magersüchtig.

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Und dann helfen wir ihr, hat Dennis gesagt. Wie stellt er sich das vor? Wie kann man ihr helfen? Fuck, ich weiß es nicht. Ich gehe in mein Zelt. Ich will nicht, dass sie mich sieht. Ich muss ungestört sein. Mein Herz klopft wild. Ich hole mein Handy aus der Hosentasche.

Was ist dein verdammtes Problem? Na schau mal einer an. Tobi hat nach Tagen zurückgeschrieben. Er weiß nicht, um was es geht? Er ist das Letzte. Ich schreibe nicht zurück. Ich muss mich jetzt um Hannah kümmern. Wenn ich rausfinde, dass sie wirklich krank ist und er daran Schuld ist, kann ich ihm immer noch eins auf die Fresse hauen. Ich drücke seine SMS weg und öffne meinen Internetbrowser.

Nach was soll ich suchen? Ich tippe dünn. Einen Versuch ist es wert. Mein Herz klopft schnell. Die Seite bleibt weiß. Es dauert gefühlte Stunden, bis Ergebnisse angezeigt werden. Dann endlich erscheinen sie. Dünn, dünner, dürr, size zero lese ich. Die Worte fühlen sich an wie Schläge in meinen Magen.

Dürr. Dürr. Ich denke an einen Baum, an dürre Äste. Dürr. Ich scrolle weiter nach unten, überfliege die Schlagworte, die sich alle gleichen. Was zur Hölle ist size zero? Ich scrolle weiter. Und da steht es. Ich habe das Gefühl, es steht in roten Buchstaben geschrieben. Blutrot. Magersucht.

Es fühlt sich an, als würde dieses Wort meinen Verdacht bestätigen. Als würde es jetzt so sein. In Stein gemeißelt. Ich halte den Atem an. Verdammte Scheiße. Ich tippe auf das Wort, obwohl ich es eigentlich gar nicht berühren möchte. Es leuchtet auf, die Seite wird weiß. Mit jeder Sekunde schlägt mein Herz schneller. Mein Browser hängt sich auf.

Ich starte das Menü neu und tippe Magersucht. Fuck. Magersucht. Ich habe schon viel darüber gehört, aber es nie beachtet. Es betrifft mich ja nicht. Aber vielleicht Hannah. Meine Hannah. Auf meinem Display erscheinen unzählige Ergebnisse. Ich tippe auf irgend eins. Mein Browser hängt sich wieder auf. Ich schleudere das Handy gegen die Zeltwand. Scheiße.

Wie soll ich jetzt rausfinden, ob sie magersüchtig ist? Ich kann sie ja nicht einfach fragen. Was weiß ich über Magersucht? Ich versuche mich an diverse Berichte im Fernsehen zu erinnern. Die Mädchen waren alle dünn. Sie haben nichts mehr gegessen. Mehr weiß ich nicht.

Ich mache mir in Gedanken eine Liste. Für jedes Anzeichen bekommt sie einen Strich. Sie ist ein Mädchen. Das ist der erste Strich. Im Fernsehen waren es auch immer Mädchen. Oder? Ja, ich glaube schon. Der Strich ist gesetzt. Gut, immerhin erst ein Strich. Kein Grund zur Panik. Was ist noch? Die Mädchen waren alle dünn. Sie ist dünn. Ich habe es gesehen. Sie hat dünne Ärmchen, der Bauch fällt fast nach innen. Ich habe es gespürt. Ihre Knochen stehen deutlich hervor. Ja, dünn. Das ist ein weiteres Anzeichen. Scheiße, das ist der zweite Strich.

Was für eine schwachsinnige Liste. Ich muss wissen, auf was ich achten muss. Vielleicht hat Dennis eine bessere Internetverbindung in diesem verdammten Camp. Ich muss ihn suchen. Ich gehe über die Wiese und sehe Dennis, Valerie und Hannah zusammen stehen.

„Hey", sage ich als ich sie erreiche und stelle mich dazu.

„Ja, Raphael könnte doch mal kochen", sagt Dennis und rempelt mich an. Wieder prallt er an mir ab wie ein Gummiball. Er lernt es einfach nicht. Ich soll kochen? Was ist denn jetzt los? Ich bereue, dass ich mich dazu gestellt habe.

„Ich kann dir ja helfen", bietet Hannah mir mit großen Augen an. Was? Ich koche doch nicht. Darauf habe ich wirklich keine Lust.

