Jérôme #19

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I wish I could remember that first day,

    First hour, first moment of your meeting me,

    If bright or dim the season, it might be

The Kinks pochten laut und vor Leben schäumen gegen meine Trommelfelle, während die Worte in mein Bewusstsein sickerten. Als ich meine Tasche für die Woche mit der Klasse gepackt hatte, hatte ich gewusst, dass ich irgendetwas vergessen hatte. Und natürlich war es das zerfledderte Gedichtebuch gewesen, in dem mehr als tausend Sätze mit Farbe angestrichen waren. Meine Mutter hatte es mir irgendwann einmal geschenkt, da sie meinte es sei wichtig für die mentale Entwicklung von Jugendlichen, dass sie Gedichte zur Hand hatten. Und seit dem ging ich mit dem Buch sogar schlafen, wofür ich mir schon oft genug ihre Witzeleien über mich hatte entgehen lassen, aber natürlich musste ich genau das in dem letzten Packstress vergessen. Heute war ein schöner Tag und es war sonnig für diese Jahreszeit. Zum Glück war heute die Telefonkette losgegangen und hatte verkündet, dass die ersten beiden Stunden ausfielen. Die Luft roch nach Herbst und am liebsten wäre ich einfach hier sitzen geblieben, mit der Sonne im Gesicht, den Kopfhörern auf den Ohren und dem Buch in den Händen, statt in den langweiligen Physikunterricht zu gehen. Erschrocken sah ich auf, als ich Motorengeräusche sogar durch meine voll aufgedrehte Musik hörte. Ein knallrotes Auto parkte direkt am Ende des Weges, der eigentlich zu einem Zebrastreifen führte. Sogar ich, als vollkommener Autoanalphabet erkannte in den perfekten Proportionen, dem glänzen Lack und der langgezogenen Schnauze eine wahre Schönheit. Auch wenn sie vermutlich schon ein Oldtimer war. Die Türe schwang auf und ich war neugierig, was für eine Person so ein Auto fuhr. Vielleicht hätten wir ja eine neuen Schulleiter. Ich bemerkte aus dem Augenwinkel, dass ich nicht der Einzige war, der starrte. Jeremy stieg in einer einzigen fließenden Bewegung aus dem Auto aus und sein Gesicht sah aus, wie von einem Actionhelden, wobei am Ende deines Abenteuers das Auto vermutlich Schrott wäre. Marco starrte ihn mit offenem Mund an und ließ dafür sogar Gina stehen. Ich setzte meine Kopfhörer ab. "Ist das ein Maserati Ghibli Spyder?!" Seine Stimme überschlug sich beinahe vor lauter Bewunderung und er stellte sicher, dass auch ganz sicher alle auf dem Schulhof erfuhren welches Model das war. Ich bemerkte den bescheiden schimmernden Dreizack am Kühlergrill. Jeremy nickte gelangweilt. "Von 1968?" "1967." Am liebsten würde ich wieder meine Kopfhörer aufsetzen und aufhören diesen langweiligen Gespräch zu lauschen, aber ich war zu sehr von dem Auto in den Bann geschlagen worden. Wieviel musste ein über vierzig Jahre altes Auto wert sein? "Ist es der sechszylinder oder der achtzylinder?" "Acht...", sagte Jeremy desinteressiert und musterte das Auto kritisch mit seinen Händen in den Hosentaschen. "Und...?" "Fahr den Wagen doch einfach auf den Parkplatz.", sagte er und hielt den schwarz silbernen Autoschlüssel hoch. Marco starrte ihn mit glänzenden Augen an. "Jetzt nimm schon." Marco schnappte mit schnellen Fingern den Schlüssel. "Wenn da ein Kratzer drin ist oder du sonst etwas kaputt machst, poliere ich dir die Fresse und zwar mit dem Autoschlüssel." Er nickte und ließ sich auf den Ledersitz gleiten. Jeremy sah zu wie der Wagen um die Ecke bog und stapfte dann auf das Schulgebäude zu. Schnell packte ich meine Sachen zusammen und eilte ihm nach. "Woher hast du das Auto?" Er musterte mich von der Seite, als wisse er nicht wer ich bin und als sei er sich nicht sicher, ob ich ihn auch nicht erschlagen wollte. Etwas schmerzte fein in meiner Brust, aber ich schob es zur Seite und lächelte ihn aufmunternd an. "Geburtstagsgeschenk.", sagte er knapp und stapfte die Treppenstufen zum Physiksaal hoch. Am liebsten hätte ich ihn in die Arme geschlossen, wäre ihm so viel näher und hätte die Distanz und die Kälte zwischen uns überwunden. "Wieviel hat es gekostet?" Er zog seine dunklen Augenbrauen zusammen. "So etwas sagt man bei Geschenken normalerweise nicht." Ich seufzte. "Du weißt, dass uns nichts verbindet und wir nichts miteinander zu tun haben sollten?", fragte er und sah mich von der Seite an. Für einen Moment konnte ich nicht atmen und spürte meinen Herzschlag zu stark in meinem Körper. Ich biss meine Zähne zusammen. "Das weiß ich." Er atmete scharf aus und ließ seine Tasche auf den Boden fallen. Ich fragte mich, was das sollte in seinem letzten Satz zu bedeuten hatte, aber ich setzte bloß wieder meine Kopfhörer wieder auf. Kevin stellte sich zu ihm und redete auf ihn ein, während Jeremy ihm bloß gelangweilt aussehend und mit verschränkten Arme zuhörte. Wie es sich wohl anfühlte sich alles Erdenkliche leisten zu können und nie auf irgendetwas sparen zu müssen? Ich ließ mich an der Wand in den Schneidersitz gleiten und hätte ihn am liebsten gefragt, ob er mich auch mal auf eine Spritztour mitnehmen würde. Aber die Antwort war eigentlich schon vorhersehbar, Also versuchte ich mir nicht zu viele Gedanken zu machen und zu vergessen, dass ich ihm egal war.

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Ich dachte mir, da heute Weihnachten ist kann ich auch mal guten Gewissens zwei Kapitel raushauen. & euch allen schöne Feiertage!

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