkte die Hände über dem Tisch, während er sich scheinbar entspannt zurücklehnte. Tatsächlich ließ er keine Sekunde seine Umgebung aus dem Blick und wusste, dass sein Gegenüber genau dasselbe tat. Beide wären nicht hier, wenn sie nicht genau wissen würden, auf was sie sich einließen. Leider barg das mehr Gefahren als ihnen lieb war. Trotzdem gab es keinen anderen Weg und war das kleinere Übel von allen. »Was macht dein entlaufener Hase, den du wieder einfangen wolltest?«
»Den Hasen kann man lange jagen«, meinte Nicolas, warf einen ernsten Blick auf Azad. »Der wurde noch nicht gefasst.«
Keine Gefühlsregung zeigte sich auf Azads Gesicht. Seine Körperhaltung immer noch so lässig wie davor. »Die Jäger haben seinen Bau noch nicht gefunden?«
»Das Bedarf wohl keiner Antwort. Wie soll man den Bau eines Hasen finden, der weiß wie man verschwindet?«
Eine Bewegung im Hintergrund fing Azads Blick ein. Fast wäre ihm die beiläufige Geste entgangen, wie sich ein schwarzhaariger Lockenkopf einige wirre Strähnen zurückstrich. Eine Geste, die er auf eine seltsame Art liebenswürdig, und eine verpasste Gelegenheit, sie zu sehen, als Verlust empfand. Verdammt, was machte Rüya hier?
Als er sie näher in Augenschein nahm, fiel ihm die rote Schürze auf, die über dem schwarzen Pulli und der ausgeblichenen Jeans, die sich an ihre wohlgeformten Beine passte, festgebunden war. Bei allen Orten auf dieser Erde, musste sie ausgerechnet in diesem arbeiten? Musste sie ausgerechnet jetzt hier sein?
»Was ist los?« Innerlich für den Moment der Abwesenheit fluchend, riss sich Azad von Rüyas Anblick los. »Was meinst du?« Er gab sich überrascht, unwissend. Aber Nico war gut. Lässig lehnte dieser sich in seinem Sitz zurück; ein Arm auf der Rücklehne des Sitzes. Seine stahlgrauen Augen hefteten sich auf Azads, während er ihn mit einem schiefen Grinsen anschaute, dass ebenso gespielt war, wie die Lässigkeit. »Ziemlich niedlich die Kleine.«
Azads Augenbraue schellte nach oben, ehe er sein Gegenüber von oben bis nach unten eindringlich musterte. »Wenn du mir sagst, welche Kleine, könnte ich dir eine Antwort geben.«
Das belustigte Schnauben, das Nico ausstieß, war diesmal ernst. »Verarsch mich nicht, Alter. Die Kleine, an der deine Augen vorhin geklebt haben.«
»Meine Augen kleben nicht. Hier sind viele Frauen, die ich hätte anschauen können, das weißt du doch sicherlich besser als ich.« Es war eine Herausforderung. Sie beide wussten es. Würde Azad es schaffen, Nico über den Tisch zu ziehen, oder würde dieser seinen Bluff aufdecken?
»Sie hat was an sich«, meinte Nico. »Nicht die klassische Schönheit, sondern schön auf eine andere Art. Und diese Locken...sie hat eine gute Figur, auch wenn sie versucht, sie durch Kleidung zu verbergen.«
Nur das Wissen, dass Nico absichtlich versuchte eine Reaktion aus Azad zu provozieren, brachte ihn dazu, ruhig zu bleiben. Oder eher zu wirken. Innerlich durchströmte ihn ein heißes, wildes Gefühl, das ihn an den Rand der Selbstbeherrschung brachte. Eine primitive Reaktion, für die er nichts konnte. Unerwartet und unerklärlich. Er hatte keinen Grund, so zu reagieren. Azad beugte sich leicht vor, hätschelte Neugier vor. »Jetzt bin ich gespannt, wen du wohl meinst.«
Einige Sekunden ließ Nico ihn nicht aus den Augen. Er beobachtete ihn, als hätte er Azad noch nie zuvor gesehen. Dann ließ er seinen Blick wieder frei und Azad wusste, dass er gewonnen hatte. »Es wird Zeit zu gehen. Ich melde mich demnächst.«
Ein Nicken war die typische Abschiedsgeste zwischen den beiden Männern. Anscheinend hatte Nicolas nicht vor zu bleiben, um noch seinen halb vollen Kaffee auszutrinken. Azad wartete noch einige Minuten in dem Schutz der Nische. Ehe er Nicolas' Beispiel folgte, achtete er darauf, dass Rüya in einem der hinteren Räume verschwand. Er wollte nicht, dass sie ihn hier antraf.
