[19.03.2011 - D01 - Medic]

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Auch wenn außen vor dem Bürogebäude das Schild dem „normalen Menschen", der eventuell daran vorbei fuhr oder mit dem Hund vorbei spazierte, weismachen wollte, dass sie eine einfache Firma für private Sicherheit waren, so war die Realität eine andere. Zwar nahmen normale Sicherheitsaufträge an, jedoch waren die meisten Aufträge eher delikater Natur: Militärunterstützung, Spionage, speziell Betriebsspionage, Auftragsmorde, Erpressungen, sowie eher ungewöhnlichere Jobs, wie Exorzismen und das vertreiben von andere, paranormalen Kreaturen, oft von belebten Orten.

Was diese Einsätze zumeist gemeinsam hatten, war, dass sie mit allerhand Gesundheitsrisiken einher gingen. Von der üblichen Gefahr einem Unfall zum Opfer zu fallen einmal abgesehen, sah man sich relativ regelmäßig als Ziel von Waffen jedweder Art, von Magie und ab und an auch von Monstern, die entweder territorial waren oder Menschenfleisch für schmackhaft hielten.

Kurzum: Es hatte einen Grund, warum sie einen eigenen, kleinen Krankenflügel hatten, warum mehrere Ärzte für sie arbeiteten und warum manche dieser Ärzte, so genannte Medics, auf gefährlich eingestufte Einsätze mitkamen. Auch wenn Michael nie besonders betroffen davon war, so waren Tote oder eingeschränkte Angestellte, mit finanziellen Ausfällen verbunden – und daran hatte er Interesse.

Entsprechend waren die Ärzte gut bezahlt. Viele von ihnen hatten, wie auch die einfachen Söldner, einen Militärhintergrund, wussten entsprechend mit einer Waffe umzugehen.

Die „medizinische Abteilung" befand sich im Erdgeschoss in der nordöstlichen Hälfte des Gebäudes. Wenn man einmal mithilfe der Mitarbeiterkarte die Sicherheitstür vor dem Gebäudeabschnitt passiert hatte, konnte man den Eindruck bekommen, sich in einem Krankenhaus zu befinden. Die Flure waren breiter, als im Rest des Gebäudes, der Boden mit demselben PVC belegt, wie man es meistens im Krankenhaus fand. Einzig die Schilder, die in Krankenhäusern die Räume und Abteilungen ausschilderten, fehlten. Dasselbe galt für eine Rezeption, doch Pakhet wusste, wohin sie sollte.

Sie wandte sich, kurz nachdem sie die Abteilung betreten hatte, nach rechts und klopfte an der zweiten Tür. Ohne auf eine Antwort zu warten, betrat sie den Raum – das Untersuchungszimmer, in dem man zu jeder Zeit mindestens zwei Ärzte auffand.

Den Krankenhausverordnungen hätte dieses Zimmer trotz oberflächlicher Ähnlichkeit nicht entsprochen. Es gab, wie in den Ambulanzen vieler Krankenhäuser mehrere Liegen, um die herum Vorhänge gezogen werden konnten, die üblichen weißen Schränke, in denen das medizinische Equipment aufbewahrt wurde, und zwei Schreibtische mit Computern, alles übliche Einrichtung. Doch war es in Krankenhäusern für gewöhnlich verboten in den Behandlungsräumen zu essen und hier fand sich eine Kaffeemaschine, mitten auf einem der unteren Schränke, und Dr. Heath, eine der beiden Ärzte, aß in Ruhe einen Donut.

Dr. Heath war eine dunkelhäutige Frau, die Pakhet auf Anfang vierzig schätzte. Das kurze krause Haar der Ärztin war – ähnlich wie Pakhets kurze Stoppeln – rot gefärbt. Ihr Gesicht war faltig und eine Narbe an ihrem Kiefer verriet, dass sie als Medic tätig gewesen war. Mittlerweile arbeitete sie jedoch ausschließlich vor Ort.

Der andere Arzt arbeitete an einem der beiden Rechner. Das musste der Neue sein, von dem Michael gesprochen hatte. Ihn schätzte sie um die fünfzig. Sein Haar musste einst dunkel gewesen sein, war jetzt jedoch von grau-weißen Stoppeln durchsetzt. Sein Gesicht war kantig, aber auch faltig. Er wirkte müde.

Die meisten Ärzte, die hier anfingen, waren bereits am Ende ihrer Karriere angelangt.

Dr. Heath hob den Kopf. „Pakhet." Sie musterte sie. „Was kann ich für dich tun?"

Von dem Streifschuss war nichts zu sehen. Aufgrund der Jahreszeit trug Pakhet einen einfachen, dunklen Pullover, der das Pflaster verdeckte. Sie war daran gewöhnt, sich die Folgen von Verletzungen nicht anmerken zu lassen.

Sie setzte ein distanziertes Lächeln auf. „Mr Forrester schickt mich, wegen einer Verletzung vom letzten Einsatz", erklärte sie. „Streifschuss."

