BEOBACHTET.

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Ich fühle mich schwach. Ich bin froh, dass ich sitze, denn mir ist schwindelig. Der Teller mit den Nudeln verschwimmt vor meinen Augen. Ich drehe die Nudeln auf meine Gabel. Ich will nichts essen.

Ich drehe die Nudeln noch einmal. Ich muss essen, sonst kippe ich um. Hannah, reiß dich zusammen. Ich schiebe mir die Gabel in den Mund. Die Nudeln sind schon kalt. Ich kaue jeden Bissen gründlich, sonst bekomme ich ihn nicht runter. Mein Körper rebelliert gegen das Essen, ich muss mich konzentrieren um Schlucken zu können. Ich trinke einen Schluck Wasser. So geht es besser.

Das Wasser ist kühl in meiner Kehle. Ein bisschen muss ich noch essen. Nur noch ein bisschen, damit ich aufstehen kann. Ich fühle mich so schwach.

Raphael sitzt mir gegenüber. Ich habe noch nie einen Menschen so schnell essen sehen. Sein Teller ist schon fast leer, er spricht nicht. Ich merke, wie er mich beobachtet und esse noch eine Gabel voll Nudeln. Ich muss lange kauen, sonst kann ich es nicht schlucken. Ich spüre, wie die Nudeln in meinen Magen krachen, spüre, wie sie ihn füllen. Sie sind schwer, fühlen sich an wie ein Fremdkörper. Es ist eklig. Doch langsam stabilisiert sich mein Kreislauf.

Ich fühle mich stärker, der Schwindel ist verschwunden. Ich bleibe einen Moment sitzen und trinke noch einen Schluck Wasser. Das Besteck der Kinder klappert in den Tellern. Raphael sieht ernst aus. Er ist wohl der Typ Mann, der beim Essen nicht reden möchte. Es ist also doch kein Klischee. Männer reden nicht gerne beim Essen. Das war bei Tobi auch schon so. Ich verdränge den Gedanken, obwohl es mir inzwischen schon leichter fällt, an Tobi zu denken. Raphael hat mich aufgefangen, meine Wunden können jetzt heilen.

Ich glaube, ich kann aufstehen. Vorsichtig erhebe ich mich und nehme meinen Teller. Ich trage ihn in die Küche und lasse Spülwasser ein.  Ich nehme die schwere Pfanne mit beiden Händen am Stil und tauche sie in das Wasser. Ich sollte mehr trinken. Es ist Sommer und da braucht der Körper mehr Wasser. Wahrscheinlich ist mir deshalb oft so schwindelig. Gegessen habe ich genug, daran kann es nicht liegen. Raphael schlendert mit seinem Teller in der Hand zu mir. Ich stelle die Pfanne auf das Abtropfgitter.

„Geht es dir gut?", fragt er sanft. Er stellt den Teller ab und lehnt sich gegen die Arbeitsplatte.

„Ja", sage ich, „wieso fragst du?"

„Weil du nichts gegessen hast", sagt er. Wie kommt er denn darauf? Ich habe gegessen. Jede Menge sogar. Ich habe viel zu viel Nudeln gegessen.

„Ich habe doch gegessen", sage ich.

„Das nennst du essen?", schnaubt er. Was ist nur los mit ihm? Wieso ist er auf einmal so sauer? Ich antworte nicht. Das ist mir zu blöd. Ich hole den Topf vom Herd und tauche ihn in das Spülwasser.

„Die paar Nudeln nennst du Essen?", fragt er nochmal und verschränkt die Arme vor der Brust.

„Ich hatte keinen Hunger", sage ich und hoffe, dass damit die Unterhaltung beendet ist.

„Du hast den ganzen Tag noch nichts gegessen!", knurrt er.

„Was? Hast du nicht gesehen, dass ich gerade einen ganzen Teller voll Nudeln gegessen habe?", frage ich laut.

„Einen ganzen Teller?" fragt er und lacht.

„Ja, Raphael. Einen ganzen Teller", sage ich. Er schnaubt. Die Arbeitsplatte wackelt, als er sich davon abdrückt. Ohne mich anzusehen verlässt er das Zelt. Ich sehe ihm nach. Was ist nur los mit ihm. Ich habe doch gegessen. Ich kann ja nichts dafür, wenn er das nicht gesehen hat. Außerdem wird mir schlecht, wenn ich noch mehr esse.

Im Augenwinkel sehe ich eine Bewegung und mein Blick fällt auf Dennis. Er folgt Raphael mit großen Schritten aus dem Zelt. Was ist hier los? Ich muss mit ihm reden. Ich muss ihn fragen, was mit ihm los ist. Ich spüle den Topf und trockne das Geschirr. Irgendwas muss passiert sein, sonst würde er seine schlechte Laune nicht an mir auslassen. Gerade war doch noch alles in Ordnung. Meine Finger sind runzelig vom Spülwasser. Ich wische über die Arbeitsplatte.

Die Küche ist sauber und ich mache mich auf die Suche nach ihm. Ich vermute, er ist am Fluss. Ich gehe über die Wiese und höre in der Ferne Raphaels Motorrad. Er hat mir gar nicht gesagt, dass er weg muss. Schon wieder haut er einfach ab. Was ist nur passiert?  Dennis und Valerie stehen neben ihrem Auto. Ich überquere die Wiese und bleibe hinter ihnen in Raphaels Abgaswolke stehen. Ich sehe ihm nach, er fährt viel zu schnell.

„Wo fährt er hin?", frage ich. Dennis zuckt zusammen und dreht sich zu mir um.

„Äh. Er. Also, er muss nur kurz nach Hause", sagt Dennis und sieht auf den Boden.


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