Draußen regnete es noch immer. Zwar war der starke Regenguss einem sanften Prasseln gewichen, doch Regen war Regen. In der Nähe hörte er eine schwere Tür zufallen. Aus der Ferne bellte ein einsamer Hund. Nichts ungewöhnliches. Stattdessen eher die beruhigen Geräusche von Normalität. Mit den Händen in den Jackentaschen vergraben und der Kapuze tief im Gesicht marschierte er in die Richtung, in der er sein Auto geparkt hatte. Dann brach ganz unvermittelt, ganz plötzlich, die Hölle aus.
Das Geräusch eines Schusses hallte noch in seinen Ohren wider; laut und vernichtend, während ein hohes, schrilles Kreischen folgte. Augenblicklich war alles vergessen, Azad zog seine Pistole aus dem Halter an der Rückseite seiner Jeans, während er in die Richtung stürmte, aus der er die Tür zufallen und das Kreischen gehört hatte. Sein Herz hämmerte in seiner Brust, als er ein zweites Mal das Geräusch eines Schusses hörte. Wieder hörte er ein Kreischen und diesmal blieb ihm das Herz im Hals stecken, als er die hinterher ängstlich ausgestoßenen Bitten hörte. Er ging möglichst schnell und leise hinter großen Mülltonnen in Schutz, richtete seine Pistole auf eine der Dächer, auf dem er den Schützen vermutete. »Verdammt«, fluchte Azad erzürnt. Ehe der Schütze nicht noch einen Schuss abgab, konnte er seine Position nicht genau bestimmen. Doch zuzulassen, dass er die Frau traf, - sie tötete, denn das war definitiv seine Absicht - war wahnsinnig. Rein instinktiv gab Azad mehrere Schüsse hintereinander ab, darauf hoffend, dass er in die richtige Richtung schoss. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Drei Schüsse auf Azad, der sich jetzt fester an die Tonne presste. Zwei erwischten die Betonwand vor ihm, etwas oberhalb da, wo sein Kopf noch vor einigen Sekunden gesteckt hatte. Der andere war weiter weg. Der Unbekannte musste ein miserabler Schütze sein und der Regen dürfte ihm seine Arbeit beträchtlich erschweren. Er hörte ein Wimmern, das ihm bekannt vor kam. Scheiße!, beschrieb nicht einmal annähernd die Ernsthaftigkeit dieser vertrackten Situation. Vorsichtig wagte sich Azad ein Stück nach oben. Fast in demselben Augenblick, feuerte der Schütze wieder auf ihn. Mit einer Hand zog er sein Telefon aus der Jackentasche, drückte die Kurzwahltaste, die ihn direkt mit dem Revier verband. Knapp und bündig gab er die Situation wieder und forderte Verstärkung an. Ihm lief die Zeit davon. Azad zählte innerlich bis drei, ehe er ruckartig aufsprang und rennend mehrere Schüsse aufs Dach abgab. Er feuerte in so schneller Abfolge hintereinander ab, dass der Schütze keine Zeit hatte, um selber einige Schüsse abzugeben. Springend brachte sich Azad hinter einem verrosteten Auto in Schutz, wo sich auch die Frau befand. Aufgeschreckt schrie sie kurz auf, während Azad noch im selben Moment nach ihrem Nacken griff und sie herunterdrückte. Dabei fielen ihm die charakteristischen Locken zuerst gar nicht auf. Der erwartete Schuss ließ die Autoscheiben klirrend zerschellen und wie tausend kleine Tropfen auf sie herabregnen. »Bleib unten«, knurrte Azad, als der Druck an der Hand, die die Frau nach unten presste, verstärkt wurde. Sie erstarrte unter seiner Hand, ihr Nacken spannte sich an. Azad stieß eine gewaltige Salve von Flüchen aus, als ihm bewusst wurde, dass er nur noch eine Kugel im Magazin hatte. Er betete zu Gott, dass man ihnen schnell zur Hilfe kommen würden. Er hatte noch ein volles Magazin in seinem Auto, doch wie sollten sie es bis dahin schaffen?
