[21.08.2011 - D27 - Heimfahrt]

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„Du solltest mich fahren lassen", murmelte Pakhet, schaute zu Heidenstein zu ihrer Rechten.

Er schenkte ihr einen kurzen Blick, ehe er sich wieder auf die Straße konzentrierte. „Anders als ihr beiden, habe ich kaum was getrunken." Seine Stimme klang tonlos.

Pakhet verschränkte die Arme und lehnte sich zurück. Sie wollte einfach aus dieser Kleidung raus, wollte duschen. Außerdem war sie müde. So müde.

Als er an einer Ampel hielt, die nun, da kaum ein Wagen unterwegs war, keinen wirklichen Sinn hatte, wandte er sich ihr einige Sekunden lang zu. Er wollte noch immer darüber reden. Doch er beherrschte sich, blickte stattdessen in den Rückspiegel. „Wo kann ich dich rauslassen?"

„Bei Crash, wenn du so nett wärst", gähnte Murphy. Er schien bereits im Halbschlaf versunken zu sein.

„Glaubst du, die Polizei hat sie schon?", fragte Pakhet nach einigen Sekunden der Stille.

Heidenstein nickte. „Sie sollten da sein. Ich habe Louws gefragt." Auf ihren fragenden Blick hin, zuckte er mit den Schultern. „Ein Bekannter bei der Polizei. Eigentlich für Drogenverfolgung zuständig, aber es würde mich nicht wundern, wenn ein Teil von ihnen Drogen bei sich hatte."

Und Mr Drogenverfolgung würde die Giftpfeile in den Nacken der fünf einfach ignorieren, eh?

Die Ampel sprang auf grün. Heidenstein fuhr weiter. „Wo genau lebt den Crash?"

„Camps Bay", antwortete Murphy.

„Wow." Heidenstein konnte sich diesen Ausruf nicht verkneifen.

Camps Bay, das direkt in der Nähe des Strandes lag, war eins der besten und vor allem sichersten Viertel der Stadt. Aber klar, wenn Crash direkt in die Profiliga einstieg ... Rugby zahlte vielleicht nicht so viel wie Fußball, doch selbst damit konnte man in Südafrika als Profisportler etwas erlauben.

„Ist ganz nett", gab Murphy zu. Er grinste.

„Und du lebst mit bei ihnen?", fragte Pakhet, sah über die Rückenlehne ihres Sitzes.

„Jap." Mehr sagte er nicht dazu. Und Pakhet kam nicht umher. Wenn Crash das zuließ war es um die Bindung der beiden nicht so dramatisch gestellt, wie Murphy gerne tat.

Pakhet lächelte und lehnte sich gegen das Fenster der Beifahrertür und erlaubte sich, die Augen zu schließen, ihre Gedanken zu leeren, etwas zu dösen. Es war eine lange Nacht gewesen. Verdammt, es war mittlerweile nach zwei.

Sie wollte so sehr duschen.

Wieder blickte Heidenstein zu ihr, schwieg, fuhr weiter, fuhr die sich windende Straße am Rand des Tafelbergs lang. Sie kamen schließlich zum Tor, das das Wohngebiet abgrenzte, passierten und ließen zehn Minuten später Murphy vor einem schönen, eher kleinem, neuen Haus raus.

Er winkte ihnen grinsend hinterher, ehe er einen Schlüssel aus seiner Tasche zog.

Pakhet schloss wieder die Augen, begann wieder zu dösen, doch Heidensteins Stimme riss sie wach.

„Wo soll ich dich hinbringen?", fragte er.

Sie sah sich um. Sie waren schon wieder auf der M1, unterwegs Richtung Nordosten. „Du bist mit meinem Wagen unterwegs."

Er hielt inne, warf dem Lenkrad einen irritierten Blick zu, als würde es ihm gerade wieder einfallen. „Natürlich. Tut mir leid."

„Ich dachte, ich komme mit zum Krankenhaus, schlafe da, wenn du nichts dagegen hast." Sie bemühte sich um einen sanften Tonfall.

