Jeremy #13

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Ich steckte meine Haare zurück, die auf meinen Oberkörper tropften und warf einen Blick auf meine Handyuhr. Es war schon 9:31 Uhr. In knapp einer halben Stunde gäbe es Frühstück und wir erfuhren das Programm für heute. Es interessierte mich nicht und ich spürte immer noch einen Druck auf der Brust, wenn ich daran dachte, dass Jérôme in das Buch gesehen hatte. Es waren so viele Dinge darin, die niemanden etwas angingen. Es war als hätte er mich von Kopf bis Fuß aufgeschnitten und mein Herz und mein Gehirn durchforstet. Und ich hatte nicht einmal den Drang verspürt ihn umzubringen. Es war einfach bloß dieses Gefühl entstanden von Ausgeliefertsein. Und das war noch schlimmer als Wut oder Verachtung. Mit den beiden Dingen konnte ich umgehen. Ich stützte mich am Waschbecken ab, als mir schwindelig wurde. Am liebsten hätte ich es einfach vergessen, dass er all das gesehen hatte. Es war ein schwerwiegender Eingriff. Nicht bloß ein paar wahllos aneinander gereihte Fotos und Worte. Es war alles was mich ausmachte. Nicht mehr, nicht weniger. Und ich wollte nicht, dass irgendjemand mehr über mich wusste, als ich ihn wissen ließ. Auch wenn er vermutlich nicht einmal wusste, welche Bedeutung das Buch hatte. Er konnte Hasi sehen, meine Kleider und Playlisten durchwühlen, meinetwegen auch meinen Körper küssen, aber er sollte das in Ruhe lassen, das mich ausmacht und das ich immer versuchte zu verbergen. Es gehörte mir. Mir alleine. Und es preiszugeben bedeutete bloß sich eine Blöße zu geben. Ich wusste ja nicht einmal wie er mit Nachnamen hieß. Ich hatte einmal in einem Buch von Prof. Gordon Quentin gelesen, dass die meisten Menschen, wenn man ihnen zu nahe tritt handgreiflich werden, weil sie keinen anderem Ausweg sehen. Aber als ich seine Finger in dem Buch gesehen hatte, das begeisterte Funkeln in seinen Augen, war ich nicht in Panik ausgebrochen. Ich war so ruhig gewesen, dass es mir gruselig vorgekommen war. Das war nicht ich gewesen. Stand ich unter Schock? Ich zog mir ein Sweatshirt über meinen nackten Oberkörper. Er war schon ganz ausgekühlt. Als ich in meine Hose geschlüpft und den frischen Geschmack von Zahnpasta im Mund hatte, öffnete ich die Türe. Die Katze strich mir schnurrend um die Beine. Sie hatte gewarnt, bis ich wieder rauskam. Ich musste beim Frühstück irgendwie etwas für sie mitnehmen Beinahe hätte ich ihn umarmt. Er lag auf dem Rücken auf dem frisch bezogenen Bett und sich anscheinend zu Tode langweilte. Als er mich bemerkte, setzte er sich auf. Aber seine Körperhaltung sah aus, als würde er sich darauf vorbereiten sofort aufzuspringen und wegzurennen. Vielleicht dachte er ja, ich sei bloß im Bad gewesen, um einen Plan zu schmieden wie ich ihn am schnellsten umbringen konnte. Ich zog meine Schuhe an und hielt ihm die Türe auf, die auf den deprimierenden Gang hinaus führte. "Es gibt gleich Frühstück." Als er mich misstrauisch ansah, erinnerte er mich an ein scheues Reh. Ich seufzte genervt. "Jetzt komm schon!" Er stand auf und schlüpfte in seine eigenen Schuhe, ohne mich aus den Augen zu lassen. Wenn er sich weiterhin so paranoid benahm, konnten die nächsten Tage bloß noch schlimmer und anstrengend werden. Ich schloss, als er endlich fertig war, schnell die Türe hinter ihm, damit Lou nicht hinter uns her huschte. Hoffentlich hörte keiner der Lehrer ihr verärgertes Miauen. Ich spürte seine Blicke