Siebenundzwanzig

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R Ü Y A


»Sie werden eine umwerfende Braut sein«, schwärmte die Verkäuferin während sie die letzten Änderungen an Rüyas zukünftigem Brautkleid feststeckte. Selin, gelangweilt und demnach unruhig, zupfte an der Hand ihrer älteren Schwester. »Wann suchen wir endlich ein Kleid für mich?«, fragte sie. »Gleich«, meinte Rüya und murmelte dann ein »Danke« zu der Verkäuferin. Sie hatte wirklich lange suchen müssen, bis sie ein Kleid gefunden hatte, das ihr Dekolleté und ihre Arme verdeckte. Sich zu bedecken und ihre Reize nicht jedem Mann oder jeder Frau zu zeigen, war etwas, das sie selbst an ihrem Hochzeitstag als wichtig empfand. »So, wir sind fertig«, meinte die Verkäuferin schließlich. »Bitte achten Sie darauf, dass sie in der nächsten Zeit nicht zu-oder abnehmen, damit Ihnen das Kleid noch passt.«
Endlich, dachte sich Rüya. Sie wollte mittlerweile nur noch ein Kleid für Selin finden und dann würde sie gehen müssen, um die letzten Hochzeitskarten zur Post zu bringen. Die meisten Personen, die sie eingeladen hatte, hatte sie bereits angerufen. Bienen stoben in ihrem Bauch auf. Zittrig presste sie die Hände darauf. Sie erinnerte sich daran, wie es war alte Bekannte anzurufen. Frühere Freunde ihrer Eltern mit denen sie schon vor einigen Jahren fast jeden Kontakt vermieden hatte. Sie erinnerte sich an die Freude und die Tränen, die in manchen Stimmen mitgeschwungen war. Und auch an die weniger Aufrichtigen. Anfangs war es ihr schwer gefallen. So lange Zeit hatte sie diese Kälte als ein Schutzwall zwischen ihr und jeglichen Bindungen aufgebaut. Es war ihr nicht aufgefallen, aber sie hatte sich abgeschottet. Nach dem grausamen Tod ihrer Familie hatte sie es nicht mehr ertragen irgendetwas zu haben, das sie an sie erinnerte. Gerade noch so hatte sie es geschafft ihren Abschluss zu machen. Mit ihrer Ausbildung sah es anders aus. Eigentlich hatte sie das Abitur angestrebt, aber trotz ihrer Qualifizierung war es ihr wichtiger erschienen einen Job zu finden und Geld zu verdienen. Alles hatte sich nur noch darum gedreht, wie sie möglichst schnell auf eigenen Beinen stehen konnte. Wie sie es schaffen sollte für Selin da zu sein. Rüya atmete tief ein und aus, dann stieg sie mithilfe der Verkäuferin aus dem Kleid und wandte sich Selin zu. Sie besuchten mehrere Geschäfte, aber Selin schien nicht zufrieden zu stellen zu sein. »Nein!«, weinte sie. »Das ist aber nicht, was ich will.«
»Selin«, versuchte es Rüya, »es gibt aber keine anderen Kleider. Die sind doch trotzdem richtig schön.«
Sie weinte weiter. Gestresst fuhr sich Rüya durch die Lockenmähne, wobei sich ihre Finger natürlich in den Haaren verfingen. »Autsch, verdammt!«, murmelte sie bei dem plötzlichen Ziepen. Sie sah auf die Uhr. Sie müssten sich beeilen, damit sie die Einladungen noch rechtzeitig abgeben und dann nach Hause konnten, um sich für die islamische Trauung zurechtzumachen.
»Ich möchte nicht dieses Kleid!«, fauchte Selin. Erneut. Rüya seufzte und sah ein, dass es keinen Sinn hatte. »Welches möchtest du denn dann?« Selin wurde ganz still. Nur ihr Schniefen war zu hören. Rüyas Handy klingelte und als sie auf das Display schaute, sah sie, dass es niemand anderes war als ihr Verlobter Azad Kaya. »Ganz schlechter Zeitpunkt«, meinte sie, als sie ranging.
»Warum, was ist los?«, fragte Azad sofort. Dann hörte er Selins Geheule. Rüya presste sich zwei Finger auf den Nasenrücken. »Wir haben eine Kleider-Krise. Das ist verdammt ernst hier. Die Einladungen müssen noch zur Post gebracht werden und wenn Selin nicht aufhört bald zu weinen und sich zu weigern ein Kleid auszusuchen, komme ich zu spät zu meiner eigenen Eheschließung.« Zu Rüyas Entsetzen brannten Tränen in ihren Augen. »Allah, bitte gib mir Kraft«, murmelte sie. Diese hatte sie bitter nötig. Sie hörte das Klimpern von Schlüsseln. »Okay, wo seid ihr? Ich komme zu euch.«
