[19.05.2011 - D09 - Dank]

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Zwei durchgearbeitete Nächte hatten ihre Spuren hinterlassen. Sie schlief am Tag nicht so lang wie nachts. Entsprechend war sie noch müde, als sie gegen Mittag aufwachte.

Sie war im Krankenhaus, im Gästezimmer Heidensteins.

Noch immer konnte sie nicht glauben, dass die ganze Sache gut gegangen war. Sie hatten die Ware gestohlen, hatten sie in ein Lagerhaus, das Smith für sie gebucht hatte, gebracht. Dort gingen Agent und Hazel sicher, dass keine Tracker an den Kisten befestigt waren – eine solche Taktik war nicht unüblich für große Firmen und teure Ware. Auch wenn die Tracker gestört sein sollten. Sie hatten Aluminiumdecken über die Kisten gelegt.

Mehr als alles andere verwunderte sie, dass Mik und Heidenstein nicht aufgefallen waren. Sie hatte Murphy dabeigehabt, der jeden Verdacht reflektierte, wie ein Schild.

Sie schleppte sich in die Küche, setzte Kaffee auf, wartete, ging ins Badezimmer, um sich frisch zu machen.

Sie hatte am Vorabend nicht mehr nach Zentralkapstadt reinfahren wollen. Zu gefährlich. Sie war ohnehin übermüdet gewesen. Zumindest war sie sich mittlerweile sicher, dass niemand ihr hier eine Niere entnehmen würde.

Heidenstein war nicht hier. Vielleicht war er in seiner Straßenklinik. Vielleicht war er auch im Lagerhaus. Sie würden mit anderen Lastwagen die Ware später hierherbringen lassen.

Agent und Hazel hatten falsche Daten für die Lieferungen in die Datenbank der örtlichen Klinik gegeben, falsche Bestätigungen gesendet. Wenn alles gut lief, würde der Diebstahl erst in fünf Tagen auffallen. Wenn alles gut lief  ...

Die Tür zur improvisierten Wohnung öffnete sich und Heidenstein kam herein. Sie war sich nicht sicher, wie er es machte, doch manchmal schien es, als würde er keinen Schlaf brauchen.

„Ah, wir sind schon wach, hmm?", scherzte er, als er sie bemerkte. „Guten Morgen."

„Uhum." Sie nickte müde. Gähnte. „Ich brauche einen Kaffee."

„Irgendwie habe ich langsam, aber sicher das Gefühl, mit einem Junkie befreundet zu sein." Er zwinkerte. Er hatte beste Laune.

„Vielleicht bist du das auch", meinte sie. „Was weiß ich schon über deinen Freundeskreis." Sollte es sie nicht beunruhigen, dass er sie als „Freund" ansah?

Er musterte sie. „Hat der Junkie noch etwas Kaffee für mich über?"

„Wenn der Kaffee denn durchgelaufen wäre." Sie warf der Kaffeemaschine einen ungeduldigen Blick zu.

Das Wasser zischte, gluckste, war laut Stand der Maschine aber erst halb durchgelaufen.

Pakhet wandte sich zurück an Heidenstein. „Du wirkst bester Laune."

Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe Grund zu feiern, nicht? Es ist alles bestens gelaufen."

„Wohl wahr." Sie seufzte. „Bisher."

„Pessimistin", murmelte er.

„Realistin", verbesserte sie.

Er verdrehte die Augen, lächelte aber, als er sie ansah. „Danke."

Sie zuckte mit den Schultern. „Es war ein Job." Mehr oder weniger. Auch wenn es eine Sache gab, über die sie nachdachte. „Die Sachen sind für das Krankenhaus, oder?"

„Ja", meinte er.

Pakhet musterte ihn für einen Moment. „Der eigentliche Besitzer des Krankenhauses" – also er selbst, doch sie sagte es nicht – „ist der Auftraggeber, oder?"

Zur Antwort nickte Heidenstein. Sein Blick glitt zum Fenster, durch das man die rückseitige Zufahrt des Krankenhauses, den kleinen Verschlag für die dortigen Müllcontainer und das dahinterliegende trockene Grasland sehen konnte. Er wich ihrem Blick aus. Ein weiterer Punkt für ihre Theorie. „Er will das Krankenhaus gerne wieder normal in Betrieb nehmen."

„Ich habe Geschichten gehört", meinte sie, „dass er Leute aus den Flats umsonst behandelt hat."

Heidenstein schürzte die Lippen. Sein Gesichtsausdruck war deutlich ernster als zuvor. „Ja. Er hat sich bemüht, Gutes zu tun, denke ich. Bevor  ... Bevor er in finanzielle Probleme gekommen ist. Hier draußen wird es ohnehin wenig bezahlte Arbeit geben. Du weißt schon."

„Sicher", meinte sie. Es war nicht so, dass niemand in den Flats versichert war. Doch viele waren es nicht. „Ich dachte nur  ... Wenn er die Sachen dafür einsetzt. Er muss zumindest mich nicht bezahlen. Kannst du ihm das sagen?"

Heidenstein schaute sie an. Für einen Moment schien er unsicher zu sein, was er sagen sollte. Er räusperte sich, holte Luft. „Das werde ich ihm ausrichten", sagte er schließlich. „Danke. Pakhet. Das ist  ... Überraschend  ..." Er suchte nach den richtigen Worten.

„Ich weiß aufrichtige Arbeit zu schätzen", erwiderte sie. „Ich weiß zu schätzen, wenn jemand versucht anderen zu helfen." Sie musterte zu ihm, fragte sich, ob er etwas sagen würde.

Er schwieg.

Sie wandte sich wieder der Kaffeemaschine zu, deren trockenes Zischen verriet, dass sie durchgelaufen war. Sie stellte die Maschine aus und fischte zwei Tassen aus dem Schrank über der Spüle. „Hier." Damit reichte sie kurz darauf eine der gefüllten Tassen Heidenstein.

Er nickte und musterte sie noch immer. „Danke."

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