[09.05.2011 - X03 - Heidenstein]

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Pakhet hatte die Beine übereinandergeschlagen. Ein Becher Kaffee stand vor ihr auf dem gläsernen Wohnzimmertisch, während sie Fernsehen schaute.

Ihre Prothese lag im Schlafzimmer, um aufzuladen, weshalb der verkrüppelte Rest ihres linken Arms nutzlos zu ihrer Seite hing.

Sie hasste es, doch sie hatte gewusst, dass der Akku der Prothese den Tag nicht überstehen würde. Leider waren die meisten Prothesen darauf ausgerichtet, maximal 24 Stunden ohne Wiederaufladen zu schaffen. Die Tatsache, dass ihre eine Hochleistungsprothese war, änderte daran wenig. Die Akkus waren zwar leistungsstärker, aber die Prothese hatte dafür auch mehr einzelne Motoren, die entsprechend mehr Strom verbrauchten.

Mit einem Seufzen sah sie dem kläglichen Armstumpf hinab, konzentrierte sie dann wieder auf den Fernseher.

Ihr Wagen stand noch immer bei Heidenstein in der Krankenhausgarage. Sie hatten einen Teil der Bleche heute wieder beheben können, jedoch nicht genug, als dass sie hätte in die Innenstadt fahren können, wo so ziemlich jeder zweite Quadratmeter von Sicherheitsfirmen videoüberwacht wurde. Natürlich war sie mitgezogen, auch wenn sie anders als ihre alten, weißen Nachbarn wusste, dass die Wahrscheinlichkeit hier in der Gegend ermordet zu werden, verschwindend gering war.

Kapstadt hatte eine hohe Kriminalitätsrate. Doch diese Kriminalität spielte sich in den äußeren Bezirken und vor allem in den Cape Flats ab.

Pakhet sah zum Bildschirm. In den Nachrichten gab es wenig Neues. Wieder war das Budget der Polizei gekürzt worden. Man hatte kein Geld. In den USA schon wieder ein Drama um das Recht Waffen zu tragen. Ein Bericht über diesen Wikipediarechtsstreit in England.

Eine Sache schwirrte ihr noch immer im Hinterkopf herum: Heidenstein.

Er war verrückt, dass er ihr gezeigt hatte, wo er lebte. Er war wirklich verrückt. Vertraute er ihr oder spielte er nur etwas vor? Mit welchem Ziel? War er wirklich so gutgläubig?

Sie war es zumindest nicht. Zwar hatte sie erlaubt, dass er sie ins Viertel fuhr, jedoch hatte sie sichergestellt, dass er sie fast einen Kilometer von ihrem Haus entfernt absetzte und hatte gewartet, dass er gefahren war, ehe sie ihren Heimweg angetreten hatte.

Sie verstand ihn nicht.

Dennoch gab es da eine andere Frage, die an ihrem Bewusstsein nagte. Wer war er? Wer zur Hölle war er, dass er in einem Krankenhaus, das nicht wirklich in Betrieb zu sein schien, lebte. Warum hatte er überhaupt eine Straßenklinik in einem Krankenhaus in den Flats? Da draußen war doch alles, was Klinik war, effektiv eine Straßenklinik. Niemand kontrollierte sie. Niemand käme auf die Idee. Man konnte da draußen keine Klinik betreiben, ohne von zumindest einer größeren Gang Schutz zu bekommen oder viel Geld in private Sicherheit zu stecken.

Aber wer war er, dass er in dem Krankenhaus lebte?

Er vertraute ihr. Sie sollte ihm nicht hinterher spionieren und trotzdem konnte sie sich kaum beherrschen.

Sie holte ihr zweites Handy heraus, das sie beinahe ausschließlich nutzte, um auf das Internet zuzugreifen. Es hatte den Vorteil, dass es sich leicht mit nur einer Hand bedienen ließ. Und so lehnte sie sich auf dem Sofa zurück und legte die Füße auf den Tisch, bevor sie den Namen des Krankenhauses in die Suchleiste eingab: „Anderson Hospital, Kapstadt".

Natürlich fand sie die Adresse des Krankenhauses. Sogar eine funktionierende Webseite. Damit hätte sie nicht gerechnet. Nicht bei einem Krankenhaus in den Flats. Doch ja, da war eine Webseite, wenngleich diese zuletzt vor einem Jahren geupdated war.

Sie zeigte das Krankenhaus und das Gelände in einem gänzlich anderen Zustand. Neuer. Gepflegter, als das was Pakhet da draußen gesehen hatte. Offenbar hatte man damals noch Geld gehabt. Oder vielleicht war es, bevor diverse Gangs die halbe Inneneinrichtung auf der Suche nach Drogen oder entsprechenden Zutaten zerlegt hatten.

