SCHWACH.

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Raphael verlässt das Zimmer um meine Versichertenkarte zu holen. Ich sehe ihm nach. Er hat mich hierher gebracht, obwohl ich nicht hier sein will. Mir geht es doch wieder gut. Warum muss ich dann hier sein?

Ich halte den Geruch der Desinfektionsmittel kaum aus. Ich rutsche auf meiner Liege hin und her. Sie ist mit einem Papiertuch überzogen. Es fühlt sich seltsam an. Ich klopfe mit meinen Fingern auf meinen Bauch. Ich atme viel zu schnell.

„Guten Tag, Frau Maler", höre ich eine dunkle Stimme. Ich hebe meinen Kopf. Ein großer Mann mit weißen Haaren kommt auf mich zu. Seine Brille ist auf die Nase gerutscht.

„Hallo", sage ich leise.

„Wie fühlen Sie sich?", fragt er und gibt mir die Hand.

„Besser", sage ich. Er holt eine kleine Lampe aus seinem weißen Kittel und leuchtet mir in die Pupillen. Er tastet meinen Hals ab. Ich halte die Luft an. Seine Hände sind kalt.

Schweigend gibt er mir zu verstehen, dass ich mich aufrichten soll. Er hört mein Herz ab. Mit seinem Stuhl rollt er zu seinem Schreibtisch und notiert sich etwas.

„Haben Sie heute schon gefrühstückt?", fragt er schließlich. Wieso möchte das jeder wissen?

„Ja", sage ich.

„Was haben sie gegessen?", fragt er. Ich zucke zusammen. Ich muss an Raphael denken. Daran, wie er mit zusammengepressten Zähnen: „Ich. Habe. Gefragt. Was. Verdammt. Nochmal. Du. Heute. Gegessen. Hast.", geknurrt und auf das Lenkrad geschlagen hat.

„Frau Maler?", fragt der Arzt, und rollt mit seinem Stuhl wieder vor mich.

„Was haben Sie heute gegessen?", er sieht mich an.

„Ein Brot", sage ich. Ich hoffe, dass er mir glaubt. Auf einmal habe ich das Gefühl, er könnte an meinen Augen ablesen, dass ich nur zwei Mal abgebissen und den Rest verschwinden habe lassen. Er runzelt die Stirn und mustert mich.

„Können Sie aufstehen?", fragt er.

„Ich glaube schon", sage ich. Er nickt und hilft mir aufzustehen.

„Bitte stellen Sie sich hier auf die Waage", sagt er und deutet auf eine große Waage. Oh nein. Nein. Nein. Das ist peinlich. Ich bewege mich nicht.

„Frau Maler?", fragt er. Ich will nicht. Ich kann nicht. Ich muss.

Ich ziehe meinen Bauch ein und stelle mich darauf. Bitte. Bitte. Bitte. Ich halte die Luft an und versuche die Zahl zu sehen, doch sie ist verdeckt. Der Arzt schiebt die Regler hin und her. Hin und her, hin und her. Ich ziehe meinen Bauch noch ein Stückchen weiter ein. Am liebsten würde ich mich auf Zehenspitzen stellen, um sie zu sehen. Ich muss sie sehen. Es ist meine Zahl. Bitte.

„Vielen Dank", sagt er und deutet mit einer Handbewegung auf die Liege. „Wie groß sind sie?", fragt er.

„1.66", sage ich. Er blättert in einer Mappe.

„Frau Maler, seit wann haben Sie dieses Gewicht?", fragt er.

„Ich weiß nicht... ich mache eine Diät", sage ich ehrlich. Er sieht mich kurz an und runzelt die Stirn. Was denn? Denkt er nicht, dass ich das durchhalte? Wenn er wüsste, wie dick ich noch vor ein paar Wochen war. Er notiert etwas in meine Akte und deutet auf die Liege. Ich setze mich hin.

„Ich gebe Ihnen eine Infusion", sagt er, „danach werden Sie sich besser fühlen. Sagen Sie, ist Ihnen schon einmal schwarz vor Augen geworden?"

„Nein", sage ich.

„War Ihnen bereits einmal schwindlig?", fragt er.

„Ja", sage ich ehrlich.

„Frau Maler, wie schätzen Sie Ihre Figur ein?"

Was soll das hier? Ich mache ja schon, was ich kann um abzunehmen.

„Ich möchte noch ein bisschen abnehmen", murmle ich. Behalte deine blöde Zahl. Ich muss sie nicht wissen. Ich kann sie spüren. Und sie ist zu hoch. Viel zu hoch.

„Sie haben Untergewicht", sagt er, „Sie sollten eher etwas zunehmen. Wenn Sie weiter abnehmen, schaden Sie sich erheblich und wir sehen uns schneller wieder, als Ihnen lieb ist".

