UNBEANTWORTET.

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Die kalte Nacht hat sich über den Wald gelegt. Die Bäume wirken im Schein der Fackeln bedrohlich. Heute ist die Nachtwanderung. Die kleine Anna hält ihren Teddy im Arm. Sie steht neben Laura zwischen all den anderen Kindern.

„Wenn wir leise sind, hören wir es vielleicht", flüstert Dennis und erinnert die Kinder an das Tock Tock des alten Mannes, doch die Kinder kichern nur. Sie sind tapfer. Lachend legt Dennis seinen Arm um Valerie und sie gehen voraus.  Unsere kleine Horde setzt sich leise in Bewegung. Die Äste knacken unter jedem ihrer Schritte. Im Wald ist es noch dunkler als auf der Wiese. Ich schlinge die Arme um mich.

„Hast du Schiss?", fragt mich Raphael mit zusammengekniffenen Augen. Er hält seine Fackel in die Höhe und sieht mich an.

„Ein bisschen", gestehe ich und er grinst. Er breitet seine Arme aus und ich schmiege mich an ihn.

„Aber heute gehst du anständig", sagt er. Ich glaube, er versucht bedrohlich zu klingen, doch sein Lächeln hat ihm das gründlich versaut. Ich erinnere mich an seine Drohung mich zu tragen, wenn ich stolpere und konzentriere mich auf meinen Weg. Es ist wie ein Deja-vu. Ich schmiege mich an ihn und er hält mich fest im Arm.

„Sonst?", frage ich ihn. „Das wirst du dann schon sehen", flüstert er. Ich erinnere mich an seinen warmen Atem an meinen Hals, als er mir das letzte Mal gedroht hat. Und an die Gänsehaut, die sich dabei über meinen Körper gelegt hatte. Die Fackel flackert und ich muss mich konzentrieren. Der Weg ist uneben. Schweigend gehen wir hinter den anderen her.

„Pssssst....", Valerie dreht sich zu den Kindern um und wir bleiben stehen. Sie hat einen Finger auf ihre Lippen gelegt.

„Habt ihr das gehört?", fragt sie mit gespieltem Entsetzen. Ein paar Kinder kreischen und lachen gleichzeitig. Valerie hält sich eine Hand hinter ihr Ohr und sieht die Kinder mit großen Augen an. Sie ist großartig. Sie ist eine richtige Erzieherin, denke ich und muss mir ein Kichern verkneifen.

„Was?", fragt der kleine Paul.

„Ich dachte, ich hätte etwas gehört", sagt sie und zuckt mit den Schultern, „aber ich hab' mich wohl getäuscht". Sie geht weiter und wir folgen ihr.

„Ist das ihr Ernst?", fragt Raphael.

„Ich glaube schon", sage ich und pruste los. Valerie ist so kreativ. Sie gibt sich so viel Mühe, die Kinder gut zu unterhalten. Ich bewundere sie dafür. Sie hat so viel Charme und ist so lustig. Die Kinder lieben sie. So, wie ich es am ersten Tag vermutet hatte. Wilma kommt allerdings gar nicht gut bei den Kindern an. Sie ist einfach so verbissen. Sie hält sich streng an Regeln und kann nicht locker sein. Dennis kann gut mit den Kleinen umgehen. Er hat mit seiner Gruselgeschichte ins Schwarze getroffen und die Jungs sind gerne in seiner Nähe. Raphael hält sich im Hintergrund, aber er ist ja auch nicht freiwillig hier.

„Raphael?", flüstere ich.

„Ja?" Mein Herz klopft. Ich muss ihn nach seinen Sozialstunden fragen, bevor mich der Mut verlässt.

„Wieso bist du hier?" Sein Griff um meine Taille wird fester. Ich habe Angst vor der Antwort.

„Wie meinst du das?", fragt er. Er weiß genau, was ich meine. Ich sehe ihn an, doch er sieht nach vorne.

„Ich", sage ich und stolpere über eine blöde Wurzel. Doch sein Griff ist so fest, dass ich nicht falle. Er senkt die Fackel zu mir herab und bleibt stehen. Ich spüre die Flamme neben meinem Gesicht. Seine Augen werden dunkel.