„Ich habe...", sage ich, doch Dennis Augen blitzen auf und er nickt zu ihr. Sie merkt es nicht, doch ich verstehe was er meint. Ich soll beobachten, wie sie zu Lebensmittel steht. Ich soll rausfinden, ob sie etwas isst. „...schon die ganze Zeit davon geträumt", beende ich meinen Satz.

Valerie und Dennis prusten los und Hannah runzelt die Stirn. Das habe ich mächtig versaut.

„Na dann viel Spaß", lacht Dennis. Inzwischen sollte er wissen, dass ich ihm für solche Sprüche den Mittelfinger zeige. Hannah reicht mir ihre Hand und ich folge ihr in die kleine Küche.

„Wir kochen was einfaches", sagt sie. Sie traut mir wirklich nichts zu. Sie kennt mich also gut.

„Okay", sage ich. Wie stellt Dennis sich das vor? Ich sehe doch nicht, ob jemand magersüchtig ist, nur weil ich beim Kochen zusehe. Ich brauche mehr Informationen, verdammt.

„Was kochen wir?", frage ich.

„Spaghetti mit Tomatensauce", sagt sie und hält mir ein Holzbrett hin.

„Zuerst schneiden wir Zwiebeln", sie legt mir einige Zwiebeln auf das Brett.

„So viele?", frage ich und habe jetzt schon keine Lust mehr. Sie grinst mich schief an und legt ein zweites Brett neben meins. Sie schält eine Zwiebel und schneidet sie in Würfel. Sie macht das nicht zum ersten Mal, das sehe ich. Ich versuche es auch. Doch die dämliche Schale teilt sich in viele kleine Stückchen. Das ist ätzend. Ich fummle an der blöden Zwiebel rum. Endlich habe ich die Schale entfernt. Ich lege die Zwiebel auf mein Brett und schneide sie in große Stücke. Würfel sind das nie im Leben. Ich merke, wie mir die Schärfe in den Augen brennt. Das macht es nicht einfacher. Ich kneife sie zusammen. Hannah kichert neben mir.

Nachdem wir die Zwiebeln geschnitten haben, kocht Hannah den Rest und ich sehe ihr dabei zu. Die Sauce blubbert im Topf, die Nudeln schwimmen im sprudelnden Wasser. Hannah fischt mit dem Kochlöffel eine Nudel aus dem Wasser und probiert.

„Das riecht fantastisch!", singt Valerie und stellt sich zu uns. Dennis sieht mich fragend an, doch ich zucke mit den Schultern. Was hätte ich denn rausfinden sollen? Was wollte er denn wissen? Valerie und Dennis decken die Tische und Wilma ruft die Kinder. Was für eine Harmonie. Es ist wie in einer schlechten Fernsehserie. Es fehlt nur noch, dass wir uns alle an den Händen halten. Ich lade mir eine große Portion Nudeln auf den Teller, denn ich habe richtig Hunger. Hannahs Nudeln kann man zählen. Sie hat mehr Sauce auf dem Teller als Nudeln.

„Hast du keinen Hunger?", frage ich sie. Mein Herz klopft.

„Nein", sagt sie und lächelt, „ich habe beim Kochen schon so viel probiert."

Sie lügt. Sie lügt. Sie lügt. Sie hat nichts probiert. Dazu hätte sie schon in eine Zwiebel beißen müssen. Und die eine Nudel, die sie probiert hat, kann sie nicht meinen. Sie lügt. Sie sagt, sie hat etwas gegessen und das stimmt nicht. Das ist der dritte Strich auf meiner Liste.

Sie dreht ein paar Nudeln um ihre Gabel. Erst in die eine Richtung, dann in die andere. Sie steckt sich die Gabel in den Mund. Sie kaut. Und kaut. Ich esse in der Zwischenzeit meinen halben Teller leer. Es schmeckt lecker. Sie trinkt einen Schluck Wasser und wartet. Sie isst noch eine Gabel voll. Vielleicht habe ich mich getäuscht.

Sie isst. Ja, sie isst. Sie kaut lange und legt schließlich das Besteck neben ihren Teller. Das wars? Das waren nur ein paar Gabeln voll Nudeln. Dafür bekommt sie den vierten Stich, weil sie trotz der Lüge so wenig isst. Mädchen, dünn, Lügen und wenig Essen. Verdammt, es sind vier Striche auf der Liste. Vier verdammte Striche. Sie sind rot. In meinem Kopf leuchten sie auf dem weißen Papier.


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