Seine Gebete wurden erhört, als er das unverkennbare Näherkommen von schrillen Sirenen hörte. Das schien dem Schützen das Signal zum Aufbruch zu geben, denn keine weiteren Schüsse wurden mehr abgegeben. Er wartete kaum, bis seine Kollegen angerückt kamen; alle bis auf die Zehen bewaffnet und mit Schutzwesten gesichert, sprang hinter dem Schutz des Autos hervor und rannte so schnell er konnte in Richtung Ausgang des Hauses. »Die Hintertür! Er entkommt!«, schrie er den Polizisten zu. Die Pistole fest im Griff umrundete er das Gebäude, gefolgt von einigen anderen. »Du!«, deutete er auf einen Mann, der direkt hinter ihm war, und dann auf die Hintertür. »Da hoch!«
»Er wird versuchen rechts herum zu gehen«, erfasste der andere Mann hinter ihm, gab fast direkt danach einige Befehle über Funk weiter. Sie rannten eine Weile, suchten die nähere Umgebung ab, doch der Schütze war bereits weg. Der Befehlshaber der Truppe gab einige wütende Befehle über Funk weiter, doch es war nutzlos. Mit rasender Brust, völlig durchnässt und mehr als nur missmutig stampfte Azad wieder zurück. Die Frau, von der er jetzt sicher war, dass es Rüya war, wurde von einigen Sanitätern überprüft. Der Anblick, wie sie völlig verschreckt und aufgelöst an einer Sauerstoffmaske hing, machte ihn nur noch viel wütender. Verdammt, wer war dieser Mistkerl, der es auf sie abgesehen hatte?
Er raufte sich die Haare, legte den Kopf in den Nacken, fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Sein gesamter Körper vibrierte vor Anspannung. Wie hatte dieser Wichser nur entkommen können?
Wieder wanderte sein Blick zu Rüya. Als hätte sie seinen Blick gespürt, richtete sie die verängstigen Augen auf ihn. Verdammt, die Tränen, die er selbst aus der Entfernung in ihnen sehen konnte; die Todesangst, die sich in ihnen widerspiegelte, stachelten die Wut in ihm an. Aufgebracht und hysterisch versuchte sie sich von den Sanitätern loszumachen. Ihre Schultern bebten. Dann schien sie einen Hustenanfall zu kriegen, der nicht enden zu wollen schien. Die Sanitäter redeten auf sie ein, doch immer wieder schüttelte sie ihren Kopf. Immer wieder schaute sie zu Azad, als würde sie am Liebsten zu ihm kommen wollen. Kurzerhand ging Azad auf sie zu. Sie schaute ihn mit großen Augen an, schien etwas ruhiger zu werden, setzte sich nicht mehr so heftig gegen die Sanitäter zur Wehr. Dicht vor ihr blieb er stehen. Selbst wenn er gewollt hätte, hätte er nicht beschreiben können, was in diesem Moment zwischen ihnen vor ging. Es war, als sei ein Band geknüpft worden. Sie schaute ihn an und er musterte sie. Am Liebsten hätte er die Hand ausgesteckt, um ihr die Tränenspur von den Wangen zu wischen. Sie griff nach der Maske, wollte sie sich abnehmen, doch Azad umfasste erstaunlich sanft ihre Handgelenke. »Ist okay«, murmelte er. »Lass es dran. Du kannst mir später noch sagen, was du sagen willst. Geht's dir sonst gut?«
