VERSTANDEN.

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Ich höre eine Türe knallen. Ich glaube, Raphael ist im Wohnzimmer. Ich muss mich anziehen. Ich brauche eine schützende Hülle um meinen Körper. Ich zittere. Er hat mich angeschrien. Es stimmt einfach nicht, dass ich zu dünn bin. Ich bin nicht krank. Ich kann gut auf mich selbst aufpassen. Ich hole mir eine Jeans und ein Shirt aus meiner Tasche und schlüpfe hinein.

Natürlich habe ich Diäten gemacht. Wer macht das nicht? Aber die sind alle gescheitert. Alle. Ich war einfach zu undiszipliniert. Ich habe jedes Mal versagt. Tobis Stimme hallt in meinem Kopf: „Du bist einfach keines dieser dünnen Mädchen. Du wirst nie so dünn sein wie die anderen." Und Tobi hat Recht. Ich esse viel zu viel um so dünn zu sein. Raphael macht sich völlig umsonst Sorgen. Ich hebe die Flyer auf. Ich werde mich informieren. Und ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen.

Ich setze mich auf sein Bett und überfliege die Texte. Veränderung des Essverhaltens, kontrolliertes Essverhalten, Untergewicht, Angst vor dem Dicksein, schlechtes Gewissen, gestörte Wahrnehmung, psychische Probleme, Beratung, Klinik, Sucht. Ach, das ist doch lächerlich. Ich nehme die Flyer und gehe zu Raphael. Vor der Türe zum Wohnzimmer bleibe ich stehen. Ich atme einmal tief. Beruhig dich Hannah, jetzt klärt sich alles auf. Ich drücke die Klinke und öffne die Türe. Er steht neben dem Fenster und tippt auf seinem Handy.

„Raphael?", frage ich vorsichtig. Er sieht mich an, lässt sein Handy sinken.

„Hast du sie gelesen?", fragt er und deutet auf die Flyer in meiner Hand. Okay, wenn er das so will kommen wir gleich zur Sache.

„Ja, ich habe sie gelesen", sage ich. Raphael neigt seinen Kopf. Gut. Er hört zu.

„Aber das betrifft mich nicht", sage ich deshalb schnell. Raphael atmet hörbar aus.

„Und. Wieso. Betrifft. Dich. Das. Nicht?" fragt er. Wieder sehe ich die Ader an seinem Hals. Die Strömung des Raphaelflusses wird stärker.

„Weil. Ich. Genug. Esse.", sage ich. Das war mein Ass. Ich muss es jetzt schon aus dem Ärmel ziehen, denn er ist angespannter als ich dachte. Jetzt ist er derjenige, der lacht. Oder brüllt. Ich weiß es nicht. Er schmeißt sein Handy auf die Couch. Das Wasser rauscht um meine Ohren. Es ist kalt.

„Was hast du gestern gegessen?", fragt er. Schon wieder kommt es mir so vor, als wäre er viel weiter weg als diese paar Meter. Er steht breitbeinig da, sieht auf mich herab. Er hat die Arme vor seiner Brust verschränkt.

„Du hast gesehen, was ich gegessen habe", sage ich leise.

„Sag es mir", sagt er.

„Nein", sage ich mit zittriger Stimme.

„Hannah, sag mir was du gestern gegessen hast!" Die Strömung ist so stark.

„Nudeln. Und Würste. Und Brot. Das hast du doch gesehen", flüstere ich.

Mit einer unbeschreiblichen Wucht drischt er ein Mal auf den Boxsack ein, der neben ihm hängt. Es ist ein furchtbares Geräusch. „Du lügst!", schreit er. Was?

„Nein", flüstere ich, „ich lüge nicht" Der Boxsack schwingt hin und her.

„Dann sag mir, wieviele Würste du gegessen hast", sagt er.

„Ich weiß es nicht", sage ich. Das Wasser tobt um meinen Kopf.

„Weil du keine gegessen hast!", schreit er und kommt auf mich zu.

„Das stimmt nicht", sage ich. Unaufhaltsam rausche ich auf einen Wasserfall zu. Ich spüre es.

„Wieso hat sie Dennis dann neben deiner Bank gefunden?", fragt er. Was? Oh nein. Mein Kopf dreht sich.

„Verdammt, checkst du nicht, was mit dir los ist?", fragt er. Der Boxsack schwingt noch immer hin und her. Ich weiß es nicht. Ich habe doch kein Problem. Oder? Ich halte mich am Türrahmen fest. Er ist kalt. Ja, ich mache eine Diät. Verändertes Essverhalten. Ich schreibe auf, was ich esse. Kontrolliertes Essverhalten. Das Blut rauscht in meinen Ohren. Ich habe abgenommen. Ich möchte schlank sein. Nur noch ein bisschen abnehmen. Untergewicht hat der Arzt gesagt. Ich will doch nur schön sein. Ich weiß nicht, wie ich sonst schön sein kann. Ich esse doch genug. Ich fühle mich schlecht, wenn ich die Menge esse, die ich esse. Wie soll ich da noch mehr essen? Ich kann das nicht. Schlechtes Gewissen. Ich fühle mich schwach. Meine Beine fühlen sich an wie Pudding. Ich muss mich setzen.

„Hannah", sagt er. Er ist so nah. Das Flussbett wird breiter, die Wassermassen sammeln sich und gleiten leise zum Abgrund.

„Ich habe Angst, dass du magersüchtig bist", sagt er.

Magersüchtig. Mit einem lauten Donnern reißen mich die Wassermassen mit, ich falle in die Tiefe. Ich rutsche am Türrahmen entlang. Ich sitze auf dem kalten Boden.

„Hannah?", fragt er sanft und setzt sich neben mich.

„Ich...", sage ich. Ich bekomme keine Luft, das Wasser schwappt mir in die Nase. Er legt seine Hände auf meine Oberarme. Tränen brennen mir in den Augen. Ich bekomme keine Luft. Ich kann nicht atmen und atme doch viel zu schnell. Er zieht mich in seine Arme.

„Oh, Hannah", sagt er leise. Ich zittere.

„Ich...", Tränen laufen mir über die Wangen. Meine Stimme klingt fremd.

„Ich will nicht krank sein", sage ich leise.

„Ich weiß", flüstert er. Ich will schlank sein. Und schön. Und etwas Wert.

„Ich bin bei dir", flüstert er und hält mich fest. Ich möchte es ihm erklären, möchte ihm sagen wie ich mich fühle. Ich habe so viele Gedanken in meinem Kopf. So unendlich viele.

„Ich will nicht krank sein", sage ich wieder. Es ist, als könnte ich nichts anderes sagen. Mein Mund gehorcht mir nicht. Ich habe Angst. Wie ist das passiert? Ich habe doch nichts verändert.

„Ich will nicht krank sein", sage ich wieder.

Er streicht mir über den Kopf. Er zittert. Er atmet laut aus, seine Brust bebt.


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