Dr. Heath nickte stumm und stand auf. „Ich schaue es mir an." Mit dem Kopf deutete in Richtung der ersten Liege.

Pakhet kam der unausgesprochenen Aufforderung nach, ging zur Liege hinüber und wartete auf die Ärztin, zog sich bereits den Pullover aus. Sie trug einen schwarzen Sport-BH drunter, entblößte sich daher nicht vollständig. Wie so oft bliebt der Pullover beim Ausziehen an den Gurten ihrer Armprothese hängen, doch Dr. Heath kannte sie gut genug, um ihr keine Hilfe anzubieten.

Stattdessen wartete die Ärztin, bis der Pullover ausgezogen war und Pakhet auf der Liege saß.

„Was ist genau passiert?", fragte Dr. Heath, während sie begann, das Pflaster, das an Pakhets rechter Schulter anlag, abzuziehen.

„Es gab einen Hinterhalt", erklärte sie knapp. „Jemand hat den Fluchtwagen gesprengt." Eine Tatsache, die ihr noch immer zu Denken gab. Wer sollte es wann getan haben? Vielleicht war es auch eine Granate gewesen, die sehr glücklich gelandet war – oder ein Zauber. „Ich musste zu Fuß fliehen. Verfolger haben auf mich geschossen. Daher der Streifschuss."

„Seither irgendwelche Auffälligkeiten?"

Pakhet deutete ein Kopfschütteln an.

Die Ärztin schwieg und knipste die Lampe über der Liege an, um sich die Wunde unter dem Licht genauer anzusehen. „Sieht nicht dramatisch aus", schloss sie nach einer knappen Untersuchung. „Es braucht keine Stiche. Ich werde die Wunde aber neu auswaschen."

„In Ordnung." Pakhet nickte, während sie zu dem neuen Arzt hinübersah.

Sein Blick ruhte auf ihr. Als er jedoch bemerkte, wie sie ihn fixierte, wandte er sich rasch ab. Wahrscheinlich hatte er die Gurte bemerkt und daher ihren Arm genauer in Augenschein genommen. Jetzt aber, tippte er weiter, die Augen auf den Bildschirm des Rechners gerichtet.

„Irgendwelche anderen Wunden?", fragte Dr. Heath, während sie destilliertes Wasser, Jod und Salbe, sowie Pflaster und Topfer aus dem Schrank holte. „Irgendwelche Probleme wegen der Explosion? Klingeln in den Ohren? Desorientierung?"

Es war nicht das erste Mal gewesen, dass Pakhet zu nahe bei einer Explosion gestanden hatte. Es würde auch nicht das letzte sein. Sie kannte die Gefahren, die üblichen Symptome, wusste, worauf sie achten musste. „Nein. Nichts."

„Gut." Die Ärztin begann mit ihrer Arbeit. „Dann werden Sie keine weiteren Probleme haben."

Pakhet nickte wieder stumm und wartete. Noch einmal blickte sie zum neuen Arzt hinüber, sagte aber nichts. Sie fragte sich, ob er sie auf die Prothese ansprechen würde, wie es zu viele taten. Für den Moment jedoch schwieg er.

Während sie darauf wartete, dass Dr. Heath ihre Arbeit beendete, wanderte Pakhets Blick zur Kaffeemaschine. Vielleicht sollte sie sich einen Kaffee schnorren – doch auf der anderen Seite würde ein Kaffee mit Gesprächen einher gehen, die sie zu vermeiden mochte. Davon abgesehen, wartete zuhause ihre Kaffeemaschine und vor allem ihr Kaffee auf sie, der sehr wahrscheinlich von weit höherer Qualität war, als das hier verwendete Pulver. Also würde sie warten, bis sie daheim war.

Keine fünf Minuten später war die Wunde neu versorgt und mit einem neuen, wasserfesten Pflaster bedeckt.

„Ich gebe Ihnen Ersatzpflaster mit", sagte Dr. Heath. „Und eine Salbe."

„Danke." Pakhet nickte. „Sonst noch etwas?"

Die Ärztin schüttelte den Kopf. „Nein. Von meiner Seite aus nicht."

„Gut." Damit zog sie sich den Pullover wieder über und bewegte vorsichtig die Schulter, um sicher zu gehen, dass das Pflaster sie nicht behinderte. Dann wartete sie darauf, dass Dr. Heath ihr die versprochenen Pflaster gab, auch wenn sie zu Hause genügend hatte.

„Danke", meinte sie, als sie schließlich Pflaster und Salbe in der Hand hielt. „Dann will ich nicht weiter stören."

Die Ärztin nickte. „Gute Besserung."

„Danke." Damit schritt sie zur Tür.

Zwar sah der neue Arzt noch einmal auf, sagte aber nichts, und so verließ sie ohne ein weiteres Wort das Zimmer.

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