abgeholt.

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Fuck, sie sind gekommen. Ich habe gesagt, dass ich nicht mitkomme. Mir ist egal, ob wir jede Woche  Feiern gehen. Ich habe es Sarah am Telefon gesagt. Doch jetzt sind sie hier. Ich steige ein und rutsche in die Mitte der Rücksitzbank. Es riecht nach billigem Lufterfrischer.

Neben mir sitzt Sven und brüllt neben meinem Ohr: „Sarah! Steig endlich ein!" Er soll seine verdammte Klappe halten. Hat Hannah es gehört? Sie sitzt am Feuer und sieht zu uns. Hat sie ihren Namen gehört? Beruhig dich. Sie weiß nicht, wer Sarah ist. Ich habe gesagt, sie ist eine Freundin. Also ist nichts dabei. Verdammt, ich sollte nicht mitfahren.

„Das ist ja ein Scheißcamp", sagt Sven. Sarah hat den anderen nicht gesagt, dass ich nicht mitkommen will. Sie dachten, sie holen mich ab, wie vereinbart. Sarah steigt ein. Ihr billiges Parfum steigt mir in die Nase. Wir fahren los. Sarah beugt sich zu mir. Der Parfumgeruch ist unerträglich.

„War das die Kleine?", ihr Atem streift mein Ohr. Sie legt eine Hand auf meinen Oberschenkel. Sie hat nicht verstanden, dass ich sie jetzt nicht mit ihr rummache, als wären die anderen nicht da. So wie früher. Ich schiebe ihre Hand weg.

„Komm schon, Raphael", sagt sie und legt ihre Hand zurück auf meinen Oberschenkel.

„Sarah, betteln ist nicht sexy", sage ich und die Jungs grölen. Ihre Hand wandert an meinem Oberschenkel entlang. Ich stoppe sie.

„Denk nicht mal dran", knurre ich. Sie zieht ihre Hand zurück und sieht aus dem Fenster. Soll sie doch beleidigt sein. Ich sollte nicht hier sein, verdammt.

„Wie lang bist denn noch in diesem Scheißcamp?", fragt Sven.

„Bis zum Wochenende", sage ich. Ich muss an Hannah denken. Wir biegen auf die Straße ab.

Was sie wohl denkt? Ich bin einfach abgehauen. Fuck. Ich habe es verbockt. Schon wieder. Heute Nachmittag hat sie mir vertraut, ich habe ihr alles erzählt. Und jetzt bin ich einfach abgehauen.

Wir erreichen unsere Stammdisco. Es ist eine Nobeldisco. Oder möchte eine sein. Die Kerle sind irgendwelche Spießer, die sicher noch bei Mama und Papa wohnen. Die Weiber haben ein Kilo Schminke im Gesicht. Sie haben Frisuren, als würden sie auf einen Ball gehen. Sie wirken wie Lemminge. Eine gleicht der anderen. Und jede ist kalt. Sie haben keine Persönlichkeit. Sie stehen in ihren High Heels neben der Tanzfläche, wippen unbeholfen mit den Hüften und hoffen, dass sie einer anspricht. Sie sind langweilig. Und leichte Beute. Die Bässe dröhnen, es ist dunkel. Ich gehe zur Bar, hole mir einen Drink und lehne mich an eine Wand. Ich hole mein Handy aus der Hosentasche.

ich denke an dich –R., tippe ich und sende es an Hannah, als Sarah auf mich zukommt.

„Seit wann hast du kein Interesse mehr an mir?", fragt sie. Interesse? Ich habe mich nie für sie interessiert. Das die Frauen immer Sex und Gefühle vermischen.

„Ich bin nicht mehr single", sage ich, „aber das habe ich dir schon gesagt."

„Ja. Und ich glaube das erst, wenn ich es sehe", sagt sie und legt ihre Hand auf meine Brust.

Ich packe ihr Handgelenk. „Sarah, letzte Warnung", knurre ich in ihr Ohr.

„Wir haben eine Abmachung. Halt dich dran", füge ich dazu. Sie geht einen Schritt zurück und sieht mich an.

„Sie hat dich ganz schön im Griff, was?", fragt sie und zieht eine Augenbraue nach oben. Es sieht blöd aus. Im Griff? Ich antworte nicht. Ich exe meinen Drink. Er schmeckt nach Tequila und jede Menge anderem Schnaps. Meine Kehle brennt, davon könnte ich noch mehr gebrauchen. Ich lasse Sarah stehen und gehe zurück zur Bar.

