[18.05.2011 - M02 - Conartist]

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Noch immer war Pakhet davon überzeugt, dass etwas schief gehen musste. Sie war sich sehr sicher. Soweit jedoch verlief alles nach Plan.

„Sei einfach entspannt", flötete Murphy und klopfte ihr auf die Schulter.

Sie trugen T-Shirts, wie sie zu Vieljoen Transport gehörten. Alles in allem wirkten sie unauffällig. Murphy hatte die Gestalt eines dunkelhäutigen jungen Mannes angenommen, sie trug eine dunkle, lange Perücke und hatte sich älter geschminkt, als sie eigentlich war. Sie sollten normal wirken. Doch irgendetwas konnte dennoch schief gehen.

Was war, wenn die Firma nicht korrekt eingetragen war? Was wenn die falschen Trucks auffielen? Sie war sich bei weitem nicht so sicher, wie Murphy, dass es funktionieren würde.

Eigentlich war die Idee einfach: Hazel und Agent hatten die Daten von Westa Pharma verändert, so dass ein anderes Unternehmen, dass ähnlich zu Viljoen Logistics klang, die Ware nun in Joburg abholen würde.

Sie saß neben Murphy in dem großen Truck. Sie fuhr.

Auch wenn der Junge geschworen hatte, er würde das auf die Reihe bekommen. Sie hatte Erfahrung damit große Trucks zu fahren. Sie hatte einige Male für andere Jobs getan. Es war ein nützlicher Skill. Bei Murphy war sie sich nicht sicher. Zumal sie das Gefühl nicht los wurde, dass er sehr kindlich wirkte.

Das Gelände von Westa Pharma kam in Sicht. Auf dem Gelände wurden keine Medikamente hergestellt. Es beherbergte vor allem ein Krankenhaus und eine private Universität, in der offenbar im Bereich der Medizintechnik geforscht wurde. Bei weitem nicht so detailliert, wie es in den UK der Fall war. Vielleicht doch. Jedenfalls war es der Firmensitz in den UK, der die meiste internationale Anerkennung bekam.

Was sie mehr als Krankenhaus und Universität interessierte, waren die Lagerhallen. Vier große Lagerhallen am Rückende des Geländes. Laut den Informationen Heidensteins, wurde es vor allem als Durchgangslager für Westa verwendet. Hier kamen Waren, meist Medizintechnik und Laborequipment, die zu anderen Firmensitzen in Südafrika und den benachbarten Ländern weitergeleitet wurden. Hier sollten sie sich melden.

Unsicher suchte sie die Einfahrt für Lieferanten. Sie fand ein großes Tor an der Rückseite einer Parkanlage auf dem Gelände.

Ein Wächterhäuschen stand links neben dem Tor, angestrahlt durch eine darüber befestigte Straßenlaterne.

Ein Mann öffnete die Tür und schob sich hindurch. Dunkelhäutig, wahrscheinlich Mitte 30, dünn. Er trug eine graue Uniform und eine dunkle Kappe, kam zu ihnen hinüber.

„Ja, bitte?"

Murphy beugte sich an ihr vorbei. „Hey, wir sind von Vieljoen Transport und sind wegen der Lieferung nach Kaptstadt da." Er nannte die Liefernummer. „Uns wurde gesagt, wir sollen uns hier melden."

„Einen Moment." Der Mann holte ein Handy hervor, rief eine Liste auf und schaute nach. Dann nickte er. „Ich lasse sie durch. Melden Sie sich bei Halle 2."

„Klar." Murphy schenkte ihm ein gewinnendes Lächeln.

Der Mann kehrte in das Häuschen zurück und betätigte einen Knopf. Das weiße Tor fuhr langsam auf und ließ sie so passieren.

Sie fuhren hindurch, rauf auf eine schmale Straße, zu deren rechten die Lagerhäuser lagen. Links von ihnen war die Parkanlage.

Murphy grinste Pakhet zu und zeigte mit den Daumen nach oben.

Sie verdrehte nur die Augen.

So fuhr sie am ersten Lagerhaus vorbei. Vor dem zweiten sah sie Leute stehen. Arbeiter. Bereit Sachen aufzuladen. Gut.

Niemand durfte verdacht schöpfen. Dann wären sie in einer Stunde von ihr weg. Nur eine Stunde.

