ZUSAMMEN.

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Ich helfe Dennis und Valerie beim Ausladen. Raphael lehnt noch immer am Baum und telefoniert mit Sarah. Seine Stimme war so sanft. Er hat gelacht. Die Strömung des Raphael-Flusses ist stärker geworden, er reißt mich mit. Ich muss aufpassen, dass ich nicht untergehe. Vielleicht ist Sarah nur eine Bekannte. Die Erinnerung von Tobis Hand in Eves Haar drängt sich in mein Bewusstsein und rammt mir ein Messer ins Herz. Ich schüttle den Kopf. Raphael hat Tobi als Wichser bezeichnet, als er erfahren hat, dass er mich betrogen hat. Er hat mich getröstet. Er würde nicht das gleiche tun. Sie ist nicht seine Freundin. Vielleicht ist sie eine Kollegin? Es gibt so viele Erklärungen. Ich werde ihn einfach fragen, dann habe ich Gewissheit. Ich werde meinen Kopf über Wasser halten, egal was kommt. Ich richte mich auf, nehme eine gerade Haltung ein. Ich atme tief durch und trage die Kisten zu den anderen.

„Bitte denk dran, was ich dir über das Einräumen des Kühlschrankes gesagt habe", begrüßt mich Wilma und stemmt die Hände in die Hüften. Ich knalle den Karton auf die Theke. Das Blut rauscht mir in den Ohren. Sie ist das Letzte, das ich jetzt gebrauchen kann.

 „Ach ja? Dann hast du also vergessen, was ich dir über das Einräumen gesagt habe. Es ist deine Aufgabe. Nicht meine. Also, halt die Klappe", sage ich und drehe mich um. Ich höre Wilma hinter mir schnauben doch ich achte nicht darauf.

„Whoa, was ist hier los?", fragt mich Raphael und hält mich an den Oberarmen fest, damit ich nicht gegen ihn pralle. Ich habe ihn nicht kommen sehen.

„Nichts", sage ich. „Hannah, sieh mich an", sagt er und hebt mein Kinn. „Was ist los?", fragt er nochmal. „Nichts. Nichts ist los. Was soll los sein?", frage ich. „Alles klar", sagt er und nimmt meine Hand. Er zieht mich mit sich. Ich stolpere hinter ihm her wie ein kleines Kind. „Lass mich", sage ich. „Nein. Ich will jetzt wissen, was los ist", sagt er. „Setz dich!", sein Tonfall ist hart. Er deutet auf die Bank neben dem Fluss. „Ja, Sir!", sage ich und setze mich, obwohl ich das gar nicht will. Das Holz ist hart, aber die Sonne hat es aufgewärmt.  Ich atme durch.

„Also?", fragt er sanfter und wickelt eine meiner Locken um seine Finger. Ich weiß nicht, ob ich ihm das alles sagen kann. Vielleicht findet er mich dann kindisch oder anhänglich. Ich will keine Klette sein. Ich will ihn nicht einsperren, aber ich muss wissen, was das zwischen uns ist. Ich sollte ehrlich sein. „Was ist das zwischen uns?", frage ich. „Hannah, um was geht es hier?", fragt er.

