ÜBERRASCHT.

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Irgendwo in der Ferne höre ich ein Motorrad näherkommen. Das wird unser Krimineller sein. Was für ein Klischee.

„Hey, Danke, dass du mein Zelt aufgebaut hast!" Alleine hätte ich das sicher nicht geschafft. Ich hebe meine Tasche auf und klemme mir den Schlafsack unter den Arm.

„Das war doch keine große Sache!" Dennis legt den Arm um Valerie und zieht sie an sich.

„Also ich habe jetzt den Kühlschrank nochmal neu eingeräumt. Jetzt ist das richtig. Bitte achtet beim nächsten Mal darauf." Wilma und ihre Gesundheitsschuhe erscheinen neben Valerie. 

Wie kam denn die jetzt so schnell hierher? Sie war doch gerade eben noch mit dem Kopf im Kühlschrank verschwunden.

„Danke. Aber das könnte doch ab heute deine Aufgabe sein. Dann kann nichts mehr schiefgehen", platzt es aus mir heraus. Valerie kichert und Dennis grinst.

Wilma schnaubt und will gerade etwas sagen, aber das kreischende Geräusch des Motorrads unterbricht sie. Was für ein Glück.

Ich drehe mich zum Wald und sehe ein rotes Cross Motorrad auf uns zukommen. Es ruckelt über die Wiese und kommt neben Dennis in einer Abgaswolke zum Stehen.

Der Fahrer schaltet den Motor aus. Er schwingt ein Bein über den Sitz und steigt ab. Er ist bestimmt mehr als einen Kopf größer als ich. Durch die schwarze, enge Motorradkleidung erkenne ich breite Schultern und muskulöse Arme. Er dreht sich um. Unsere Blicke treffen sich.

Seine haselnussbraunen Augen sind wunderschön und sein Blick ist durchdringend. Mir fährt ein Kribbeln durch den Körper. Ist die Zeit schon wieder stehen geblieben? Sind schon wieder alle Blicke auf mich gerichtet? Mit einer Hand öffnet er den Verschluss seines Helmes und ich muss schlucken. Er trägt schwarze Handschuhe. Das hier ist definitiv ein Zeitlupenmoment. Ich dachte, so etwas gibt es nur im Fernsehen? Langsam zieht er sich den Helm nach hinten über den Kopf und fährt sich mit der anderen Hand durch die dunklen Haare. Seine Haut ist hell und er hat markante Gesichtszüge. Mir bekannte, markante Gesichtszüge.

„Raphael!", platzt es aus mir heraus. Meine Stimme ist viel zu hell. „Was machst du hier?" Ich habe die Frage noch nicht ausgesprochen, merke ich, wie blöd sie ist. Ich kann nicht glauben, dass er hier ist.

Er nimmt eine kerzengerade Körperhaltung ein und hält es nicht für nötig, den Kopf zu senken um mir in die Augen zu sehen. „Na, was glaubst du wohl? Ich muss hier einen auf Pfadfinder machen."

„Ach so." Ach so? Und: was machst du hier? Ich könnte mich ohrfeigen.

„Ich hätte mir gleich denken können, dass das hier deine Welt ist." Er grinst mich von oben herab an.

„Du weißt rein gar nichts über mich und meine Welt", zische ich. Was bildet er sich eigentlich ein?

„Ich glaube, das reicht jetzt." Dennis geht dazwischen. Ich nehme an, er versucht die Stimmung zu retten indem er sich und die anderen vorstellt.

Ich stehe einfach nur da und starre Raphael an. Ich hatte mir fest vorgenommen, Tobi für zwei Wochen zu vergessen, da steht sein Bruder vor mir. Na, wenigstens ist mir jetzt der Appetit vergangen.

Valerie mustert ihn skeptisch als sie sich ihm vorstellt. Sie sieht mich an und zieht eine Augenbraue nach oben. Da werde ich wohl noch einiges erklären müssen.

Wilma ist knallrot und stottert: „H-Hallo. Ich bin Wilmaaa." Ja, ist denn das zu fassen? Jetzt hat sie sich in den unhöflichen kriminellen verknallt. Ich sehe die Herzchen in ihren Augen. Wenn ihr der Mund noch länger offen steht, läuft ihr der Sabber über das Kinn. Raphael scheint das zu amüsieren. Mir dagegen ist nicht zum Lachen zumute. Ich möchte weg und beschließe meine Sachen im Zelt zu verstauen.

„Sweety, zeigst du mir später, wie man ein Wolldeckchen häkelt?", höre ich ihn hinter mir. Ich drehe mich um, um mich zu vergewissern, dass er mit mir spricht. Er sieht mich an. Macht er sich über mich lustig?

„Oh ja. Und gleich danach bringe ich dir Manieren bei!"

„Ist das ein Angebot?" Raphael lacht und ich öffne den Reisverschluss meines Zeltes.


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