[07.08.2011 - R04 - Angespannt]

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Zwei Tage später saß sie mit Robert zusammen in ihrer Wohnung vor einem Fernseher, wo sie einen dieser Comic-Filme zum wahrscheinlich zwanzigsten Mal gemeinsam sahen und dabei Pizza aßen.

Es tat unbeschreiblich gut, Robert hier zu haben. Robert, um den herum, sie nicht aufpassen musste, wie sie reagierte. Robert, bei dem sie absolut sicher sein konnte, dass er sie nur als Freundin sah. Sie konnte mit ihm scherzen, konnte mit ihm lachen, konnte mit ihm reden, ohne sich Sorgen zu machen, ob er sie falsch verstand.

Wie immer regte sich Pakhet während des Films über verschiedene Sachen, vor allem aber den Umgang mit Waffen auf. Filme waren einfach absolut unfähig Pistolen korrekt darzustellen. Entweder trafen die Leute – meistens, wenn sie Bösewichte waren – nichts oder die Waffen waren immer zu hundert Prozent präzise und töteten jeden der getroffen war sofort. Bitte, wie sollte man das ernst nehmen?

Dann würde sich Robert darüber lustig machen, dass sie darüber zu viel nachdachte.

Schließlich rollten die Credits wieder über den Bildschirm, während im Hintergrund irgendein Iron Maiden Song spielte. „Rule of Cool", nannte man das wohl.

„Was?", fragte Robin, als sie an dem kalten Tee, den sie ausnahmsweise trank, nippte.

Irritiert sah sie ihn an. „Was ‚was'?"

„Du schaust aus, als würde dich etwas ärgern?", meinte er.

Sie zuckte mit den Schultern und beobachtete stumm die weißen Zeilen, wie sie zum oberen Rand des Bildschirms wanderten und dort verschwanden.

Für eine Weile sagte Robert nichts, doch als die Credits schließlich beim „Second Unit Catering" angekommen waren, schaltete er den Fernseher aus und musterte sie. „Gibt es etwas, worüber du mit mir reden willst?"

Musste er denn darauf rumhacken? Sie zuckte wieder mit den Schultern. „Ich wollte nur noch einmal sagen, dass es mir leidtut", log sie schließlich. „Die letzten vier Wochen und all das."

„Ich frage mich langsam, ob ich mir Sorgen machen soll", meinte er. „Normal hast du immer Zeit für mich und im Moment ..." Er musterte sie misstrauisch, schien sich nicht ganz sicher über eine Sache zu sein. „Bei dir auf der Arbeit ist doch alles okay? Also ... für die Verhältnisse deiner Arbeit gesehen."

„Ja", versicherte sie ihm. „Alles okay. Ich hatte dir doch von dieser Idiotentruppe, die ich trainieren musste, erzählt, nicht?"

Er nickte zur Antwort.

„Die hatten ihre Abschlussprüfung vor drei Wochen, wenn man so will", meinte sie. „Und danach haben wir direkt einen anderen Auftrag reinbekommen." Technisch gesehen war es nur die halbe Wahrheit. Dazwischen war immerhin ein Wochenende gelegen, dass sie bei Heidenstein damit verbracht hatte, mit ihm zu reden und mit ihm Filme zu schauen. Sie hatte in letzte Zeit wirklich zu viel Zeit mit ihm verbracht. „Und dann hatte ich Urlaub und so hat sich das alles ergeben. Keine Probleme, nur viel Stress."

Robert lächelte sanft, auf die für ihn übliche Art. Es hatte etwas Brüderliches. „Ich verstehe schon. Es war nur ein wenig einsam ohne dich."

„Ich fühle mich geschmeichelt", antwortete sie. Auch sie lächelte, wenngleich sie selbst bemerkte, dass ihr Lächeln matt ausfiel.

Sie hatte die Beine angezogen, sich am Sofa angelehnt und sah zur Decke.

„Ist das wirklich alles?", fragte er nach einigen Sekunden.

„Ja." Sie konnte ihm davon nicht erzählen. Er konnte es nicht verstehen. Nein, er würde es wahrscheinlich besser verstehen, als sie selbst es verstand. Robert war mit diesen Sachen – emotionalen, sozialen Sachen – besser, als sie. Er verstand es. „Okay. Nein", flüsterte sie schließlich.

