[08.04.2011 - T01 - Konflikt]

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„Warum bringen wir ihn nicht einfach um?", fragte Orion. „Er hat unsere Gesichter gesehen."

Pakhet schloss die Augen und zwang sich tief durchzuatmen. „Weil wir explizit beauftragt wurden ihn morgen wieder gehen zu lassen."

„Ja, und?" Der Magier funkelte sie an. „Es war halt ein Unfall."

Sie konnte nicht glauben, dass sie diese Diskussion führen mussten. Wie unprofessionell konnte man sein? Sie schnaubte. Gerne hätte sie ihm vorgehalten, dass ihre Auftraggeberin vom MI6 war, dass sie ernsthafte Probleme hätten, wenn sie diesen Auftrag vermasselten. Doch sie verkniff sich diese Bemerkung.

„Jetzt streitet euch doch nicht." Spider trat zwischen sie. Der gerade einmal 20jährige wirkte sehr jugendlich. Man hätte ihn äußerlich kaum für mehr als einen Teenager gehalten. Wahrscheinlich weil er unterernährt war. Er war hager, wirkte schlacksig und sein blondes Haar war so hell, dass es beinahe weiß wirkte. „Wir wurden beauftragt, ihn morgen laufen zu lassen, also lassen wir ihn morgen laufen."

Für jemanden, der an dem Plan beteiligt war, das Gebäude in die Luft zu jagen, klang er ja fast vernünftig.

„Können wir mit ihm reden?", fragte derweil Mik. Wie Spider war er dünn, wirkte aber kräftiger. Er konnte nicht mehr als Spiders Halbbruder sein, denn seine Haut war dunkel, sein Haar schwarz und kraus.

Pakhet musterte ihn. „Worüber?"

„Na, warum wir ihn überhaupt festhalten sollen", meinte Mik. „Wäre doch interessant."

„Wäre es nicht", erwiderte sie kühl. „Es geht uns nichts an."

„Fuck, Lady, du hast einen verdammten Stock im Arsch", warf Orion ein.

„Und du hast gleich eine Kugel in der Schulter, wenn du nicht die Klappe hältst."

Der Magier – selbst gerade einmal Mitte zwanzig, aber mit kurzem braunen Haar und ebenso kurzem braunen Goatie – gab ein verächtliches Geräusch von sich. Seinem Dialekt nach, war ursprünglich aus Australien. Warum hatte er hierher kommen müssen? „Muss ich mir echt etwas von einem Krüppel sagen lassen?"

Heidenstein, der die ganze Zeit bei ihrem vorübergehenden Gefangenen gesessen hatte, den sie mit auf den Rücken gefesselten Armen und mit einem Sack über den Kopf in der Ecke der Garage abgelegt hatten, stand auf. „Es reicht, Orion."

„Sagt wer?", erwiderte der Magier, der sich offenbar in Rage geredet hatte.

„Sage ich", entgegnete Heidenstein sachlich und hatte die Hand an seiner Waffe.

„Oder was?" Orion musterte ihn herausfordernd. „Sonst haust du mir einen Betäubungspfeil rein? Oh, ich zittere schon vor Angst."

„Ich habe auch andere Sachen im meinem Repertoire. Willst du sie ausprobieren?" Die Stimme des Medics klang freundlich, zuvorkommend.

Es war ihm und seiner kleinen Pfeilpistole zu verdanken gewesen, dass sie den Mann, der unter dem Decknamen Sebastian McDall agiert hatte, überhaupt hatten stellen können. Denn ganz offenbar war McDall vorgewarnt gewesen, als sie gekommen waren. Da ihr Auftrag gewesen war, ihn nach Möglichkeit nicht zu verletzen, wäre es ohne den Betäubungspfeil weit komplizierter geworden.

Pakhet war von der Pistole beeindruckt. Wenngleich das Gerät deutlich größer war, als eine übliche leichte Pistole, so hatte sie doch eine bessere Reichweite und Genauigkeit, als sie es in der Vergangenheit bei anderen Pfeilpistolen gesehen hatte. Sie fragte sich, woher er diese Waffe hatte.

Orion funkelte ihn an.

„Ich sage dir was", meinte Pakhet und gab ihrer Stimme einen festen, aber auch leicht wütenden klang. „Entweder du spielst mit oder du gehst. Ich bin aktuell die Leiterin dieses Teams und habe keine Lust, mich mit deinen Kindereien abzugeben. Du kannst von mir aus gehen. Wir brauchen dich nicht mehr. Aber wenn du ihm" – sie zeigte auf McDall – „nur ein Haar krümmst, dann kannst du froh sein, wenn ich nur dafür sorge, dass du gefeuert wirst." Sie starrte ihn für einen langen Moment an, wohl wissend. „Also: Bleib oder Geh. Aber halt dich an den Auftrag."

Die untere Lippe des Magiers zitterte, als er sie aus seinen grauen Augen ansah. Er zog die Nase an, als wäre er angeekelt und für einen Moment glaubte sie, dass er etwas versuchen würde. Er beließ es bei einem wütenden Schnauben, drehte sich auf dem Absatz um und stampfte zur Tür der kleinen Garage, die zu einem verlassenen Firmengelände am Rand der Stadt gehörte. „Dann gehe ich, Bitch", verkündete er und marschierte durch die Tür, um sie einen Moment später hinter sich zuzuknallen.

Sehr erwachsen.

Pakhet holte tief Luft und wandte sich Mik zu. „Und wir werden auch nicht mit ihm reden."

Mik verdrehte die Augen und lehnte sich gegen die Werkbank am Rand der Garage. „Von mir aus."

„Sonst noch jemand?", fragte sie und schaute die verbleibenden drei an. Von Heidenstein erwartete sie keine Widerworte. Er schien ihr zuzustimmen. Anders sah es mit Agent aus.

Dieser saß jedoch mit seinem Laptop auf einem Campingstuhl und schenkte ihr keine größere Aufmerksamkeit.

Stille senkte sich über die Garage, ehe Spider die Hand hob, als wäre er in der Schule.

Sie seufzte. „Ja?"

„Wenn wir die Nacht über auf ihn aufpassen", meinte er, „darf ich dann vorher etwas zu essen holen."

Noch einmal schloss sie die Augen. Atmete durch. Seufzte. „Mach."

Er grinste. Dann zögerte er.

„Was?"

Verlegen sah er sie an. „Kannst du mir etwas Geld leihen?"

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