[18.06.2011 - D15 - Unsichtbar]

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„Heidenstein." Pakhet lief die Treppe zur Straßenklinik hinab. Auch wenn er ein paar Patienten in der eigentlichen Klinik behandelte, war er meistens hier zu finden.

Stille.

Der Flur lag im Dunkeln. Vielleicht war er oben. Doch unter der Tür zu seinem Werkzimmer war Licht zu sehen.

Wahrscheinlich war er wieder in seine Arbeit vertieft. Sie seufzte. Eigentlich sollte er öfter zum Training kommen. Sie verstand, dass er sich um die Klinik kümmern wollte, aber das hier  ...?

„Heidenstein?", rief sie erneut. Sie marschierte zum Werkzimmer, klopfte an der Tür, öffnete sie dann. Wenn er arbeitete vergaß er die Welt. „Ich dachte, du bist in der Klinik." Sie trat ein und fand das Zimmer verlassen vor.

Pakhet runzelte die Stirn. Er war nicht der Typ, der das Licht brennen ließ.

Tatsächlich aber lag auch noch Material auf dem Tisch. Draht. Holz. Steine. Was hatte er jetzt schon wieder gebastelt?

Sie setzte sich auf einen der beiden Hocker vor der Bank, verschränkte die Arme und wartete. Vielleicht gab es einen Notfall. Vielleicht war er auf dem Klo. Immerhin war er ein Mensch.

Seitdem seine Wunde geheilt war, hatten sie nicht mehr über seine Abwesenheit geredet. Er mied das Thema und sie wollte nicht darüber reden, dass sie hergekommen war, um ihn zu holen. Es war nicht ihr Stil und in letzter Zeit dachte sie viel zu oft über diese Tatsache nach. Es war einfach nicht ihr Stil.

Minuten vergingen. Sie sah auf die Uhr. Sie wartete drei Minuten. Fünf. Sieben.

Es hatte ihn niemand entführt, oder? Sie hätte sich ankündigen sollen. Nein, hätte sie nicht. Offiziell arbeitete er aktuell für sie und sollte als Medic eigentlich erreichbar sein. Was, wenn Crash aus Versehen jemanden beim Training verwundete?

„Heidenstein?"

Natürlich antwortete er nicht.

„Verfickter Idiot", murmelte sie. Es wurde ihr neuer Spitzname für ihn. Verdient.

Sie nahm ihr Handy heraus, schrieb ihm eine Nachricht. Wartete. Weitere zwei Minuten. Drei. Vier. Keine Antwort.

Sie seufzte und stand auf. Sie hatte besseres zu tun. Warum war sie extra hier heraus gefahren? Doch warum hatten die beiden Wachen sie runtergelassen, wenn er nicht hier war? Wenn er nicht da war, war die Straßenklinik geschlossen. Also  ...

Sie trat auf den Flur heraus und blickte sich noch einmal um. Sie hatte ein seltsames Gefühl. Dann kam ihr ein Gedanke.

Gegenüber dem Werkszimmer war sein Refugium, sein „Magiezimmer". Sie ging zur Tür, lauschte. Es brannte kein Licht – jedenfalls sah sie keins unter der Tür – doch musste das nichts heißen. Wenn er ein Ritual wirkte, würde er Kerzen als Lichtquelle benutzen. Wie die meisten Magier. Aus Tradition. Wahrscheinlich aus Tradition. Was verstand sie schon davon? Sie wusste, wie ihre eigene Magie funktionierte, selbst wenn sie von ihren Fähigkeiten nur selten als Magie dachte. Mehr musste sie nicht wissen. Mehr brauchte sie nicht. Echte Magie war seltsam, unlogisch und oft auch etwas gruselig.

Sie klopfte an der Tür. Keine Antwort.

Für zwei oder drei Sekunden hielt sie inne, zögerte. Dann gab sie den Code in das Keypad ein und öffnete die Tür. Sie drückte sie auf und fand tatsächlich Heidenstein, in tiefer Meditation versunken, vor dem magischen Kreis kniend.

Es war seltsam ihn so zu sehen. Er war gänzlich weggetreten. Sollte sie ihn ansprechen oder würde das magische Nebenwirkungen mit sich bringen?