„Noch einen", sage ich und hebe mein Glas. Ich sehe, wie sich Sarah auf der Tanzfläche an einen Typen ranmacht. Ihr kurzes weißes Kleid sitzt wie eine zweite Haut, ihre blonden Haare fallen ihr über die Schultern. Ich exe meinen Drink. Sie bewegt sich perfekt zur Musik. Ja, bewegen kann sie sich. Ich bestelle mir noch einen und schaue auf mein Handy. Hannah schreibt nicht zurück. Ob sie sauer ist? Natürlich ist sie das. Ich bin einfach so abgehauen. Das sollte ich mir abgewöhnen. Fuck. Es ist so neu, dass ich eine Freundin habe. Ich muss mich zusammenreißen. Hannah ist oft genug verletzt worden. Eigentlich wollte ich gar nicht gehen.

tut mir leid dass ich mich einfach verpisst habe –R., tippe ich und sende es ihr. Ich bestelle mir noch einen Drink. Ich nehme das kühle Glas und dränge mich damit durch die Menge. Im Vorbeigehen prostet mir eine Brünette zu. Sie wäre reine Routine. Ein paar nette Worte, ein gespieltes Lachen, ein ausgedachtes Geheimnis und schon würde sie mitkommen. Ich ignoriere sie und gehe zu Sven und den anderen. Ich setze mich in eine Ecke und hoffe, dass der Abend bald zu Ende ist.

„Hey, Russ. Hast du was aufgerissen?", fragt mich Sven und prostet mir zu. Ich habe keine Lust auf solche Gespräche.

„Heute nicht", sage ich und hoffe, dass er mich in Ruhe lässt. Und ich habe Glück. Er steht auf und macht sich an einer Blondine zu schaffen, an der er sich sicher ordentlich die Finger verbrennen wird.

Endlich setzen sie mich wieder ab. Ich steige aus dem Auto und gehe über die Wiese. Die Scheinwerfer verschwinden, es ist stockdunkel, das Feuer ist aus. Ich habe keine Ahnung, wo die Zelte sind. Ich hole mein Handy um mir mit dem Display zu leuchten.

„Ha!", rufe ich viel zu laut. Eine SMS. Sie hat mir also doch geschrieben. Ich bleibe stehen um sie zu lesen. Ich schwanke und muss mich konzentrieren.

Mittwoch? Sarah. Ich könnte kotzen. Sie checkt es nicht. War ich heute nicht deutlich genug? Ich stecke das Handy in meine Hosentasche und sofort ist es wieder stockdunkel. Fuck. Ich wollte mir Leuchten. Ich hole das Handy wieder raus und benutze es als Taschenlampe. Ich torkle über die Wiese. Ich komme an den Zelten der Kinder vorbei.

„Psssst!", mache ich obwohl sie leise sind. Ich finde das witzig.

„Hannah?", frage ich lauter als beabsichtigt, als ich ihr Zelt erreiche. Ich halte den Atem an und stecke mein Handy zurück in die Hosentasche.

„Hannah?", frage ich nochmal. Ich öffne den Reißverschluss und höre es rascheln.

„Raphael, was willst du?", fragt sie. Sie klingt verschlafen.

„Zu dir", sage ich.

„Hast du getrunken?", fragt sie. Oha, jetzt bekomme ich eine Standpauke. Aber darauf habe ich keinen Bock.

„Nein", sage ich.

„Dann hat dich ein Schnapslaster angefahren?", fragt sie. Was für ein Schnapslaster? Ich bin mit den Jungs mitgefahren, war in der Disco und bin jetzt wieder hier. Ich kann mich an keinen Laster erinnern. Und mich hat auch niemand angefahren. Ach so.  „Nein", sage ich. Ich krieche über den Zeltboden. Wie ich Zelte hasse. Ich hasse das Gefühl des dünnen Plastiks auf dem Gras. Es ist kalt und macht einen Höllenlärm.

„Was willst du?", fragt sie nochmal. Diesmal ganz in meiner Nähe.

„Mich entschuldigen", sage ich. Wo ist sie? Ich kann nichts sehen. Ich hoffe, dass ich sie ansehe, doch ich habe keine verdammte Ahnung, wo sie ist.

„Hannah?", frage ich.

„Ich warte", sagt sie.

„Auf was?", frage ich.

„Auf deine Entschuldigung?", es ist eher eine Frage als eine Aussage. Ach so. Stimmt. Ich wollte mich entschuldigen. Ihr entgeht aber auch nichts.

„Ich hätte nicht einfach so gehen dürfen", sage ich. „Ich bin mir ganz schön blöd vorgekommen", sagt sie. Ich höre, dass sie enttäuscht ist.

„Das wollte ich nicht", sage ich ehrlich.

„Okay, lass uns morgen reden", sagt sie.

„Okay", sage ich und rutsche zu ihr.

„Was machst du?", fragt sie.

„Ich schlafe", sage ich.

„Hier?" fragt sie.

„Ja, hier", sage ich und schlinge meine Arme um sie.


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