Er lächelte matt, traurig. „Sicher. Sicher."

Pakhet musterte ihn. Ihr Magen zog sich zusammen. Sie fühlte sich ihm gegenüber schlecht. Warum? Deswegen sollte sie sich nicht schlecht fühlen. Sie hatte nur ihren Job gemacht. Er hatte unbedingt mitkommen wollen. Es war nicht ihre Schuld, dass er sich verletzt fühlte.

Sie fuhren in die Flats. Die Straße war weniger befestigt, wich für Teile komplett einer Staubstraße. Zu beiden Seiten des Wagens zogen die Hütten vorbei, die hier hunderte Leute ihr Haus nannten. Viele waren kaum mehr als Verschläge aus Spannholz und Wellblech. Manche waren aus groben Ziegeln gebaut. Andere komplett aus Blech.

Sie seufzte, lehnte die Stirn wieder gegen das Fenster. Sie hatte das Gefühl, dass sie etwas sagen sollte. Doch was?

Blass konnte sie sein Spiegelbild in der Reflexion des Fensters sehen. Keiner von ihnen sagte was. Sie wusste wirklich nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Wie war sie überhaupt in die Situation gekommen?

Sie waren noch vielleicht fünf Minuten vom Krankenhaus entfernt, als er sich räusperte. „Pakhet ...", begann er.

Pakhet wandte den Blick von der Straße draußen ab, sah zu ihm, wartete.

„Ich ..." Heidenstein hatte deutliche Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden. Wieder schürzte er die Lippen. „Ich verstehe es nicht", murmelte er schließlich. „Wie kannst du einfach ..."

Sie zuckte mit den Schultern. Auch wenn er es noch immer nicht aussprach, wusste sie, wovon er sprach. Es war nicht schwer zu erraten. „Doc." Wieder bemühte sie sich um einen sanften Ton. „Ich mache diesen Job seit sieben Jahren. Ich bin eine Frau. Bei diversen Jobs kommt es darauf an, an die richtige Person zu kommen. Viele dieser Personen sind Männer. Sex ist eine Methode." Sie machte eine Pause, sah wieder aus dem Fenster. „Selbst für jemanden wie mich."

Er runzelte die Stirn. „Für jemanden wie dich?"

Warum hatte sie mit dieser Reaktion nicht gerechnet? „Ein Mannsweib", erklärte sie. „Keine Titten, kein Hintern, einen Arm zu wenig."

Wieder schwieg er kurz. Dann schüttelte er den Kopf. „Ich verstehe trotzdem nicht. Ich meine, wieso ...?" Wieder brach er ab.

„Es ist für mich Teil des Jobs, Doc", antwortete sie. „Und ... Für mich ist es generell nicht schlimm. Ich messe dem ganzen einfach nicht so viel Bedeutung bei." Sie hatte es ihm dasselbe bereits in ihrem Urlaub gesagt und fühlte sich dennoch, als würde sie Salz in eine Wunde reiben. „Anders kann ich es dir nicht erklären." Sie seufzte, lächelte dann aber. „Ich will dennoch eine verdammte Dusche."

Ein halbherziges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Die kannst du gerne haben."

Sie schwieg kurz. „Es tut mir leid, Doc", sagte sie dann. Auch wenn sie nicht wusste, wofür sie sich entschuldigte, so war die Entschuldigung aufrichtig.

Er nickte müde. „Schon gut", seufzte er leise.

Pakhet musterte ihn, zwang sich zu einem Lächeln, wechselte dann das Thema. „Kommst du morgen mit?"

Ein fragender Blick.

„Zu diesem ‚Casino'", ergänzte sie.

Er nickte, nun wieder matt lächelnd. „Natürlich." Auch er seufzte. „Ich werde dich sicher nicht allein gehen lassen." Er murmelte diese Worte.

Sie war sich nicht sicher, ob er mit ihr oder mit sich selbst sprach.

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