Kapitel 11 - Fünf Meter

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Harry kommt mit schnellen Schritten auf mich zu, während ich höre, wie Misses Heath die Haustür laut zuknallt.

„Falls du dich bei mir entschuldigen willst, dann kannst du es gleich lassen", sage ich, noch bevor er bei mir ankommt. „Absolut nicht nötig, ich will es nämlich gar nicht hören."

„Ich hatte nicht vor, mich bei dir zu entschuldigen." Er bleibt vor mir stehen. „Ich soll dich nach Hause fahren."

Ich lache auf und drehe mich um, damit ich weiter den Weg nach Hause ansteuern kann. „Nie im Leben steige ich in dein Auto."

Stöhnend folgt mir Harry. „Violet, Heath bringt mich um, wenn ich dich jetzt nicht nach Hause bringe."

Ich jedoch laufe weiter. „Mir egal. Solange sie nicht mich umbringt."

„Wow, wie taktvoll von dir, so was zu sagen, während du gleich in meinem Auto sitzen wirst, das von mir gesteuert wird."

„Wie dumm von dir, zu denken, ich würde in dein Auto steigen."

„Dir bleibt nichts anderes übrig. Heath wird sicher gehen, dass du in mein Auto steigst."

„Mir egal. Du bekommst den Ärger, nicht ich."

„Ach, wirklich? Ich bin mir ziemlich sicher, dass es ihr – nachdem du ihre Küche verunstaltet hast – ziemlich egal ist, ob sie dich nun drei Wochen oder das komplette Schuljahr nachsitzen lässt."

Ich verdrehe genervt davon, dass er mir immer noch hinterherläuft, die Augen. „Ich bin sowieso gleich Zuhause, also mach mal keinen Aufstand."

Ich höre, wie er hinter mir stehen bleibt, worauf ich mich zu ihm umdrehe, jedoch nicht aufhöre, weiterzulaufen. „Stimmt", sagt Harry und sieht sich in der Gegend um. Er weiß anscheinend noch ganz genau, wo ich wohne.

Und weil ich nur noch diese eine Straße entlanglaufen will, winke ich halbherzig zu und drehe mich wieder nach vorne. „Blitzmerker. Und jetzt lass mich endlich nach Hause laufen."

Ich habe zwar größten Respekt vor Heath und ich kann mich auch vorstellen, dass sie nur möchte, dass Harry mich nach Hause fährt, weil es schon dunkel ist, aber ich steige nicht in sein Auto. Vor allem nicht, wenn mein Haus gerade mal zwei Straße weiter entfernt ist. Diese Minute in seinem Wagen kann ich mir gerne sparen, wirklich. Viel lieber steige ich in das Auto eines Serienmörders.

Okay, das war vielleicht ein wenig übertrieben.

Aber ich steige nicht in Harrys Auto.

„Okay!", ertönt Harrys Stimme und es klingt, als hätte er sich mittlerweile von mir entfernt, was mich wieder über die Schulter blicken lässt. Er läuft wieder die Straße herunter zu Misses Heath Haus.

Etwas verdutzt davon, wie einfach es war, ihn abzuwimmeln, sehe ich wieder geradeaus durch die dunklen Straßen. Wieso wundere ich mich darüber, wie einfach er meine Bitte, mich im Dunkeln nach Hause laufen zu lassen, angenommen hat? Vielmehr sollte es mich wundern, wie er für ein paar Momente hartnäckig versucht hat, mich in sein Auto zu bringen.

Na ja, wahrscheinlich will er einfach nicht noch mehr Stress mit Heath haben, wie er sowieso schon hat. Es ist nur ungewohnt für mich, dass er einfach so lockert lässt, denn früher war er auch nicht so. Aber es sollte mich nicht wundern. Harry ist nun mal heute anders.

Als ich schon mein Haus sehen kann und meinen Schlüssel aus meiner Tasche krame, um die Tür aufzuschließen, scheinen mir von hinten Scheinwerfer entgegen. Als mir dann auch noch das Auto entgegenhupt und links neben mir herfährt, erschrecke ich mich, als ich Harry hinter dem Steuer sehe.

Violet Socks I HSWo Geschichten leben. Entdecke jetzt