Nach einigem herumklicken auf der Webseite, die den üblichen Eindruck eines Krankenhauses vermittelte, fand sie den Betreiber: Eine Pharmazeutikfirma. ABC Technologies.

Was ein einfallsreicher Name.

Kurz überlegte sie, zuckte dann sie mit den Schultern, als sie den Gedanken verwarf, dass es sich nicht lohnte.

Sie suchte nach dieser Firma. ABC Technologies.

Sie fand einen Eintrag. Eine Webseite. Ebenfalls schon seit über einem Jahr nicht wirklich geupdated. Warum?

Dennoch konnte sie einige Sachen daraus lesen: Die Firma war erst vor acht Jahren in den UK gegründet worden. Sie hatte sich auf Pharmazeutik, genauer auf Gentherapien spezialisiert. Auch investierte sie aktiv in der Forschung und in dem Aufbau einer medizinischen Infrastruktur in weniger ausgeprägten Ländern und Gegenden.

Das erklärte das Anderson Hospital.

Sie suchte weiter und stolperte über einige ältere Zeitungsartikel. Warum las sie den Kram eigentlich?

Letzten Endes konnte sie ohne ihren Arm ohnehin nicht viel tun. Training hatte keinen Sinn und es war spät. Heute würde sie auch nicht mehr arbeiten und wirklich Lust auf Fernsehen hatte sie nicht. Also konnte sie lesen.

Nach und nach setzte sich ein Bild in ihrem Kopf über die soweit kurze Geschichte der Firma zusammen. Sie war vor acht Jahren von einem Dr. Anderson gegründet worden, nachdem dieser eine neue Art der genetischen Behandlung einer bestimmten Krebsart entdeckt hatte. Dieser Dr. Anderson hatte ursprünglich bei der Konkurrenzfirma Westa gearbeitet. Trotz des stark von wenigen Firmen beherrschten Marktes, hatte es die Firma geschafft, recht schnell erfolgreich zu sein. Laut einem Marktforscher vor allem dank Investitionen in den aufstrebenden asiatischen Markt. Und dann war, vor zwei Jahren der Gau gekommen: Westa hatte Klage gegen Anderson erhoben. Er hätte Forschung von innerhalb der Firma gestohlen.

Das Gericht hatte ihnen Recht gegeben. Er hatte Wiedergutmachungen zahlen müssen. Genug, um eine mittelgroße Firma zu ruinieren. Der Grund, schloss Pakhet, für die fehlenden Updates im letzten Jahr: Die Firma hatte kein Geld mehr, viele Leute anzustellen. Wenn überhaupt jemanden.

Leider fand sie dazu keine Daten. Selbst auf Wikipedia nicht.

Dafür fand sie einen Artikel über Dr. Anderson. Der Typ war offenbar eins dieser jungen Genies. Er hatte mit 21 bereits seinen Doktortitel gehabt, hatte die Firma mit 27 gegründet. Und war dann mit 35 bereits ruiniert gewesen. Eine echte Sternschnuppe.

Sie betrachtete das Bild des Mannes. Ein veraltetes Bild von einer Messe 2007. Ein junger, energetisch wirkender Mann mit kurzem, schwarzen Haar, das bei nur wenigen Millimetern mehr kraus gewesen wäre. Er wirkte groß und für einen Arzt kräftig.

Ihr Blick glitt über seinen Lebenslauf. Er hatte nach dem Studium eineinhalb Jahre in Kenia verbracht. Sozialarbeit.

Was wohl aus ihm seit dem Ruin seiner Firma geworden war? Hatte er persönlich Heidenstein das Krankenhaus vermietet? Oder wurde es jetzt von jemand anderen verwaltet.

Ein Gedanke kam ihr. Sie musterte auf das Bild genauer und schüttelte den Kopf.

Nein. Heidenstein war zu alt. Er war mindestens fünfzig und nicht Ende dreißig.

Aber, warf eine dünne Stimme in ihrem Hinterkopf ein, es war nicht neu, dass Menschen unter enormen Stress rapide altern konnten.

Dann wiederum  ... Sie hatte gesehen, wie Heidenstein Magie eingesetzt hatte und ein Magier war nicht Firmenbesitzer, oder? Ein Magier würde nicht Pharmazeutik und Medizin lernen, wenn er magisch heilen konnte. Oder?

Sie könnte ihn danach fragen. Doch dann wiederum  ... Warum sollte sie? Es ging sie letzten Endes nichts an.

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