[24.05.2011 - D12 - Krankenschwester]

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Der Fernseher lief, als die Tür zum improvisierten, fensterlosen Wohnzimmer geöffnet wurde.

„Du bist noch immer hier?", fragte Heidenstein matt.

Pakhet blinzelte. Sie brauchte einen Moment, bevor ihr klar wurde, dass sie beim Fernsehschauen am Abend zuvor eingeschlafen sein musste. Verdammt. Sie hatte eigentlich wachbleiben wollen, um nach ihm zu sehen. Immerhin war sie sich der Gefahr eines Wundschocks bewusst.

„Ja", erwiderte sie.

Ein mattes Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht, ehe er vorsichtig durch das Zimmer schlurfte und im Badezimmer verschwand.

Pakhet setzte sich auf und rieb sich die Augen. Erst jetzt merkte sie, wie steif ihr Nacken geworden war. Die Couch war nicht sonderlich bequem gewesen, hatte dank ihrer Müdigkeit jedoch dennoch gereicht.

Mit einem Seufzen schaltete sie den Fernseher, der einen Dokukanal zeigte, aus. Sie wartete.

Die Toilettenspülung im Bad rauschte, dann hörte sie Wasser laufen und ein leises, schmerzerfülltes Fluchen. Es dauerte eine Weile, aber schließlich öffnete sich die Tür und Heidenstein schleppte sich in sein Zimmer zurück.

Ironischerweise wirkte er jünger, als am Abend zuvor. Das Make-Up schien er abgewaschen zu haben.

Sie kommentierte es nicht.

In der Tür zu seinem Zimmer hielt er inne. „Danke für gestern."

Sie grunzte zur Antwort, zuckte mit den Schultern. Sie wandte den Blick ab. Es war ihre Schuld gewesen, dass es überhaupt passiert war. „Wie fühlst du dich?"

„Als hätte ich auf einem Stachelschwein geschlafen", meinte er. Sein Humor war schnell zurückgekehrt. Er seufzte. „Besser. Wirklich. Danke."

Ein weiteres Schulterzucken war ihre Antwort. „Soll ich dir etwas Frühstück machen?"

„Das würdest du tun?" Er wirkte amüsiert.

„Ja", murmelte sie, stand auf, um sich in die Küche zu schleppen. Bisher hatte sie hier nie gegessen, auch wenn sie mittlerweile vier Mal hier übernachtet hatte. Alles, was sie jedoch wusste, war, wo der Kaffee war. Und das auch nur, weil sie ein eigenes Paket Päckchen im Kabinett über dem Herd deponiert hatte. Heidenstein hatte bis dahin billigen Instantkaffee getrunken. Widerlich!

Also setzte sie Wasser auf, bereitete einen Kaffeefilter vor und durchsuchte dann die Schränke nach Brot und Aufstrich. Im Kühlschrank fand sie alles. Auch Butter, Käse und Wurst. Und Tomaten. Nach kurzem Zögern verarbeitete sie ungeschickt all das zu Sandwiches. Zwar hatten diese einige eingerisse Ränder, würden aber essbar sein.

Und so brachte sie einen Teller und eine Tasse Kaffee in sein Zimmer.

„Danke", meinte er, während er sich vorsichtig aufrichtete und ein Kissen so in seinen Rücken legte, dass es ihn etwas abpolsterte.

Unterbewusst notierte sie, dass er junger aussah als normal. Schminkte er sich auf älter?

„Bitte."

Er lachte leise. „Wow."

Pakhet hob eine Augenbraue, musterte ihn. „Was?"

„Es ist ungewöhnlich, dass du so freundlich bist, ohne nicht mindestens einen zynischen Spruch hören zu lassen." Er lächelte.

Sie seufzte und kehrte in die Küche zurück, um sich ihre eigene Portion zu holen. Als sie mit dieser auf dem Stuhl neben seinem Bett saß, seufzte sie noch einmal. „Doc. Es tut mir leid, was gestern passiert ist."

„Was?", fragte er.

Verarschte er sie? „Die Granate."

Er lächelte matt. „Pakhet. Du hast versucht, mir den Arsch zu retten. Das verstehe ich." Sein Lächeln wandelte sich in ein Grinsen. „Auch wenn du dadurch mir besagten Arsch mit Splittern durchlöchert hast."

Für einen Moment war sie nicht sicher, ob sie lachen sollte. Sie verdrehte die Augen. „Das mag sein, aber ich habe einen Fehler gemacht und dich damit beinahe umgebracht."

„Und du bist zurückgekommen, um mich da raus zu holen", erwiderte er. Er seufzte, als sie nichts erwiderte. „Pakhet. Du bist auch nur menschlich. Vielleicht hast du dich mit der Granate verschätzt, aber hättest du sie nicht geworfen, hätten die Biester mich erwischt. Tot per Granate klingt immer noch angenehmer, als bei lebendigem Leib gefressen zu werden."

Sie stöhnte frustriert – über ihn oder sich selbst? „Dennoch. Es tut mir leid."

„Schon gut", antwortete er. Vorsichtig nahm er einen Schluck Kaffee und lehnte sich wieder entspannter zurück.

Sie tat es ihm gleich und biss dann in das erste ihrer Sandwiches rein. Obwohl die Tomaten zu wässrig waren, war es genießbar.

Schließlich war es Heidenstein, der wieder ein Gespräch anfing. „Du hast also medizinisches Training?" Als sie nicht antwortete, fügte er hinzu: „Warum hast du das nie erwähnt?"

„Weil ich kein ‚Training' in der Hinsicht habe. Ich habe nur oft genug mich selbst und andere zusammengeflickt." Und sie hatte eine entsprechende militärische Grundversorgung. „Ich hätte dich gestern besser zur Zentrale zurückbringen sollen."

„Warum hast du es nicht getan?", fragte er.

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich war leicht panisch."

Heidenstein lachte leise. „Nun, ich bin nicht gestorben und es scheint, als hätte ich auch keine Schwermetallbelastung."

„Du nimmst das ganze zu leicht", meinte sie und schüttelte matt mit dem Kopf.

„Ich überspiele den Schmerz mit Humor", antwortete er. „Was ich sagen will: Was du gestern gemacht hast, war erstaunlich professionell – für jemand, der kein Arzt ist und nur einen Arm hat."

„Ich musste dich auch nur davon abhalten, dich mit einem Zauber selbst umzubringen", erwiderte sie.

„Das tut mir leid", meinte er. „Worauf ich hinauswill: Du hättest vorher mal was sagen können. Ich könnte ab und an ein wenig Hilfe gebrauchen."

„Ich bin normal froh, dass du dich um Wunden von etwaigen Idioten kümmerst."

„Hilfe wäre dennoch praktisch. Und  ... Vielleicht könnte ich dir das ein oder andere noch zeigen."

Worauf wollte er eigentlich hinaus? Wollte er sie zu seiner Krankenschwester machen? Sie seufzte. „Mal sehen." Dann wechselte sie das Thema. „Ich werde dir nachher etwas Schmerzmittel holen. Hast du jemanden, der rüberkommen kann, um auf dich aufzupassen?"

Heidenstein sah sie an, zögerte, schüttelte aber den Kopf. „Ich fürchte nicht."

Wieso hatte sie es nur geahnt? „Ich muss das verdammte Artefakt zu Michael bringen. Danach hole ich ein paar Sachen aus meinem Haus und komme zurück." Was hatte sie auch sonst für eine Wahl? Jemand musste sich um ihn kümmern, solange er noch verletzt war. „Kannst du solange allein bleiben?"

Er lächelte, nickte. „Ich denke schon."

Idiot.

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