[16.05.2011 - D08 - Privatauftrag]

15 3 0

Der kleine Besprechungsraum im Erdgeschoss der Zentrale sah aus, wie man es wohl von einem Besprechungsraum in einem Bürogebäude erwartet hätte: Sechs schwarze Tische in einer Hufeisenform, Stühle, Projektor, weiße Wände, große Fenster, durch die Paarden und den dahinter liegenden Hafen zu sehen war. Man hätte einen ähnlichen Raum wohl in diversen Bankfilialen und Computerfirmen gefunden.

Allerdings wurden weder in Bankfilialen, noch in Computerfirmen Überfalle, Entführungen, Morde oder auch nur groß angelegte Sicherheitsoperationen oder Gangraids geplant.

Wenn Pakhet den Worten Smiths Glauben schenkte, würden sie hier einen Überfall planen.

Heidenstein war bereits da. Vor ihm auf dem Tisch stand ein Aktenkoffer, aus dem er einige Papiere hervorholte. Er war etwas fahrig, wirkte nervös.

Als er sie nicht bemerkte, räusperte sie sich.

„Ah, Pakhet. Du bist schon da", meinte er und stand auf.

Sie hob eine Augenbraue und sah auf das Papier. Es schienen Zeit- oder Fahrpläne zu sein. „Ich bin schon seit zwei Stunden hier", antwortete sie.

„Früher Vogel, eh?" Er zwinkerte ihr zu und brachte sie damit dazu, die Augen zu verdrehen.

Sie zog den Stuhl neben ihn bei Seite und setzte sich. „Du willst also wirklich die Chaostruppe engagieren, eh?"

„Das war der Plan, ja", meinte er. „Chaostruppe plus eins."

„Plus eins?"

Heidenstein nickte. Er ließ ein kurzes Seufzen hören und schürzte kurz die Lippen. „Ich hatte mich letztens um ein Mädchen aus der Firma gekümmert. Hackerin. Ich dachte, ich nehme sie als externen Support mit dazu. Ich werde mehr als einen Hacker brauchen."

Pakhet seufzte. „Hättest du nicht dafür sorgen können, dass sie Agent ersetzt?" Sie war froh, wenn sie den alten Hacker nicht ertragen musste. Er war ein elendiger Besserwisser. Davon abgesehen, dass sie bei einem Großteil der Missionen, die sie bisher mit dem Team abgearbeitet hatte, nicht eingesehen hatte, wofür sie einen Hacker brauchte. Sie hatten den anderen Söldner entführt – ohne dass der Hacker großartig geholfen hatte. Sie hatten das eine Mädel vom Mob befreit – ohne, dass der Hacker geholfen hatte. Sie hatten eine Mission einen Geschäftstypen aus den USA Personenschutz gewährt – ohne Hacker. Und sie hatten der Polizei geholfen, ein Drogenlabor ausfindig zumachen – dafür hatte der Hacker zumindest geholfen, indem er Informationen gesucht hatte.

Alles in allem: Hacker waren praktisch, um Informationen zu finden. Hacker waren praktisch zum Hacken. Hacker halfen manchmal, digital verschlossene Türen zu öffnen. Doch waren Hacker sinnvoller auf Bedarfsbasis dazu zu holen, anstelle davon permanent in einem Team zu arbeiten, dass sie die meiste Zeit nicht brauchte.

„Ich fürchte 'Nein'", erwiderte Heidenstein.

„Zu schade." Sie verzog das Gesicht und trank einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. „Also. Was ist jetzt dein großer Auftrag?"

Er lächelte verschmitzt – etwas nervös. „Kannst du nicht bis nachher warten?"

„Und da habe ich dich schon mit Smith in Verbindung gebracht." Sie schützte vor zu schmollen. Dann seufzte sie. „Schon gut."

„Gut."

Keine fünf Minuten fand sich Agent ein. Natürlich war er der erste. Er war ein Besserwisser, nahm jedoch alles sehr genau. Eine Minute später glitt ein Schatten in den Raum, verschwand in die hinterste Ecke und versteckte sich dort hinter einem Laptop. Es war ein asiatisch wirkendes Mädchen, mit schwarzem Haar und einer einzelnen blauen Strähne, die in sein Gesicht hing.

Murphy kam kurze Zeit später. Heute trug er lange blonde Haare und eine hagere Gestalt, die an einen Rockmusiker nach zu viel Drogenkonsum erinnerte. Wäre seine Körperhaltung nicht gewesen, hätte man angenommen, er wäre nur zufällig reingelaufen. Er setzte sich auf einen Stuhl, schlug die Beine auf den Tisch und grinste dann zu ihnen hinüber. „Hi, Pakhet. Hi, Doc."

