ANGST.

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Ich sitze an Raphaels kleinem Küchentisch. Ich bin so müde. Ich habe kaum geschlafen, mir ist immer noch kalt. Ich will nicht krank sein. Magersucht fühlt sich doch anders an, oder? Es wird immer von dünnen Mädchen geschrieben, von Selbsthass und psychischen Problemen. Nein, ich bin nicht magersüchtig und ich werde es ihm beweisen. Ich will nicht, dass er sich Sorgen macht. Ich werde etwas mehr essen. Das habe ich ihm gestern versprochen. Dann kann ich gar nicht magersüchtig sein. Gleich heute werde ich für ihn kochen. Ja. Ich koche für ihn. Mein Herz wird leichter. Das ist eine gute Idee. Ich schaffe das alleine.

„Hannah?", ich höre seine dunkle Stimme aus dem Bad.

„Ja?", frage ich vorsichtig.

„Bist du soweit?", fragt er. Ich höre, dass er näher kommt. Er bleibt vor der Küchentüre stehen und sieht mich an. Er hat dunkle Augenringe, sein Blick wirkt stumpf.

„Wir müssen da nicht hin", sage ich.

„Was?", fragt er.

„Naja, ich esse einfach mehr. Dann ist alles okay", sage ich.

„Hannah. Fuck. Du verarscht mich, oder?", sagt er und kommt auf mich zu.

„Nein. Ich schaffe das alleine. Ich muss da nicht hin", sage ich.

„Verdammt, so etwas schafft man nicht alleine", sagt er.

„Ich schon", sage ich und verschränke die Arme vor der Brust. Er sieht kurz zu der Uhr, die über dem Tisch hängt, dann sieht er wieder zu mir.

„Hannah, wir müssen los", sagt er sanfter, „bitte". Er hält mir einen Helm entgegen.

Mein Herz pocht wild in meiner Brust.

„Ich habe Angst", sage ich. Er legt die Helme auf den Tisch und kommt zu mir.

„Ich weiß", sagt er und zieht mich an sich, „aber ich bin bei dir." Ich atme seinen Duft ein. Doch der Duft hat seine beruhigende Wirkung verloren. Ich kann nicht mehr klar denken, das Tick Tack der Uhr dröhnt in meine Ohren.

„Wir müssen los", flüstert er wieder. Ich schlucke. Ich fühle mich so schwach. Tausend Ameisen bewegen sich unter meiner Haut. Raphael nimmt die Helme vom Tisch und reicht mir einen. Ich nehme ihn und reiche ihm meine andere Hand. Er verschränkt seine Finger mit meinen. Seine Hände sind kalt.

Langsam folge ich ihm aus der Wohnung. Stufe um Stufe gehe ich nach unten. Meine Beine fühlen sich an wie Pudding. Raphael öffnet die Türe und ich sehe sein rotes Motorrad. Ich kann das nicht. Ich muss. Ich bleibe stehen und ziehe mir den Helm über. Es ist beklemmend. Ich fühle mich eingeengt, es riecht nach Abgasen. Meine Finger zittern so sehr. Ich kann den Gurt nicht schließen. Raphael stellt sich vor mich und klickt den Verschluss zu. Seine kalten Finger jagen einen Schauer durch meinen Körper, direkt in mein Herz. Er setzt sich auf sein Motorrad und steckt den Schlüssel ins Schloss. Ich setze mich hinter ihn und lege meine Arme um ihn.

„Raphael", sage ich, doch meine Worte werden von der lauten Maschine verschluckt. Langsam fährt er aus der Ausfahrt. Ich klammere mich an ihn, denn ich habe das Gefühl ohnmächtig zu werden. Was werden die von der Beratung zu mir sagen? Was werden die mich fragen? Ich will das nicht. Ich schließe meine Augen und konzentriere mich auf meine Atmung. Beruhig dich, Hannah. Einatmen, ausatmen. Raphael hält an einer Ampel. Er legt seine Hand auf mein Knie und ich klammere meine Arme fester um ihn. Tränen laufen mir über die Wangen.