auf mir. "Was ist los?" Meine Stimme klang genervt. Er sah schnell weg. "Ich dachte, du wärst vielleicht sauer.", sagte er so kleinlaut, dass ich ihn beinahe nicht erkannte. "Selbst wenn. Ich denke, du weißt dass es nicht okay ist." Ich überraschte mich selbst. Seit wann war ich so ruhig? An ihm konnte es schließlich nicht liegen. "Und wenn ich dich noch einmal erwische schneide ich dir deine Finger ab." Ein Grinsen stahl sich auf seine Lippen. "Dafür musst du mich kriegen." Ich sah ihn genervt an und wollte ihm gleichzeitig durch die Haare streichen. Sie sahen so weich wie Lous Fell aus. Als wir den Saal betraten, wirkte dieser sogar trotz des schönen Lichtes, das von draußen herein schien trist und deprimierend. Wir waren nicht die einzigen, die noch vor zehn Uhr hierher gekommen waren, eingeschlossen den Lehrern und wir hatten Glück, dass es schon Essen gab. Ich schlenderte auf den Tisch zu, wo Frau und Herr Schamm schon saßen und achtete nicht darauf, ob er mir folgte. Erst als sich die Haferflocken mit den Früchten vor mir mit Milch vollsogen wurde mir bewusst wie hungrig ich war. Ich erinnerte mich gar nicht daran, wann ich das letzte Mal tatsächlich etwas Gescheites zu nur genommen hatte. Der Löffel lag kühl in meiner Hand und ich lud ihn voll. "Was machen wir eigentlich mit Lou?", hörte ich Jérôme nervös neben mir fragen. Ich kaute, sah ihn nicht einmal an und zuckte mit den Schultern. "Was ist wenn sie jemand gehört?" Ich funkelte ihn verärgert an. Ich wollte einfach bloß meine Ruhe haben. "Wir lassen Sie noch frei." Seine sanften, braunen Augen erwiderten meinen Blick umgerührt und er lächelte sogar leicht. "Okay. Aber so wie sie dich verehrt, wird sie nicht gerne gehen." Zum Glück blieb es mir erspart ihm eine Antwort zu geben, als sich ein Junge neben mich fallen ließ. Er trug eine Jogginghose, ein T-Shirt und roch nach Deo. Er passte nicht an diesen Tisch und ich sah Herr Schamm zufrieden lächeln. Ich kannte den Jungen. Er hieß Quinn Fox und die wenigsten in der Klasse, wollten etwas mit ihm zu tun haben, auch wenn er bloß auf sein Aussehen bezogen wahrscheinlichen ein Traum für jedes Mädchen war. Aber jetzt sprach nicht einmal jemand mit ihm, nachdem er einen Teil der Schule in Brand gesetzt hatte, wobei es ihm verziehen worden war, auf Grund der Tatsache, dass seine Mutter eine Woche zuvor Selbstmord begangen hatte. "Was machst du denn hier?" Er sah mich kühl an. "Frühstücken." Ich erwiderte seinen Blick skeptisch und fragte mich, ob er zu jedem so kalt war. Ich sah weg, als Herr Schamm aufstand. Ansheinend waren alle zum Frühstück gekommen. "Heute haben wir zwei Programmpunkte zwischen denen ihr euch entscheiden könnt. Entweder könnt ihr shoppen gehen oder ins Schwimmbad. Ihr solltet euch bis dreizehn Uhr entschieden haben." Damit setzte er sich wieder und warf uns drei einen bösen Blick zu. "Ihr müsst zusammen bleiben." Ich hatte auf nicht von beidem Lust und fixierte genervt meine Schüssel. "Also ich würde schon gerne in die Stadt. Sie soll wirklich hübsch sein.", begann Jérôme zu beratschlagen. Ich sah aus dem Augenwinkel wie Quinn mit den Schultern zuckte und ich macht mir nicht die Mühe irgendwie zu reagieren. Jérôme seufzte und gab auf irgendein Gespräch anzukurbeln. Und ich wünschte mir einfach bloß wieder einmal alleine in einem bequemen Bett zu schlafen. Vorzugsweise meinem eigenen.

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