„Bitte beantworte meine Frage", sage ich. Ich versuche, selbstbewusst zu klingen, doch mein Herz schlägt mir bis zum Hals. „Ich weiß nicht, was du meinst. Ich dachte, wir wollen es probieren", sagt er. „Das dachte ich auch", sage ich ehrlich. „Dann verstehe ich die Frage nicht", sagt er und lässt meine Locke los. „Wieso hast du Dennis nicht gesagt, dass wir zusammen sind?", frage ich. „Weil ich nicht wusste, wie du darüber denkst", sagt er. Wir hatten einen Neuanfang vereinbart. Wie soll ich also darüber denken? „Ich dachte, ein Neuanfang würde bedeuten, dass wir zusammen sind", sage ich ehrlich. Er sieht mich an. Er sieht mir in die Augen. Ich sehe seine dunklen Augen, rieche seinen Duft. „Ja, das bedeutet es", sagt er. Meine Schmetterlingshorde ist in Alarmbereitschaft. Hier und da flattert bereits einer mit den Flügeln. Seine Lippen sind ganz nah an meinen. Mein Herz hört für einen Moment auf zu schlagen. Wir sind zusammen. Das hat er gesagt. Raphael und ich. Jetzt ist es ausgesprochen. Seine Lippen streichen sanft über meine. Einer der Schmetterlinge flattert jetzt aufgeregter mit den Flügeln. Seine Lippen liegen auf meinen und sein Kuss löst eine Kettenreaktion meiner Schmetterlingshorde aus. Sie sind nicht zu stoppen. Sie flattern mit den Flügeln und fliegen im Kreis. Raphael zieht mich auf seinen Schoß und schlingt die Arme um mich. Ich fühle mich beschützt.

Ich lege meinen Kopf an seine Brust, höre seinen Herzschlag. Langsam beruhigen sich die Schmetterlinge. Es fühlt sich schön an, so nah bei ihm. Doch ich weiß, es ist die Ruhe vor dem Sturm. Ich weiß, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist.

„Wieso musst du Sozialstunden machen?", frage ich ihn. Er schlingt die Arme fester um mich, küsst mich auf den Scheitel. Ich höre, wie sich sein Herzschlag beschleunigt. Er atmet tief ein, dann lange aus.

„Körperverletzung", sagt er schließlich. Körperverletzung. Das Wort hallt in meinem Kopf wieder. Er hat jemanden verletzt. Mit Absicht. Das war meine schlimmste Befürchtung. Ich rühre mich nicht.

„Du hast gesagt, du erinnerst dich an das Festival", sagt er. Mein Ohr vibriert an seiner Brust, als er spricht. „Ja", sage ich und plötzlich verbinden sich Erinnerungsfetzen mit seinen Aussagen. Der widerliche Kerl, der mich an sich drückt, der mich küsst. Raphaels Stimme aus der Dunkelheit. Der Schlag, das Knacken. Verschwinde, Hannah. Und ich bin verschwunden. Seine Frage wegen dem Festival. Wie konnte ich nur so blind sein. Ich hätte es wissen müssen. Es war so eindeutig.

„Ich habe den Kerl wohl übler zugerichtet, als ich es wollte", sagt er leise. Ich bin nicht fähig, zu sprechen.

„Du hättest hören sollen, was sie geredet haben", sagt er und mein Körper zieht sich zusammen.

„Wenn ich nicht gewesen wäre", sagt er. Er spricht nicht weiter und ich will es auch gar nicht hören. Ich will nicht wissen, was sie vor hatten. „Es war schwer, das Gericht davon zu überzeugen, dass es zu deinem Schutz war", sagt er.

„Ich habe nichts von einer Verhandlung gewusst!", sage ich entsetzt und setze mich auf.

„Ich habe gesagt, ich habe dich nicht gekannt und dich seither nie mehr gesehen. Ich wollte nicht, dass du vor Gericht musst", sagt er. Was? Das hat er für mich getan? Für mich. Ja, für mich.

„Danke", sage ich. Ich weiß, dass nicht mehr Worte nötig sind. Ich weiß, dass es ok ist.

Wir sitzen eine Weile auf der Bank. Ich blicke in den Fluss. Mein eigener Fluss hat sich etwas beruhigt. Ich treibe im Wasser, die Sonne scheint mir ins Gesicht. Ich genieße seine Nähe und das Wissen um seine Sozialstunden. Er hat es für mich getan. Er hat mich beschützt. Es ist ein schönes Gefühl. Doch eine letzte Frage muss ich ihm stellen.

„Wer ist Sarah?", frage ich schnell.

„Eine Freundin", sagt er leise.


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