BETROGEN.

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Ich stehe in unserer Wohnung. Wie ich hierhergekommen bin weiß ich nicht genau. Ich glaube, ich bin gerannt, denn meine Lungen brennen. Jetzt bin ich hier, und will es eigentlich gar nicht sein. Hier ist mein Zuhause. Hier war mein Zuhause. Hier haben wir gewohnt. Er hat mir mein Zuhause genommen. Als ich vor einer Stunde die Wohnung verlassen hatte, war noch alles in Ordnung. Ich habe mich wohl gefühlt. Aber mit einem Mal hat sie an Wärme und Liebe verloren und fühlt sich kalt an. Ich fühle mich fehl am Platz und möchte weg von hier. Ich zerre meine Reisetasche unter dem Bett hervor.

Ich nehme einen Stapel farblich sortierter Shirts aus dem Schrank und lege sie vorsichtig in die Tasche. Ich habe mich für gedeckte Farben entschieden, denn mir ist nicht nach fröhlichen Farben zumute. Ich lege Hosen und Unterwäsche daneben. Im Bad sammle ich meine Cremes, Tiegel und Tuben ein und stopfe sie in die Seitentasche.

Ich begegne meinem Blick im Spiegel. Meine Tränen haben meine grauen Augen gerötet. Ich sehe schrecklich aus. Meine Wangen sind rot und bilden einen starken Kontrast zu meiner hellen Haut. Meine rotbraunen Haare fallen mir ins Gesicht. Ich wende den Blick ab, nehme meine Tasche und streife durch die Wohnung. Hier war unser Nest. Im Wohnzimmer sinke ich auf die graue Couch und streiche das weiche Velours glatt. Er hat unser Nest beschmutzt. Ob er sie wohl hierher gebracht hat? Nein, so weit würde er nicht gehen. Ich kenne ihn. Nein, ich kenne ihn nicht.

„Hannah!" ich höre ihn im Treppenhaus. Seine schweren Schritte kommen immer näher. Ich fummle hektisch am Reißverschluss meiner Reisetasche als er im Türrahmen erscheint. Ich zittere und bekomme den Reißverschluss nicht zu. Ich beschließe, mit offener Tasche zu gehen und hänge sie mir über die Schulter.

Im Augenwinkel sehe ich ihn stehen. Er ist groß und schlank, aber er lässt seine Schultern hängen, wodurch er kleiner wirkt. Die Deckenlampe taucht seine blonden Haare in einen goldenen Schimmer.

Seine blauen Augen sehen traurig aus, aber seine Worte sind klar. „Hannah, bitte lass uns reden."

„Über was willst du reden? Ich habe dir nichts zu sagen! Ich habe gesehen, was du von unserer Beziehung hältst!" Ich funkle ihn an.

„Ich weiß, ich hätte dich nicht belügen dürfen. Ich hätte es dir schon viel eher sagen müssen." Er schiebt die Hände in die Hosentaschen und sieht zu Boden.

Viel früher sagen? Was soll das heißen? Er fleht mich nicht an, zurück zu kommen? Ihm zu verzeihen? Nochmal von vorne anfangen? Will ich das überhaupt? Nein, ich glaube nicht. Aber ich will diejenige sein, die das entscheidet. Ich fühle mich hilflos, fremdbestimmt und ferngesteuert. Er hat sich bereits entschieden. Gegen mich.

Als ich an ihm vorbei stürme höre ich mich fragen: „Wie lange schon, Tobi?" Er sieht mich nicht an.

„Sechs Monate." ist der letzte Satz, den ich höre.

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