Raphael fährt wieder los und biegt in eine Seitenstraße. Am Straßenrand stehen Autos. Raphael biegt noch einmal ab und bremst vorsichtig. Er fährt auf einen großen Parkplatz. Wir sind da. Er lenkt das Motorrad über den Asphalt und hält vor einem großen Gebäude. Einatmen, Ausatmen. Mit zittrigen Beinen steige ab. Die Vibration des Motorrads steckt mir noch in den Knochen. Raphael schwingt sein Bein über das Motorrad und zieht sich den Helm vom Kopf. Er fährt sich durch die Haare und öffnet den Verschluss meines Helmes. Ich ziehe ihn mir vom Kopf.

„Alles klar?", fragt er und sieht mich an.

„Nein", sage ich, „ich kann das nicht"

„Bitte", sagt er, „es ist wichtig".

Ich schüttle den Kopf. Ich fühle mich ausgelaugt.

„Jetzt hast du es schon so weit geschafft. Ich bin bei dir", sagt er und legt seine Hand an meine Wange. Ich kann das nicht. Ich fühle mich zu schwach.

„Ich kann nicht", sage ich und schüttle meinen Kopf,

„Ich gehe jetzt rein", sagt er.

„Du?", frage ich, „wieso du?"

„Weil du dich verdammt nochmal umbringst", sagt er und lässt mich stehen.

Ich sehe ihm nach. Seine Hand hat einen kalten Abdruck auf meiner Wange hinterlassen. Ich kann das nicht. Ich kann da nicht rein gehen. Ich schaffe das nicht. Er öffnet die große Türe und verschwindet in dem Gebäude. Was werden die ihm sagen? Ich setze mich auf eine kleine Bank. Ich werde hier auf ihn warten. Sie werden ihm sagen, dass alles in Ordnung ist. Ich wippe mit dem Fuß.

Irgendwo muss eine Baustelle sein, der Lärm ist unerträglich. Ich stehe auf, gehe zu seinem Motorrad. Ich will nicht stehen. Ich gehe wieder zur Bank und setze mich. Ich will nicht sitzen. Ich will nicht hier sein. Raphael ist bestimmt schon eine halbe Stunde da drin und ich muss auf die Toilette. Ich könnte in das Gebäude gehen. Nur kurz. Nur auf die Toilette.

Langsam stehe ich auf und gehe auf den Eingang zu. Im Schatten des Gebäudes ist es kühler. Mein Herz beginnt wild zu pochen. Ich nähere mich der Türe, lege meine Finger um den Griff. Das Metall ist kalt, die Türe schwer. Ich ziehe sie auf und schlüpfe vorsichtig in das Gebäude.

Es ist niemand zu sehen. Das Foyer ist mit glänzenden, hellen Fliesen ausgelegt. Ich schleiche über den Gang und suche die Türe mit dem Toilettensymbol. Ganz hinten kann ich es erkennen. Ich halte die Luft an und schleiche zu der Türe. Leise öffne ich sie und schlüpfe hinein. Geschafft. Ich atme aus. Mein Herz schlägt wild. Wo Raphael gerade ist? Was werden sie reden? Was wird er zu mir sagen, wenn er zurück kommt?

Ich wasche meine Hände. Das Wasser ist warm, die Seife riecht künstlich. Ich muss hier schnell wieder raus. Ich halte mein Ohr an die Türe. Es ist still, die Luft ist rein. Schnell verlasse die Toilette und schleiche über den Flur. Nur noch ein paar Meter, dann bin ich an der Türe.

„Hannah?", ich höre Raphael hinter mir. Ich zucke zusammen. Ich halte die Luft an und drehe mich langsam um. Mein Körper kribbelt, meine Knie werden weich. Er steht neben einer älteren Dame. Sie hat weißes Haar, trägt eine dunkle Bluse und einen dunklen Rock. Vor ihrer Brust hängt eine Brille an einer Kette. Sie sieht freundlich aus. Raphael sieht zu ihr. Sie nickt ihm zu und sieht mich an.

„Möchten Sie reinkommen?", fragt sie freundlich und deutet auf das Büro hinter sich. Sie wirkt nett. Ich weiß nicht. Ich kann nicht. Mein Kopf dreht sich.


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