VERFOLGT.

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Ich kuschle mich in meinen Schlafsack. So viele Fragen tanzen in meinem Kopf. Was für ein seltsamer Abend. Wieso hat er nach dem Festival gefragt? Warum ist ihm das so wichtig? Bei der Erinnerung läuft mir ein Schauer über den Rücken. Ich drehe mich auf die andere Seite, ziehe den Schlafsack bis unters Kinn. Die Erinnerung ist noch frisch.

Es war Nacht, ich musste zur Toilette. Ich schlich mich aus dem Zelt. Auf dem Weg zu den Toiletten kam ich an einer Gruppe junger Männer vorbei. Sie saßen in schummrigen Licht auf Klappstühlen und Bierkisten. Sie hatten schon zu viel getrunken. „Na, süße willst du dich auf meinen Schoß setzen?", sie grölten und ich lief weiter. Ich hörte dumpfe Schritte hinter mir. Ich wurde an den Schultern gepackt um herumgedreht. „Bist du ganz alleine?" Sein Griff war so fest. So fest. Ich konnte doch gar nichts machen. Er presste seine Lippen auf meine. Ich roch Bier, Schnaps, Rauch. Ich zappelte, versuchte mich Loszureißen, aber er war zu stark. So stark. „Lass sie los!" zischte jemand in der Dunkelheit. Der dumpfe Aufprall einer Faust im Gesicht des Kerls und ein Knacken dröhnen mir in den Ohren. Blut lief aus der Nase des Kerls. Er taumelte, fiel hin. Raphael holte aus und trat zu. „Verschwinde, Hannah!" Er trat nochmal und ich rannte.

Wo kam Raphael so plötzlich her? Wenn er nicht gewesen wäre... ich möchte den Gedanken nicht zu Ende denken. Doch erst jetzt fällt mir auf, dass er wie aus dem Nichts aufgetaucht war. Ich habe es für einen Zufall gehalten. Doch jetzt bin ich mir nicht mehr sicher. Ich schließe meine Augen. Ich sehe die tanzenden Flammen in seinen Pupillen. Die orangefarbene Hitze in seinem Gesicht. Whatever. Whatever. Whatever.

Ich öffne meine Augen und blinzle. Es ist hell. Ich muss eingeschlafen sein. Ich öffne den Reißverschluss meines Schlafsackes. Ich bekomme eine Gänsehaut von der kühlen Morgenluft. Ich wickle mich in eine Strickjacke und gehe zu den Bauwägen. Das Gras ist feucht vom Morgentau. Ich genieße die Ruhe, die verlassene Wiese, das leere Speisezelt und beschließe, das Frühstück vorzubereiten.

„Was magst du denn auf dein Brot haben?" Die kleine Anna deutet auf das Nutellaglas „Das da!" Ich streiche ihr die Schokocreme auf das Brot. Der Duft des frischen Brotes lässt meinen Magen knurren. Es tut ein bisschen weh, aber ich möchte nichts essen. Dieser kleine Schmerz meines leeren Magens fühlt sich gut an. Er überdeckt den Schmerz meiner Seele, der so frisch ist. Schmerz gegen Schmerz. Es ist ein schlechtes Tauschgeschäft. Aber es ist nötig.

„Hat Pingu schon gefrühstückt?" Ich halte dem kleinen Bären eine Scheibe Brot vor die große Nase. Anna nickt und kichert. „Und du?" mit Schokolade verschmierten Bäckchen sieht sie mich an. „Ja, ich habe schon gefrühstückt." Zufrieden beißt sie in ihr Brot. Das war ja einfach.

Für den kleinen Tim schmiere ich ein Marmeladenbrot und die kleine Laura möchte ein Butterbrot, „aber du musst die Rinde abmachen. Die mag ich nicht". Ich spüre eine Hand auf meiner Schulter. „Was möchtest du..." , ich drehe mich um. Auf dein Brot?, doch neben mir ist niemand.

Ich blicke den Gang zwischen den Bänken auf und ab. Er ist leer. Alle Kinder sitzen auf ihren Plätzen. Ich suche ein verräterisches Kichern auf den Gesichtern der Kinder um zu sehen, ob mir jemand einen Streich spielt. Die kleine Laura turnt auf der Bank, Marvin hat große Mühe seine müden Augen offen zu halten und Sarah drückt mit den Fingern Löcher in ihren Käse. Keines der Kinder beobachtet mich um meine Reaktion zu sehen.

Ich drehe mich noch einmal um und halte die Luft an. Meine Haut beginnt zu kribbeln, mein Herz schlägt schneller. Er steht in der Küche und sieht mich an. Raphael. Wie lange steht er schon dort? Instinktiv lege ich meine Hand auf die Stelle, an der ich die Berührung gespürt hatte. Er blickt zu Boden, fährt sich mit einer Hand durch die Haare, dreht sich um und geht mit großen Schritten aus dem Zelt. Ich sehe ihm nach. Werde ich verrückt? Ich habe gespürt, dass er mich angesehen hat. Das ist ja lächerlich. Sowas gibt es nur im Film. Oder in Fantasyromanen. Aber doch nicht im echten Leben.

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