„Murphy?", fragte Heidenstein.

„Genau der." Ein breites Grinsen.

Pakhet schüttelte den Kopf und leerte ihre Kaffeetasse.

Murphy blickte zu dem asiatischen Mädchen. „Wer ist sie?"

„Unterstützung", erwiderte Heidenstein.

Murphy richtete sich neugierig auf, schrumpfte etwas und sein Haar bekam eine dunkle Färbung. Er grinste zu dem Mädchen und hob die Hand. „Hi."

Das Mädchen sah kurz vom Bildschirm ihres Laptops auf, bemerkte ihn, errötete und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Rechner zu. Sie starrte auf den flimmernden Bildschirm. „Hi." Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauchen.

Verständnislos schaute Murphy zu ihnen. Seine Mimik sagte eindeutig: „Habe ich etwas falsch gemacht?"

Niemand machte sich die Mühe zu antworten.

Es folgten Spider und Mik – mit drei Minuten Verspätung. Immerhin keine Viertelstunde.

Das würde wohl vorerst das Team sein.

Pakhet sah zu Heidenstein, klopfte ihm auf die Schulter. Sie nickte, sprach aber nicht. Er würde schon verstehen.

Er schien tatsächlich angespannt, nickte aber. Er holte tief Luft, stand auf, trat in die Mitte des Raums. Dort blieb er stehen und räusperte sich. „Smith hat euch schon informiert, richtig?"

„Mr Smith sagte, dass Sie dieses Mal einen Auftrag für uns haben", meinte Agent. Er sprach ruhig, distanziert.

„Richtig." Heidenstein nickte. Noch einmal räusperte er sich. „Um genau zu sein vermittel ich nur. Ich agiere im Interesse eines Bekannten, der dringend Hilfe braucht."

„Worum geht es denn?", fragte Spider mit der nörgelnden Stimme eines Grundschülers, der fragte, wann endlich Pause sei.

Heidenstein legte die Pläne hin. „Ähm, der Medizinkonzern Westa soll in zwei Monaten ein neues Krankenhaus in Outshoorn in Betrieb nehmen. Und die Lieferungen werden im Verlauf der kommenden Woche geschehen."

Westa also. Pakhet musterte ihn, bemüht sich nichts anmerken zu lassen. Hatte sie Recht mit ihrer Vermutung? War dieser Mann Doktor Joachim Anderson? Sie beobachtete ihn, versuchte ihn zu lesen. Sie könnte ihn darauf ansprechen. Nicht vor den anderen. Später. Besser nicht. Es ging sie nichts an. Normal war sie nicht so neugierig. Zu viel Neugierde brachte einen in Probleme.

„Also sollen wir verhindern, dass die Lieferungen ankommen?", fragte Agent.

„Nicht ganz", meinte Heidenstein. „Ich möchte, dass ihr mir helft, die Ware zu stehlen." Damit nahm er die zusammengehefteten Papiere aus dem Aktenordner und verteilte sie.

Pakhet nahm ihre Kopie. Wie sie schon vorher gesehen hatte, enthielt die kleine Mappe Zeitpläne. Darüber hinaus aber auch zwei Karten und das Profil einer Firma. Viljoen Logistik.

„Hazel, Agent", sagte Heidenstein und sah zu den beiden Hackern, „ich möchte, dass ihr uns als neue Fahrer für die Firma Viljoen eintragt. Es gibt speziell vier Lieferungen, die ich umleiten möchte."

Zum Krankenhaus, da war sich Pakhet sicher. Zum Anderson Hospital in den Cape Flats. Wenn nicht direkt, dann auf Umwegen. Er wäre töricht, wenn er die anderen direkt dahinfahren ließ.

„Das wird nicht unbemerkt bleiben", meinte Agent mit zusammengezogenen Augenbrauen.

„Schon, wenn wir die richtigen Leute abstechen", erwiderte Spider strahlend.

Murphy verdrehte die Augen, machte ein verächtliches Geräusch. „Oder die richtigen Leute bestechen."

Pakhet betrachtete ihn an. „Ich nehme an, du meldest dich freiwillig?" Sie schenkte ihm ein süffisantes Lächeln, das er gekonnt erwiderte.

„Immer gern, Lady."

Sie seufzte. Ihr fielen aus dem Stehgreif zwanzig Wege ein, wie all das schief gehen konnte.



MosaikWo Geschichten leben. Entdecke jetzt