„Überlass das Reden mir, ja?", meinte Murphy grinsend.

„Wie du meinst, Junge", murmelte sie und seufzte. Sie stieg dennoch aus. Jemand würde ihren Ausweis – ihren gefälschten Ausweis – sehen wollen.

Während sie aus dem Fahrerhäuschen kletterte, sprang Murphy förmlich vom Beifahrersitz hinab. Er kam auf dem Boden auf und lief um das Häuschen herum, um an ihrer Seite zu sein. Schien amüsiert und zu lebhaft, für die späte Stunde.

Pakhet bemerkte, wie seine Augen über die Arbeiter huschten, ehe sie den am wichtigsten Aussehenden fanden. Einen Vorarbeiter in einer dunklen Lageruniform.

Er hielt auf diesen zu. Winkte. „Hey."

Einige Pakete waren bereits vor das Lagerhaus gebracht worden. Sie waren durchweg in hölzerne Kisten gepackt, sollten aber, wenn alles korrekt verlief, die Einzelteile eines besseren Röntgengeräts und einiges an Laborzubehör beinhalten.

„Ihr seid die Lieferanten?", fragte der Vorarbeiter ohne ein Wort des großes. Er schlurfte auf sie zu, streckte ihnen die Hand entgegen. Sein Handschlag war fest, selbstbewusst. Das lockige, kurze Haar des Mannes war an einigen Stellen angegraut, größtenteils jedoch schwarz.

„Ja, wir sind von Vieljoen Transport", erwiderte Murphy mit breitem Grinsen.

„Ihr seid früh", stellte der Mann fest.

„Gute Verkehrslage", antwortete Murphy.

Der Mann musterte sie beide. „Deine Kollegin wirkt angespannt." Er runzelte die Stirn.

„Ach, ihr ist es nur zu spät", kommentierte Murphy. „Schau sie dir an. Vollkommen übernächtigt, die Gute."

„Sollte sie dann überhaupt fahren?", meinte der Vorarbeiter. Sein Namensschild wies ihn als „N. Moers" aus.

„Er läuft auf Kaffee", scherzte Murphy und log damit nicht einmal.

„Na gut", grummelte der Mann. „Wir haben hinten eine Kaffeeküche. Wenn ihr mögt könnt ihr euch da reinsetzen, bis wir verladen haben."

„Klar." Murphy grinste. „Danke."

„Geht an der Lagerhalle vorbei und dann links. Hinter Lagerhalle Drei. Da wo die Fenster sind. Nicht zu verfehlen."

Erneut zeigte Murphy mit dem Daumen nach oben. „Bis später." Damit klopfte er Pakhet auf die Schulter und dirigierte sie in die Gasse neben dem Lagerhaus. Es war finster hier, da die Gasse von bloß zwei Lampen gesamt erhellt wurde.

Pakhet verkniff sich ein Seufzen, stapfte neben Murphy her und versuchte sich zu entspannen. Wenn sie hier weg waren, sollte nichts mehr schief gehen. Jedenfalls nicht für sie. Anders würde es mit dem Team von Heidenstein aussehen, bestehend aus ihm und Mik. Halb war sie darauf vorbereitet, die beiden früher oder später aus einem Gefängnis befreien zu müssen.

Sie bogen um die Ecke hinter dem Lagerhaus, fanden die angesprochenen Fenster und eine nur angelehnte Tür. Die Kaffeeecke, deren Wände gänzlich aus Blech bestand, war klein, aber gemütlich. Obwohl sie heruntergekommen wirkte, schien die Kaffeemaschine neu. Es gab außerdem einen uralt wirkenden Süßigkeitenautomaten.

„Siehste? Kein Grund zur Anspannung", meinte Murphy und klopfte ihr auf die Schulter.

„Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben", erwiderte sie und schüttelte den Kopf. Zumindest wirkte der Junge kompetent.

„Klar." Er grinste und studierte die Kaffeemaschine.

Derweil zog sie einiges Kleingeld aus ihrer Tasche hervor und steckte es in den Automaten. „Kid?"

Murphy drehte sich zu ihr herum, als sie ihm den Snickers-Riegel zuwarf.

„Hier."

Der Junge schaute auf den Riegel in seiner Hand und grinste. Verstand er, worauf sie hinauswollte? „Danke."

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