Rüya nannte ihm die Adresse, während sie sich das Handy ozwischen Ohr und Schulter klemmte, um Selin in die Arme zu schließen. »Ist ja gut, mein Schatz, hör bitte auf zu weinen.«
Irgendwann wurde ihr Schluchzen zu Hicksen und sie hatte sich zumindest so weit beruhigt, dass sie keine neuen Tränen mehr vergoss. Keine zehn Minuten später tauchte Azad auf. Rüya erspähte ihn schon von weitem, während er noch mit suchenden Blicken die Gänge streifte. Dann sah er sie endlich und kam auf die beiden Mädchen zugeschritten. Er stieß einen Pfiff aus. »Was ist denn hier los?«
Aus tränenverschmierten Augen blinzelte Selin zu ihm auf.
»Was ist denn los, Prinzessin?«
Abwehrend drehte sich das kleine Mädchen von ihm weg, umklammerte ihre Schwester fester.
»Wollen wir ein Spiel spielen?«, wisperte Azad verschwörerisch. Neugierig sah Selin zu ihm auf. Er lächelte. »Es heißt ›Ein Geheimnis für dich‹. Ich fange an und erzähle dir eins meiner Geheimnisse, die du wissen willst, und dann erzählst du mir eins von deinen.«
Sie wandte sich nicht von ihm ab und Azad fasste das als gutes Zeichen auf. »Okay, Prinzessin, was willst du wissen?« Der blonde Lockenkopf sah vorsichtig zu seiner Schwester auf. Rüya strich ihr ermutigend über die Wange. Dann hob Selin ihre Hand und legte sie Azad an die glatte Wange. Sie sah ihn aus großen Augen an. »Magst du mich und meine Schwester?«
Azads Lächeln vertiefte sich. »Sag das niemanden, aber ich mag euch sogar sehr.«
Ihre kleine Stirn zerfurchtet fragte sie nachdenklich: »Wie sehr?«
»Hey, jetzt bin ich dran! Aber ich mache eine Ausnahme und lasse deine Frage trotzdem gelten. Ich mag euch beide sehr, sehr, sehr.«
Selin sah wieder zu ihrer Schwester auf. Es war Azads Fragerunde. »Warum möchtest du keines der Kleider?«
Zerbrochenes Glas schimmerte in den Augen des Kindes. Ihre Hand an seiner Wange erstarrte. Plötzliche Spannung durchfuhr den kleinen Körper. Er legte seine große Hand an ihre und presste sanft ihre Hand an seine Lippen. »Prinzessin?«
Als Selin Luft nahm und ihm geradeheraus in die Augen schaute, mit diesem hochgerecktem Kinn, konnte er nicht anders als sie zu bewundern. »Ich will das Kleid, das ich auch zu Şüheda Ablas Hochzeit anziehen sollte. Ich weiß, dass ich damals noch ganz klein war. Aber das hatte Mama ausgesucht und ich will, dass Rüya Abla auch etwas, das Mama ausgesucht hat, in ihrer Hochzeit hat.«
Er drückte einen weiteren Kuss auf ihre kleine Handfläche und bewunderte sie noch mehr. Gleich neben der herzzerreißenden Trauer. »Kleine Prinzessin, deine Mama und deine Schwester sind immer hier.«
Ihre so erwachsenen Worte hatten Azad tief getroffen. Er brachte es kaum zustande zu lächeln, denn die dunkle Last, die auf seinen Schultern lastete, griff nach seinen Gesichtszügen. Nein, sie änderten sich nicht, bemerkte Rüya, aber da war etwas in diesen blauen Augen, das dieses dunkle Etwas heraus sickern ließ. Was auch immer dieses Etwas war. Er wirkte müde, bemerkte sie jetzt auch. Nicht so fröhlich und energiegeladen, wie sie angenommen hatte als er hier aufgetaucht war und angerufen hatte. Entsetzen griff nach ihr und für einen Moment war sie aufrichtig erschüttert. Wenn er es geschafft hatte, sie so sehr zu täuschen, dass sie nicht einmal gemerkt hätte, dass er nicht so fröhlich war wie er tat, wie sehr konnte er sie tatsächlich hinters Licht führen, ohne dass sie es ahnte? Wäre Selin nicht gewesen und dieser Augenblick der Schwäche, das die Mauer in seiner Seele verdünnt hatte, wäre sie nicht dahinter gekommen.

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