Hat der Mann überhaupt eine Ausbildung? Was redet er denn da? Überhaupt habe ich noch keine Diplome an der Wand gesehen.

„Haben Sie sich schon einmal mit dem Thema Essstörungen befasst?", fragt er.

„Nein", sage ich.

„Nun, Frau Maler. Ich möchte ehrlich zu Ihnen sein", sagt er und schiebt seine Brille zurück auf die Nase, "Sie haben starkes Untergewicht. Wenn Sie Ihre Diät weiter verfolgen, kann das schwere Schäden anrichten. Ihr Körper braucht Energie um zu Leben. Wenn Sie ihm diese Energie nicht in Form von Nahrung zuführen, werden nach und nach seine Funktionen ausfallen", sagt er.

Von was redet er denn? Ich esse doch. Und ich achte auf meine Gesundheit.

Er kramt in seiner Schublade. „Eine Essstörung ist eine ernstzunehmende Krankheit. Ich gebe Ihnen das hier mit", sagt er und hält mir ein paar Flyer entgegen, „bitte lesen Sie sich das aufmerksam durch. Wenn Sie Fragen haben, können Sie jederzeit vorbeikommen oder anrufen", sagt er.

Mein Herz pocht wild in meiner Brust. Vielleicht ist er im falschen Patientenzimmer. Er reicht mir die Hand. „Es kommt sofort jemand zu Ihnen und gibt Ihnen die Infusion. Auf Wiedersehen."

„Auf Wiedersehen", sage ich. Ich sehe die Flyer an. Auf dem ersten steht ESSSTÖRUNGEN VORBEUGEN. Ich stecke ihn hinter die anderen. MAGERSUCHT steht auf dem nächsten. HILFE FÜR BETROFFENE BEI MAGERSUCHT steht quer über dem nächsten Flyer. Ich stecke ihn hinter den anderen. MAGERSUCHT ERKENNEN steht auf dem letzten.

Ich höre Raphaels dunkle Stimme im Flur. Mein Herz schlägt schneller. Raphael soll die Flyer nicht sehen. Er macht sich sonst nur Sorgen. Ich mache nur eine Diät. Kein Grund zur Panik. Schnell stecke ich die Flyer unter meinen Pullover. Ich zucke, als das kalte Papier meine Haut berührt. Geschafft. Langsam erscheint sein Haarschopf in der Türe.

„Hey", sagt er vorsichtig als er mich entdeckt.

„Hey", sage ich. Er kommt zu mir und legt mir die Hand an meine Wange.

„Was hat der Arzt gesagt?", fragt er. Ich lege meine Hand auf die Flyer. Ich spüre sie an meinem Bauch. Die Gedanken rasen durch meinen Kopf. Doch was soll ich ihm sagen? Dass der Arzt gesagt hat, dass ich zu wenig gegessen habe? Dass ich sowieso zu dünn bin und ich mich mal mit dem Thema Essstörungen beschäftigen soll? Das ist ja lächerlich.

„Kreislaufprobleme", sage ich leise und sehe ihn an. Er runzelt die Stirn.

„So", sagt die Arzthelferin, als sie das Zimmer betritt, „dann bekommen Sie jetzt noch eine Infusion und dann dürfen Sie nach Hause."

Nach Hause? Meine Brust fühlt sich an, als würde eine kiloschwere Last auf ihr liegen. Ich habe kein Zuhause. Ich schlucke. Ich muss meine Mutter anrufen. Ich will nicht. Sie wird sich nur unnötig Sorgen machen, wenn ich heute schon zu ihr komme. Langsam lege ich mich zurück auf die Liege. Ich schließe meine Augen, als die Arzthelferin die Nadel durch meine Haut sticht.

„Ich sehe in zwanzig Minuten noch einmal nach Ihnen", sagt sie, "dann sollte es geschafft sein", sie zwinkert mir zu und drückt meine Schulter. Ich zwinge mich zu einem Lächeln, doch meine Augen füllen sich mit Tränen. Ich wollte nach dem Camp zu meiner Mutter. Doch jetzt ist alles anders. Ich liege auf dieser Liege und weiß nicht, was mit mir los ist. Ich weiß nicht, wieso alle von einer Essstörung sprechen. Ich fühle mich, als würde ich im freien Fall in die Tiefe rauschen. Der Boden kommt immer näher. Unaufhaltsam. Mit einer rasenden Geschwindigkeit. Ich atme schnell. Raphael rollt den Stuhl des Arztes neben mich und setzt sich.

„Alles wird gut", flüstert er und wischt mit seinem Daumen meine Tränen weg. Ich schließe meine Augen und schmiege meine Wange in seine warme Hand.


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