Ihr Blick schien ihn zu verspotten, doch sie nickte schwach. Der Sanitäter rechts von ihm räusperte sich. »Wir sind noch nicht fertig mit den Untersuchungen. Wenn es Ihnen recht ist, können wir Sie gleich untersuchen.«
»Nicht nötig.« Er wendete den Blick nicht von Rüya ab. »Bei mir ist alles okay. Geben Sie uns eine Minute, sofern es möglich ist.«
Die Sanitäter nickten. »Natürlich.«
Es vergingen einige Sekunde, die von Schweigen ausgefüllt wurden. Azad seufzte, schloss kurz die Augen. »Allah hat dich beschützt, Rüya. Das hier«, mit dem Kinn deutete er auf die Gasse, »war der reinste Wahnsinn. Du wurdest verdammt nochmal von Allah beschützt, anders kann ich nicht erklären, weshalb du nicht einmal mit einer Streifwunde davongekommen bist.«
Zitternd brach sie erneut in Tränen aus. Angstvoll griff sie sich an Azads Jacke fest, presste ihr Gesicht an seinen Bauch. Im ersten Moment erstarrte er. Es war falsch. Sie sollte ihn nicht umarmen. Doch sie schien den Trost so verdammt nötig zu haben, dass er es nicht über sich brachte, sie von sich zu lösen. Nach einer Weile nahm sie die Maske von ihrem Gesicht un diesmal wendete Azad nichts dagegen ein. »Warum...«, fing sie nach mehreren schweren Atemzügen an, »warum warst du hier?«
»Vorher hätte ich ›Zufall‹ gesagt, jetzt sage ich ›Schicksal‹.«
»Oh, kuscheln! Ich will auch!«, ertönte plötzlich eine Stimme neben ihnen. Ein breit grinsender Joshua erschien neben ihnen. Verschmitzt funkelte er Azad an. Dieser stöhnte innerlich auf. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Finster antwortete Azad: »Mit meiner Faust? Gerne doch.«
Beleidigt zog Joshua seine Augenbraue hoch. »Warum bist du immer so gemein zu mir? Oh, warte.« Er drückte Azad einen heißen Kaffeebecher von Coffee Bay in die Hand. Fragend schaute er seinen Partner an. »Lasse ich dich einmal alleine, Kaya, gerätst du in eine Schießerei. Und verlierst natürlich den Bösewicht. Der da ist für deine Laune. Du hattest einen Scheißtag, Mann.«
Misstrauisch machte Azad den Deckel auf. Schwarz. Wie er es liebte. Normalerweise brachte ihm Joshua immer gezuckerten Kaffee mit viel Milch. Jedes Mal, wenn Azad ihn fragte, ob er ihm auch welchen mitbringen möge. Und jedes Mal behauptete er, er wisse nicht, dass Azad seinen schwarz trinke. Falls Azad davor daran gezweifelt hatte, war dies der feste Beweis, dass ihn sein Partner bloß jedes Mal aufziehen wollte. »Willst du Kaffee?«, fragte er Rüya. Diese schüttelte ihren Kopf.
»Oha!« Diesmal schmollte Joshua. »Mit mir teilst du deinen Kaffee nie, aber mit ihr schon? Schäm dich, Kaya. Alles, was ich für dich getan habe. Die unzähligen Male, die ich mein Leben für dich in Gefahr gebracht habe...all die Jahre...wie kannst du nur?«
Kopfschüttelnd stöhnte Azad. »Fängt das wieder an. Du musst echt mal aufhören, wie ein Mädchen zu schmollen, Adams.«
»Ich schmolle nicht wie ein Mädchen, Kaya. Ich schmolle wie ein extrem heißer Typ.«
»Du schmollst wie ein Mädchen.«
»Nein, tu ich nicht.«
»Doch, tust du!«
»Halt's Maul, du undankbarer Affe, und trink einfach deinen Kaffee.«

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