MITGERISSEN.

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Abends sitzen wir mit den Kindern am Feuer. Wilma beachtet mich nicht. Aber das ist mir egal. Irgendwie bin ich sogar froh darüber. Wie jeden Abend kuschelt sich die kleine Anna auf meinen Schoß. Es ist alles wie immer. Nein, nichts ist wie immer. Ich bin mit Raphael zusammen. Und das, obwohl ich ihn nicht leiden konnte. Ich fand ihn ätzend. Außerdem wollte ich doch gar keinen Freund. Ich weiß gar nicht, wie das alles passiert ist. Ich fühle mich, als wäre ich auf einem Karussellpferdchen ins Wunderland geritten. Ich grinse wie eine Idiotin.

„Schau", sagt Anna und hält mir ihr kleines Ärmchen hin. Sie trägt ein Armband aus Gänseblümchen. „Oh, das ist aber hübsch. Hast du das gemacht?", frage ich sie.

„Neeeeee", sie drückt ihren Kopf an meine Brust und knetet Pingus Nase.

„Neeee?", frage ich sie.

„Er", sagt sie und deutet auf Raphael. Raphael hat Anna ein Armband gemacht? Mein Herz beginnt zu schmelzen. Er hat seinen Blick auf den Boden gerichtet. Ich hätte nicht gedacht, dass er so sein kann. Er hebt seinen Kopf ein Stück. Als er uns bemerkt grinst er uns beide schief von unten an. Ich grinse zurück.

„Das ist aber lieb von ihm", sage ich ihr ins Ohr.

„Ja, er ist lieb", sagt sie und kichert. Oha, sie ist verliebt. Noch eine.

Ich drücke sie und Pingu an mich und sehe ihn an. Ich genieße seinen Blick. Ich hätte nie geglaubt, dass es ihn gibt - diesen einen Moment. Diesen Moment, in dem es nichts gibt außer ihn und mich. Mich und dich. Uns. Der Moment, in dem plötzlich die Welt stehen bleibt, und nur wir beide uns langsam weiterdrehen. Gemeinsam. Im Einklang. In unserer Seifenblase, unserer eigenen kleinen Welt. Die Blase ist dünn, zerbrechlich. Aber dennoch trennt sie uns für einen Moment von der Welt. Das hier ist ein Ort, zu dem nur wir beide Zugang haben. In unserer Blase ist es hell, es duftet nach Zitrone. Hier werden Sekunden zu Minuten. Hier fühle ich mich leicht und sicher. Hier bin ich etwas wert, hier gibt es keine Sorgen oder Ängste. Nur uns. Ihn und mich. Mich und dich. In unserem Moment.

Wie durch eine dicke Watte höre ich Valerie die Kinder fragen, was ihnen heute gefallen hat. Sie erzählen und überlegen, was wir morgen machen. Ich höre nicht zu. Ich sehe ihn einfach nur an und jede seiner Bewegungen bringt ein paar meiner Schmetterlinge zum Flattern.

Nachdem wir die Kinder ins Bett gebracht haben, setzen wir uns zurück ans Feuer. Ich sitze auf meiner Bank und genieße die Wärme des Feuers. Es brennt auf meinem Gesicht, und die kalte Nachtluft legt sich auf meinen Rücken. Schlendernd und grinsend kommt Raphael auf mich zu und setzt sich neben mich. Ja, wir sind zusammen und er will es zeigen. Wilma zieht ihre ungezupften Augenbrauen nach oben. Die wird sich noch wundern.

Ich setze mich seitlich und lege meine Beine über sein Bein. Er zieht mich näher an sich und legt den Arm um mich.

„Es ist doch schon Dunkel. Du brauchst kein Cap", sage ich. Ich ziehe es ihm vom Kopf und setze es mir auf. Er fährt sich durch die Haare.

„Das hole ich mir noch zurück", sagt er und beugt sich zu mir um mich zu Küssen. Doch ich lehne mich zurück und er trifft meinen Hals. Ein warmer Schauer fährt durch meinen Körper. Der Haselnussduft betäubt meine Gedanken, sein raues Lachen vibriert an meiner Haut. Wilma steht der Mund offen. Ja, soll sie nur gucken.

Ich fühle mich geborgen neben ihm. Unser Gespräch hat mir Sicherheit gegeben. Ich drücke mich an seinen warmen Körper und genieße seine Nähe. Nicht nur seine körperliche Nähe. Auch, dass er sich geöffnet hat, dass er ehrlich zu mir war. Meine Alarmglocken kann ich in den Keller bringen, die werde ich so schnell nicht mehr brauchen.

Raphael legt seine Hand auf meinen Rücken und löst damit einen warmen Schauer aus. Ich genieße das Gefühl und vergesse für einen Moment zu Atmen. Im Augenwinkel sehe ich sein Grinsen und schmiege mich an ihn. Das Feuer knistert, Valerie und Dennis unterhalten sich. Ich liege in seinem Arm und schließe meine Augen. So geborgen habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.

Irgendwo in der Ferne höre ich leise das Knirschen von Autoreifen. Ich öffne meine Augen und drehe mich in Richtung Waldweg. Scheinwerfer nähern sich unserem Camp.

„Fuck", Raphael bewegt sich unter mir. Ich nehme meine Beine von seinem Bein, damit er aufstehen kann.

„Wer kommt da?", frage ich ihn.

„Freunde", sagt er trocken und gibt mir einen schnellen Kuss auf die Wange. Die Spannung zwischen uns ist verschwunden. Diesmal hat er selbst die Blase zerplatzt. Das Auto kommt näher, die Bässe der Anlage werden lauter. Er fährt sich nochmal durch die Haare und steht auf.

„Ich bin in ein paar Stunden zurück", sagt er mehr zu mir als zu den anderen und geht zum Auto. In ein paar Stunden? Lässt er mich einfach so hier sitzen? Das Auto bleibt ein paar Meter neben uns stehen. Die Bässe sind viel zu laut, als sich die Türen öffnen. Sie werden noch die Kinder wecken. Ein paar Menschen treten aus dem Scheinwerferlicht und kommen auf ihn zu.

„Wooohooo, Russ!", grölt eine Männerstimme. Zur Begrüßung geben sie sich die Hand und berühren sich mit den Schultern.

„Hey, Russ", höre ich eine weitere Männerstimme.

„Russ, alter Sack!", ruft noch eine weitere Stimme. Das sind seine Freunde? Na, Prima.

„Raphael!", ruft eine Frauenstimme. Ich kneife meine Augen zusammen. Ein Glück, dass ich meine Alarmglocken noch nicht in den Keller gebracht habe. Sie sind frisch gewartet und läuten hell. Ich möchte sehen, wem diese schöne, sanfte Stimme gehört, doch die Scheinwerfer blenden mich. Vage sehe ich ihre Umrisse. Ich glaube, es ist eine blonde, schlanke Frau. Hat sie den Arm um ihn gelegt? Wer ist das? Ich bin froh, dass ich noch nichts gegessen habe. So spüre ich nur den Schmerz meines Magens. Schmerz gegen Schmerz. Mein gewohntes Tauschgeschäft.

Ich rutsche auf meiner Bank hin und her. Ich sehe, wie Raphael in das Auto einsteigt.

„Sarah!" ruft eine männliche Stimme aus dem Auto. „Steig endlich ein."


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