AUFGEREGT.

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Valerie und Dennis sind jetzt an der Reihe, aber ich höre nicht zu. Ich spüre meinen Herzschlag deutlich in der Brust. Er ist immer noch zu schnell. Haben die anderen die Stimmung zwischen uns gemerkt? Hat er auch gespürt, dass es nur noch uns beide gab?

„Nein" sagt Dennis. Damit ist Valerie an der Reihe. Warum hat es sich so gut angefühlt, mit ihm für einen Moment alleine zu sein? Wir waren nicht alleine. Die anderen konnten uns sehen und hören.

„Nein", und somit bin ich die Nächste.

Auch ich werde von Valerie gefragt, ob ich in München wohne. „Ja". Dennis sieht mich an. „Hast du...?" Doch er wird unterbrochen. „Erinnerst du dich an das Stone-Festival?" Raphaels dunkle Stimme dringt durch das Feuer zu mir. Dennis verstummt. Ich blicke erst Dennis, dann Raphael an. Ich möchte sagen, dass Dennis an der Reihe war, aber Dennis hebt die Hände und nickt zu Raphael. Ich folge seinem Blick.

Sein intensiver Blick holt mich wieder in diese Blase. Wieder gibt es nur noch uns. Eine dicke Schicht Watte legt sich um uns. Es ist still. Friedlich. Vertraut. Was ist hier los? Ich möchte das nicht. Doch ich kann nichts dagegen tun.

Natürlich erinnere ich mich an das Festival. Und daran, dass du da warst. Mich gerettet hast. Ich erinnere mich an alles. Oft verfolgt mich diese Erinnerung am Tag. In der Nacht. Wie könnte ich das vergessen? "Wieso denkst du, dass ich es vergessen habe? ", frage ich ihn in Gedanken.

Ist das der Grund, warum er sich mir gegenüber so anders verhält? Seit dem Festival spricht er mit mir. Sieht mich an. Beachtet mich. „Ja" flüstere ich. Ich erinnere mich. Seine Augen blitzen einen Moment auf. Er glaubt mir. Mein Herzschlag beruhigt sich. Wir sehen uns an.

Seine Arme hat er wieder auf seine Oberschenkel gestützt. Er hält seinen Becher mit beiden Händen. „Hast du dich von Tobi getrennt?" Das geht jetzt aber zu weit. Ich will nicht, dass er sich wieder über mich lustig macht. Ich war für Tobi nicht gut genug. Deshalb hat er sich eine andere gesucht. Und das geht ihn nun wirklich nichts an. Er blinzelt nicht. Er wartet auf meine Antwort.

„Whatever", sage ich in Gedanken. „Nein", antworte ich wie ferngesteuert. Verliere ich jetzt völlig die Kontrolle? Raphael lehnt sich zurück. Er lächelt zufrieden und nimmt einen Schluck aus seinem Becher. Dabei bricht unser Blickkontakt und ich werde ein weiteres Mal zurück in die Wirklichkeit, zurück auf die kleine Bank vor dem Feuer geschmissen. Verdammt, was ist hier los?

Das Spiel ist vorbei und die Stimmung seltsam. Mit wackeligen Beinen stehe ich auf und verabschiede mich, denn ich muss jetzt alleine sein. Mir wird das zu viel. Ich weiß nicht, was hier los ist und schon gar nicht, wie ich das finden soll. Ich fühle mich unsicher auf den Beinen. Das war einfach ein langer Tag. Vielleicht macht sich auch der Essensentzug bemerkbar? Oder der Alkohol.

Ich verlasse die wohlige Wärme des Feuers und schlinge meine Arme um meine Brust. So nah am Feuer habe ich gar nicht bemerkt, wie kalt es geworden ist. Ich folge dem kleinen Licht meiner Taschenlampe. Hast DU dich von Tobi getrennt? Raphaels Stimme hallt in meinem Kopf wieder. Warum wollte er das wissen? Die Erinnerung an seine Frage versetzt mir einen Stich.

Ich erreiche die Bauwägen und steige die Treppe hoch. Ich taste nach dem Lichtschalter. Das weiße Licht trifft mit voller Wucht auf meine Netzhaut und ich muss blinzeln. Ich gehe zu den Waschbecken und gewöhne mich nur langsam an die Helligkeit. Am liebsten würde ich vor der Erinnerung an Tobi davonrennen, aber die Bilder verfolgen mich. Ich habe nicht die Kraft, schnell genug zu rennen um alles hinter mir zu lassen. Raphaels Frage hat mich dazu gezwungen, meine Wunden anzusehen, die Vergangenheit auszusprechen. Ich spritze mir Wasser ins Gesicht.

Diesmal hat sich die Erinnerung so anders angefühlt. Sein Blick, die tanzenden Flammen vor seinem Gesicht, das Gefühl als würde ich nicht alleine sein. Als würde jemand meine Seele beschützen, während ich mit der Erinnerung konfrontiert wurde. Das ist doch Unsinn. Ich presse mir mein Handtuch aufs Gesicht. Es riecht nach Weichspüler. Ich bin müde und habe Alkohol getrunken. Ich muss schlafen.

Ich verlasse den Bauwagen und gehe in der Dunkelheit über die Wiese. Das Feuer ist jetzt kleiner und die Bänke sind leer. Ich erreiche unsere Zelte. Es ist dunkel und kalt und ich freue mich auf meinen wärmenden Schlafsack. Mein Fuß verfängt sich in einer Zeltschnur, ich stolpere und ziehe eine Seite des Zeltes gefährlich weit mit mir.

Ich verliere das Gleichgewicht und falle hin. Es zischt und raschelt laut, als ich meinen Fuß befreie und die Zeltwand zurück schnalzt. Das Zelt wackelt. „Verpiss dich!" knurrt Raphael. Prima. Ich bin über sein Zelt gestolpert. Ich hoffe inständig, dass er nicht weiß, dass ich es bin. Wenn ich nichts sage, denkt er vielleicht, dass es Wilma war. Andererseits könnte er mich fragen, ob mir etwas passiert ist. Aber das ist nur ein weiterer Beweis dafür, dass er keine Manieren hat.

Ich stehe ungeschickt auf und schnappe meine Taschenlampe. In dem kleinen Lichtkegel sehe ich die Zeltschnur über die ich geflogen bin. Was solls? Er hat sowieso keine Ahnung, wer vor seinem Zelt steht. Und schon kicke ich mit dem Fuß noch einmal dagegen. Ich muss mir das Kichern verkneifen, als es zuerst wieder zischt, und dann raschelt. „Ich meine es ernst, Hannah!" er ist richtig sauer. Er weiß, dass ich es bin. Ich halte die Luft an und schleiche leise zu meinem Zelt.

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