Robert, rückte näher zu ihr, berührte sie aber nicht. Sie kannten sich seit über zwanzig Jahren. Er wusste zu gut, dass sie es nicht mochte. „Was ist passiert?"

Sie bemerkte, wie sie selbst die Lippen schürzte, ganz so, wie es Heidenstein immer tat. Wo sollte sie anfangen? „Bei der Chaostruppe ist ein Kerl." Was für ein Anfang.

„Ein Arsch?", fragte Robert. Er kannte ihre bisherigen Erfahrungen in der Hinsicht nur zu gut. Meistens, wenn sie ihm von einzelnen Kollegen erzählte, war es, weil diese ein übergroßes Ego hatten, manipulative Arschlöcher oder Sexisten waren. Solange sie nicht ihre Persona annahm, in der sie in den Bars an manchen Abenden flirtete, wurde sie – anders, als manche anderen Söldnerinnen – nicht angeflirtet. Doch auch sie durfte sich dumme Sprüche anhören, meistens darauf bezogen, dass Frauen nicht zum Kämpfen geeignet waren. Bullshit, der Bullshit blieb, sie auf Dauer aber auf die Palme brachte.

„Nein", sagte sie. „Eben nicht. Er ist okay. Ich würde ihn sogar als sympathisch bezeichnen."

Robert sah sie an. „Und?"

Jetzt kam wohl die Stelle, an der sie ehrlich sein musste. „Er ist mit der Grund, warum ich so wenig Zeit hatte. Ich habe viel bei ihm rumgehangen und   ..." Sie biss sich auf die Zunge. „Ich kann gut mit ihm reden. Ich rede gern mit ihm."

„Willst du was von ihm?", fragte Robert gerade heraus.

„Nein!" Sie rief das Wort beinahe aus, richtete sich auf. „Sorry", murmelte sie einen Moment später. Sie seufzte. „Nein, ich will sicher nichts von ihm. Aber ich bin mir nicht sicher, ob er was von mir will."

„Hast du mit ihm darüber gesprochen?"

Okay, vielleicht war Robert doch nicht die beste Hilfe. „Ja, natürlich. Er hat mir versichert, dass er versteht, dass ich kein Interesse habe. Aber ich bin mir nicht sicher, ob er es wirklich meint."

„Vertraust du ihm?", fragte Robert.

„Relativ, ja", erwiderte sie. Sie vertraute Heidenstein mehr, als allen anderen Leuten, die sie kannte – mit Ausnahme von Robert vielleicht. Allein dieser Gedanke überraschte sie. Immerhin kannte sie Heidenstein gerade einmal drei Monate. Aber irgendwie ... Er war wohl diese Art von Person, mit der sie gut auskam.

„Vertraust du dann nicht drauf, dass er es wirklich versteht? Selbst wenn er was von dir will, glaubst du, dass es zwischen euch stehen wird?"

„Das ist es ja", murmelte sie. „Ich weiß es nicht." Sie war nie in einer solchen Situation gewesen. Normal hatte sie keine Freunde. Das nächste an einem Freund, dass sie neben Robert hatte, war Smith und sie konnte sich nicht vorstellen, dass eine sowas je mit Smith zustande gekommen wäre, der immerhin fast ihr Vater sein könnte. Natürlich nicht! Allein die Vorstellung war albern.

„Vielleicht solltest du noch einmal mit ihm reden", meinte Robert vorsichtig.

„Ja, vielleicht", erwiderte sie. Sie hasste den Gedanken daran.

Robert schwieg. „Ich fürchte, ich kann dir nicht mehr sagen, ohne ihn zu kennen."

Pakhet nickte. „Ich verstehe schon. Nicht schlimm, Rob."

Er saß neben ihr und schaute auf den nun schwarzen Fernseher, ehe sich noch einmal ihr zu wandte. „Wie heißt der Kerl denn?"

„Doc", erwiderte sie sofort. Dann korrigierte sie sich: „Sein Codename ist Doctor Heidenstein."

„Ganz schön lang", kommentierte Robert.

Wieder machte sich ein mattes Lächeln auf ihren Lippen breit. „Das habe ich ihm auch schon gesagt", meinte sie.

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