Unsicher blickte sie sich um, schloss dann die Tür und hockte sich hin.

Heidenstein trug nur ein T-Shirt und eine kurze Hose. Nicht unbedingt das, was man von einem Magier erwartete. Beides schien vor allem nach Bequemlichkeit ausgewählt zu sein. Das T-Shirt war ausgeleiert, die Hose verbleicht. Jedenfalls wirkte es durch das blasse Licht der Kerzen so.

Im magischen Zirkel lagen drei Gegenstände. Ein Armband, ein Spiegel und eine schwarze, brennende Kerze.

Was auch immer er damit vorhatte. Zumindest war keine Blutmagie involviert.

Meistens dachte sie über ihn nicht als Magier, selbst wenn sie wusste, dass er magische Heilung beherrschte. Es war dennoch klar, dass er vor allem ein Mann der Wissenschaft war. Er, mit seinem hochgebildeten Oxfordenglisch.

Sie seufzte leise und wartete. Warum wartete sie eigentlich? Das einzige, was sie hier tun konnte, war über die verschiedenen Möglichkeiten, wie ihr kleiner Ausflug auf die vermeintliche Ölbohrinsel schief gehen konnte, nachzudenken.

Sie hatte die Bilder gesehen, die ihr Auftraggeber mithilfe von Drohnen aufgenommen hatte, und was sie gesehen hatte, hatte ihr gar nicht gefallen. Es gab viel Sicherheit. Zu viel um ungesehen daran vorbei zu kommen. Sie würden auf irgendeine Art die Konfrontation suchen müssen. Und sie mochte diesen Gedanken nicht.

Die Flamme der schwarzen Kerze verlosch.

Heidenstein ließ einen tiefen Atemzug hören und öffnete die Augen. Er blinzelte, als er sie bemerkte. „Pakhet?"

Sie schreckte aus ihren Gedanken auf. „Hey, Doc." Sie schenkte ihm ein mattes Lächeln.

„Was machst du hier?", fragte er.

„Nach dir schauen?" Sie zuckte mit den Schultern. „Was machst du da?"

Er lächelte, offenbar froh, dass sie fragte. „Ich habe etwas versucht."

„Aha?" Fragend musterte sie ihn.

Er stand auf, ging zum Lichtschalter und machte das Licht im Zimmer wieder an, ehe er die Kerzen eine, nach der anderen löschte. „Ich habe versucht, ein Artefakt herzustellen."

„Versucht?" War das nicht Alltag für einen Magier?

„Ich bin darin nicht besonders gut", gab er zu. Er wandte sich ihr zu, lächelte und fuhr dann mit den Kerzen, die im Regal standen, fort. Er löschte sie, indem er den Docht ausdrückte.

„Aha." Was wusste sie schon über Magie?

Er lachte leise, wohlwollend. „Ich habe ein paar Tage damit verbracht, alles vorzubereiten, aber  ..." Er räusperte sich.

„Komm zum Punkt."

„Schon gut." Er sah sie an, kehrte zum Kreis zurück und hob das Armband auf. Zögerlich machte er es am Arm fest, beinahe, als rechnete er damit, dass es explodieren würde. Er schloss die Augen, holte tief Luft und  ... verschwand. Er war wirklich verschwunden.

Teleportation?

Sie runzelte die Stirn. Nein. Etwas anderes.

Jemand berührte sie an der Schulter. Heidenstein. Natürlich.

Sie sah zu ihrer Seite und wenn sie die Augen zusammenkniff, konnte sie seine Umrisse im Licht der Lampe ausmachen. Es war eine Illusion.

„Unsicherbarkeit", stellte sie fest.

„Ja", antwortete seine Stimme. „Ich habe lange dafür gebraucht." Er wurde wieder sichtbar. „Der Nachteil ist, dass es aufladen muss."

„Aufladen?" Sie hob eine Augenbraue.

„Sonnenlicht."

Sie lachte. Sie konnte einfach nicht anders. „Ein solarbetriebenes Artefakt?"

Er musterte sie lächelnd. „Magie hat halt immer irgendeinen Nachteil."

„Nein." Noch immer lachte sie leise. „Magie ist einfach immer ein wenig seltsam."

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