BESCHÜTZT.

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Sven öffnet die Schiebetüre des Transporters. Ich drehe mich auf meinem Sitz und sehe eine Frau aus dem Haus kommen. Raphael hält ihr die Türe auf und verschwindet im dunklen Hausflur. Ich schlucke. Was mache ich, wenn Eve hier ist? Ich darf nicht daran denken. Ihr Auto steht nicht vor dem Haus. Sie ist sicher unterwegs.

Wo bleibt er? Ich tippe mit den Fingern auf mein Knie. Die Türe geht wieder auf. Raphael kommt aus dem Haus. Er sieht zu Sven und hält einen Daumen nach oben. Sie ist nicht da? Ich atme einmal tief durch. Raphael kommt zu mir und öffnet meine Türe.

„Sie ist nicht da", sagt er und rückt sein Cap zurecht. Er umfasst mich an der Hüfte und hebt mich aus dem Wagen. Er beugt sich zu mir und flüstert: „Jetzt bringen wir deine Sachen nach Hause"

Nach Hause. Nach Hause. Nach Hause. Er nimmt mein Kinn zwischen seine Finger und beugt sich zu mir. Er blickt auf meine Lippen und dann wieder in meine Augen. „Nach Hause"

„Auf geht's Cutie", sagt Sven und gibt Raphael einen Tritt. Raphael zeigt ihm den Mittelfinger und ich verdrehe die Augen. Das soll er doch nicht. Raphael grinst und drückt mir einen schnellen Kuss auf die Lippen. Er folgt Sven ins Haus. Ich sehe noch ein letztes Mal die Straße auf und ab. Sicher ist sicher. Doch Eves Auto ist nicht da. Ich betrete das Treppenhaus und steige die Stufen nach oben.

„Wo sind ihre Sachen?", höre ich Sven fragen.

„Keine Ahnung", sagt Raphael.

Ich atme tief ein und gehe langsam durch die Türe. Hier hat sie mich aufgenommen. Hier hat sie mich den Löwen zum Fraß vorgeworfen. Ich habe ihr vertraut. Ich gehe über den Flur und öffne die Speisekammer. Hier stehen meine Kisten. Unberührt. Als wäre nichts gewesen. Doch es ist so viel passiert. So habe ich die Kisten von Tobi hier her gebracht. Zu ihr. Und jetzt muss ich weg von ihr.

„Das sind meine Sachen", sage ich und deute auf die Kisten. Raphael und Sven nehmen jeweils eine Kiste und tragen sie aus der Wohnung.

Ich gehe ins Bad, um meine restlichen Sachen zu holen. Auf dem Waschbecken entdecke ich eine kleine Flasche. Sie ist schwarz. Außen an der Flasche klebt eine Feder aus Metall. Tobis Parfum. Ich erinnere mich an den Geruch. Es riecht wie ein Segelboot auf rauer See. Ich will das nicht mehr. Ich will den Duft nicht mehr. Er hat mir so weh getan. Keine Träne ist er wert. Ich schubse die Flasche vom Waschbecken. Sie zerschellt. Die Scherben verteilen sich auf dem Boden und der Duft benebelt meine Sinne.

Ich verlasse das Bad und gehe ins Wohnzimmer. Hier haben wir Pizza gegessen und gelacht, bevor ich in das Camp gegangen bin. Für sie. Damit sie die Wohnung für sich hat. Für sich und meinen Freund. Exfreund. Ich gehe zur Couch. Mein Herz sticht. Tobis Pullover liegt auf der Couch. Wie oft habe ich ihn gewaschen. Zum Trocknen aufgehängt. Ihn zusammengelegt. In unseren Schrank geräumt. Ihn ihm ausgezogen. Mir wird schwindlig. Ich möchte ihn berühren, doch ich kann nicht. Ich ziehe meine Hand zurück.

Ich drehe mich um gehe zur Kommode um meine Bücher zu holen. Sie hat sie hier liegen lassen. Neben dem Stapel steht ein Bild von Eve und mir. Wir lachen. Ihre blonden Haare fallen ihr über die Schultern, ihre Augen leuchten. Ich lache auf dem Foto so sehr, dass meine Augen geschlossen sind.

Das war unsere Freundschaft. Wir haben so viel gelacht. Wir waren unbeschwert. Glücklich. Wir waren wie Schwestern. Seelenverwandt. Ich nehme das Foto. Mit meinem Finger fahre ich über das Bild. Was hat sie mir angetan. Sie hat mir alles genommen. Alles. Ich nehme das Bild und schleudere es gegen die Wand. Es zerschellt klirrend und die Scherben verteilen sich über den Boden.

„Sie ist es ganz bestimmt nicht wert", sagt Sven. Ich zucke zusammen. Er steht im Türrahmen. Ich habe ihn gar nicht gesehen. Wieder weiß ich nicht genau, was er meint, aber seine Worte tun mir gut. Ja, sie ist es nicht wert. Keiner von beiden ist es wert.

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