„Würdest du bitte aufpassen, wo du hintrittst?" Ich bin doch nur gestolpert. Was ist sein Problem?

„Dann sag mir, wieso du Sozialstunden machen musst", sage ich und hoffe, dass er meinen Herzschlag nicht spürt.

„Psssst...." Valerie hat wieder einen Finger auf ihre Lippen gelegt und dreht sich um. Raphael stoppt uns. Doch auch diesmal hat keiner etwas gehört und die Kinder wirken unbeeindruckt. Mir ist diesmal auch nicht nach Lachen zumute. Wieso will er mir das nicht sagen? Ich drücke mich von ihm weg. Valerie und die Kinder gehen weiter. Ich gehe hinter ihnen.

„Hannah, warte!" Raphael greift nach meinem Arm und hält mich fest. Ich drehe mich zu ihm um und befreie meinen Arm aus seinem Griff. Die Flamme spiegelt sich in seinen Pupillen. „Ist das so verdammt wichtig?", fragt er.

„Ja. Für mich ist das sehr wichtig", sage ich.

„Wieso?", fragt er.

„Wieso? Du fragst, wieso ich wissen will, wieso du Sozialstunden machen musst?" Natürlich will ich das von ihm wissen. Immerhin kenne ich ihn ja kaum.

„Ja, ich frage, warum das so wichtig ist", sagt er und zuckt mit den Schultern.

„Weil ich wissen will, was passiert ist. Sozialstunden bekommt man nicht, weil man einer alten Dame über die Straße geholfen hat!", sage ich lauter als beabsichtigt. Er runzelt die Stirn.

„Raphael, bitte." Er geht einen Schritt auf mich zu „Was vermutest du denn?" Ich will keine Spielchen spielen. Ich will es einfach nur wissen. Doch, wenn das der einzige Weg ist, eine Antwort zu bekommen, dann spielen wir sein dämliches Spielchen. Er steht direkt vor mir. Seine Nähe irritiert mich.

„Ich...ich weiß es nicht." Er ist so nah, dass ich keinen klaren Gedanken fassen kann. Hannah, reiß dich zusammen.

„Drogen?", frage ich schließlich.

„Das hast du schon mal gefragt", sagt er und legt seinen Kopf schief.

„Und du hast es nicht beantwortet", sage ich. Er macht an meinem Körper einen weiteren Schritt und schiebt mich dabei mit seinem Körper etwas zurück. Ich spüre seine Hüfte an meinem Bauch, seinen Oberkörper an meinem.

„Nein", sagt er, „keine Drogen." Ein Glück. Er ist so nah. Ich kann nicht mehr klar denken, kann keinen ganzen Satz sagen.

„Einbruch?" Er schiebt mich mit seinem Körper noch ein Stück zurück. Er legt seinen Arm auf meinen Rücken. In der anderen Hand hält er die Fackel. Der Waldweg ist zu Ende und ich stolpere rückwärts über das weiche Moos. Er grinst und hält mich fest.

„Nein", flüstert er, „kein Einbruch." Mein Herz klopft schneller. Er drückt mich weiter zurück, bis ich die raue Baumrinde in meinem Rücken spüre. Langsam lässt er die Fackel sinken. Im Licht sehe ich seine markanten Gesichtszüge. Er sieht die Fackel an. Er sieht ernst aus.

„Hast du etwas gestohlen?", frage ich leise und halte den Atem an. Er legt die Fackel auf den Boden und tritt die Flamme mit den Schuhen aus. Die Dunkelheit legt sich wie ein kalter Schleier um uns. Ich bekomme eine Gänsehaut. Ich sehe nichts. Meine Augen müssen sich an die Dunkelheit gewöhnen. Ich spüre seinen Atem an meinem Hals.

„Nein", flüstert er, „ich habe nichts gestohlen." Er streift mit seinen Lippen an meinem Hals entlang zu meinem Wangenknochen. Ich ziehe meinen Bauch ein und weiß, dass das Gespräch beendet ist.


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