NEUGIERIG.

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„Ich würd' gern mehr über euch wissen. Kennt ihr Whatever?" Im Stillen danke ich Valerie für den Versuch, die peinliche Stimmung aufzulockern.

„Nein", Wilma schüttelt den Kopf. „Es is' ganz einfach und super lustig. Ihr bekommt Fragen gestellt. Aber ihr müsst ehrlich antworten. Wenn ihr Ja antwortet seid ihr nochmal dran. Bei Whatever müsst ihr nicht antworten und einen Schluck trinken. Bei Nein is' der nächste dran." Ihre Augen glänzen.

Ein Trinkspiel? Himmel, noch ein Klischee. „Spieln' wir?" Valerie hüpft auf ihrer Bank und sieht mich mit großen Augen an. Ich nicke. Raphael atmet laut aber antwortet nicht. „Ich spiele mit, aber ich trinke nichts", Wilma stellt ihren Becher auf den Boden. Valerie zieht eine Augenbraue nach oben und sieht Dennis an. Seine Hand liegt auf ihrem Bein. „Das ist ok. Du musst nichts trinken, wenn du nicht willst." Er drückt Valeries Bein, sie zuckt kurz zusammen und lacht.

„Prima, dann fangen wir gleich mit Wilma an!" Valerie klatscht in die Hände. Ich überlege, was ich sie fragen könnte. Sie ist ein Kontrollfreak und ein Besserwisser. So viel steht fest. Zu meiner Erleichterung beginnt Valerie und fragt „Wohnst du in München?" „Ja". Nach ihr ist Dennis dran und fragt „Studierst du?" „Ja". „Hast du Geschwister?", eine bessere Frage ist mir nicht eingefallen. Was soll ich sie auch sonst fragen. „Nein" .

„Okay, jetzt is' Raphael dran!" Was für ein seltsames Spiel. Ich nehme freiwillig einen großen Schluck aus meinem Becher. Vielleicht macht mir das Spiel dann mehr Spaß.

„Wohnst du in München?" Aha. Wilma möchte wissen, ob er in ihrer Nähe wohnt. „Ja". „Stehst du auf Basketball?" „Ja". Dennis steht auf "Yes!". Er reist den Arm in die Höhe und beugt sich zu Raphael. Sie klatschen ab. Valerie spielt mit ihrem Ohrstecker. „Hmm...Hast du ne eigene Wohnung?" „Ja".

Ich bin an der Reihe. Mein Herz schlägt schneller. Ich würde gerne fragen, ob er wusste, dass Tobi mich betrogen hat, ob Tobi mit ihm darüber gesprochen hat. Aber das ist zu privat. Außerdem habe ich Angst vor der Antwort.

Raphael lehnt sich nach vorne, stützt die Ellenbogen auf seine Oberschenkel und sieht mich erwartungsvoll an. Ich möchte nicht mehr an diesen ganzen Mist denken. Ich wollte Tobi vergessen und jetzt grüble ich schon wieder. Valerie wollte uns mit diesem Spiel Kennenlernen. Also muss ich etwas über ihn fragen. Es geht um ihn. Nicht um mich. Er sieht mich immer noch erwartungsvoll an.

Das Feuer brennt mir im Gesicht. Wo kommt auf einmal diese Hitze her?  Ich rutsche auf meiner Bank hin und her. Bevor ich es verhindern kann höre ich mich fragen „Bist du schon einmal in ein Haus eingebrochen?" Meine Stimme ist viel zu hoch. Er zieht langsam eine Augenbraue nach oben und lehnt sich ein Stück zurück. Er ist in Alarmbereitschaft.

„Whatever". Er hält den Becher an sein schiefes Grinsen und trinkt einen Schluck. Ich ignoriere, dass Wilma jetzt mit Fragen an der Reihe ist und frage schnell „Hast du jemanden verletzt?" meine Stimme ist nicht mehr ganz so piepsig, mein Herz schlägt schnell.

Er verengt seine Augen zu einem Schlitz und lehnt sich ein Stück vor. Er blickt ins Feuer und lässt die braune Flüssigkeit in seinem Becher langsam kreisen. Er weiß, was ich vorhabe, was ich eigentlich fragen will. Er hebt den Becher an seine Lippen, murmelt „Whatever", und trinkt einen weiteren Schluck.

Von mir aus spielen wir, bis dein dämlicher Becher leer ist. „Nimmst du Drogen?" Sein Blick wird intensiver. „Whatever", noch ein Schluck. Genießt er das? „Dealst du mit Drogen?" Seine Miene verfinstert sich. Er öffnet die Lippen und setzt zum Sprechen an. Er stockt, trinkt einen Schluck und knurrt „Whatever".

„Hast du eine Freundin?" Meine Muskeln entspannen sich plötzlich, ich sacke etwas zusammen. Ich spüre die Hitze des Feuers, höre es knistern. Valerie und Dennis flüstern miteinander. Wilma hat die Blase zerplatzt, die sich um uns herum gebildet hat. Vor einer Sekunde gab es nur noch uns beide. Alles um uns herum war verschwunden. Wilma hat uns wieder in die Realität geholt und wir sitzen wieder auf den Bänken. Er mir gegenüber, das heiße Feuer zwischen uns. „Nein" antwortet er viel zu laut.

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