Kapitel 20 - Die Fahrstunde ist beendet

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Mit noch angehaltenem Atem kneife ich mir unauffällig in den Schenkel, während Harry langsam weiterfährt. Es ist seltsam, aber ich bekomme Herzrasen und kann nicht einordnen, wieso. Vielleicht ist es, weil er betrunken fährt und ich Angst habe. Vielleicht ist es aber auch nur wegen ihm und der Tatsache, dass ich ihm gerade wirklich vollkommen vertraue. Wieso, weiß ich nicht. Ich tue es einfach. Vielleicht aus alter Gewohnheit oder der Illusion, wir könnten eventuell die sein, die wir früher waren. Nur irgendwie ... anders.

Ich sollte ihm nicht vertrauen. Das sollte ich wirklich nicht. Aber ich tue es. Und das wirklich. Wenigstens für den Moment, in dem wir still hier sitzen und durch die Straßen Englands fahren


„Okay, jetzt ist volle Konzentration gefragt", sagt Harry, als ich die Tür der Fahrerseite zuknalle und nun wieder das Lenkrad verkrampft umfasse.

Harry schnallt sich an und ich sehe mich in der Gegend um. Hier ist definitiv niemand. Wir stehen auf einem alten Parkplatz eines Krankenhauses. Noch abgelegener könnten wir kaum sein. Wir könnten also nicht gefunden werden, wenn ich uns totfahre. Verdammt, das habe ich vorher nicht bedacht.

Deswegen sage ich: „Das ist eine schlechte Idee, Harry."

„Nein, es ist eine gute Idee. Starte den Motor."

Mit zitternden Fingern drehe ich den Schlüssel und der Motor brummt auf. „Ich werde uns umbringen."

„Ich werde diesen Spruch jetzt ignorieren", sagt Harry ruhig und dreht den Schlüssel wieder, sodass der Motor aus geht.

Verwirrt sehe ich ihn an. „Wieso-''

„Das war ein Test", erklärt er und lehnt sich zurück. „Und du bist durchgefallen."

„Ein Test?"

„Ja. Wieso solltest du den Motor starten, wenn du noch nicht angeschnallt bist? Oder die Spiegel richtig eingestellt hast? Oder deinen Sitz? So könntest du uns wirklich umbringen."

Und sofort bin ich genervt von ihm. Ich kenne diese Art von ihm, jemanden etwas beizubringen. Er wird dann zum Lehrer und ist noch anstrengender als vorher. Ich erinnere mich nur ungern an den Tag, an dem er mir in der sechsten Klasse Bruchrechnen beibringen wollte. Am Ende hatte er rote Striemen auf seinem Arm, weil ich ihn gekratzt habe, nachdem er dauerhaft seine ‚Tests' durchgeführt hat. Anscheinend hat er sich in dieser Richtung nicht geändert. Schade eigentlich.

„Okay, Meister", sage ich deswegen augenrollend und greife zum Rückspiegel, stelle ihn richtig ein. Dann noch die Seitenspiegel und meinen Sitz. Nun berühren meine Brüste fast das Lenkrad, damit ich auch richtig an das Gas und die Breme rankomme.

Harry schüttelt den Kopf, als er das sieht. „Das ist viel zu weit vorne. Du könntest dir die Arme brechen, wenn du eine Vollbremsung machst und noch dazu sieht das echt scheiße aus." Er zieht an dem Hebel, mit dem man meinen Sitz zurückstellen kann und schiebt meinen Sitz weiter nach hinten. „So ist es besser."

Wieder einmal atme ich tief durch, weil es wieder heißt den Motor zu starten. Ich bin immer noch der Meinung, dass diese Nacht nicht gut endet. Muss Harry so eine Schnapsidee auch unbedingt nachts kommen? Hätte es nicht mitten am Tag sein können?

Ich schnalle mich noch an und dann starte ich auf Harrys Befehl wieder den Motor.

„Kupplung und Bremse", sagt er, als der Motor brummt.

„Kupplung und Bremse?"

„Tritt drauf."

„Äh." Ich sehe nach unten betrachte die drei Pedale. Was davon ist nun die Kupplung? Schon damals wusste ich das nicht.

Violet Socks I HSWo Geschichten leben. Entdecke jetzt