Kapitel 9

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"Schatz möchtest du eine Kleinigkeit zu essen?" Rief eine zarte und nette Stimme hinunter an den Strand.
"Ja Mom ich komme sofort" sagte Lucy freundlich zurück. Sie lag auf auf dem Sand und entspannte sich in der Sonne, während ihr kleiner Bruder vor ihr eine mächtige und sehr detaillierte Sandburg baute.
"Vans! Kommst du mit rein und hilft mir den Tisch zu decken?" Fragte Lucy sachte, wobei sie die genaue Antwort schon wusste.
"Nein! Ich bleib draußen! Ich hab kein Hunger!" Sagte Vans wie erwartet mit einem schnippischen Ton und wendete sich wieder der Sandburg zu.
Lucy packte das Handtuch und ihre Tasche und lief die 50 Meter hinauf zu dem schönen großen Haus, in dem ihre Eltern und ihr kleiner Bruder lebten.
Sie hüpfte wie ein Hase über den heißen Sand der von der Sonne California's unter Beschuss genommen wurde.
"Hier mein Schatz, nimm schon mal die Teller und Besteck und teile sie aus" sagte Sarah zu Lucy und reichte ihr die Sachen entgegen.
Sarah war Lucys Mutter. Sie war im letzten Monat 45 Jahre alt geworden und sah immer noch umwerfend aus. Sie hatte, wie Lucy, lange blonde, leicht gelockte Haare und ein schmales Gesicht, ihre Figur war super in Form und ihr Sinn für Mode unverwechselbar.
"Ah! Essen!" Sprudelte plötzlich eine dunklere, ebenfalls nette Stimme hinter Lucy und Sarah und ihr Vater schwang sich elegant die Treppe hinauf, hinein in die Küche. Er war groß gewachsen, braun gebrannt und hatte dunkle, kurze braune Haare. Er legte seine Arme um Sarah und gab ihr einen Schmatzer auf den Mund "es riecht hervorragend!" Sagte er mit erotischem Unterton und lächelte sie freundlich an.
"Willst du vielleicht Vans überreden hoch zu kommen? Er hört auf mich ja, wie du weist, besonders gut" sagte Lucy zu Damon und schaute ihn mit sarkastischem Blick an.
"Ja aber natürlich" entgegnete er mit ironisch, unterwürfiger Stimme und lief zu der großen Terrassentür.
"Hi jo, Vans! Komm rein! Deine Mutter hat gekocht" schrie er mit lauter Stimme hinaus und machte mit seiner Hand eine Bewegung, die Vans befahl sofort zu kommen.
Vans verdrehte die Augen und macht sich widerwillig auf den Weg zum Haus.
"Schmeckt es allen?" Fragte Sarah in die Runde, lächelte jeden einmal kurz an und wartete auf eine Antwort.
"Super" sagte Damon mit vollem Mund
"Ja echt gut Mom" gestand Lucy ebenfalls.
"Ja echt super Mom" äffte Vans seiner große Schwester nach und lachte sich in Fäustchen. "Aber schmeckt gut" hakte er nach, um nicht von seinem
Vater in sein Essen getunkt zu werden, der ihn schon mit einem vernichtenden Blick ansah.
"Was macht ihr heute noch so Schönes?" Fragte die Mutter schließlich weiter nach einer langen Pause des Schweigens.
"Ich hatte vor ein bisschen joggen zu gehen, nur um einfach meinen Kopf frei zu bekommen" antwortete Lucy.
"Denkst du, dass das sicher ist wenn du alleine gehst? Oder soll ich mitkommen" fragte Damon mit einem besorgten Gesichtsausdruck.
"Ja alles bestens! Das bekomm ich hin" besänftigte  Lucy ihren Vater und lächelte ihn nett an.
"Na gut!" Gab er von sich. "Ich werde weiter noch ein bisschen an meinem Motorrad arbeiten und dann könnten wir ja mal wieder ins Kino!?" Fuhr er fort und schaute seine Frau an, die ihn anzwinkerte und ihm ein "auf jeden Fall" entgegen brachte.
Lucy stand auf und brachte ihr Geschirr in die Küche, sie ging hinauf in den ersten Stock in ihr Zimmer  und kramte aus ihrem Kleiderschrank ihre Sportsachen heraus, sie fühlte sich gut, entspannt und freute sich auf das Joggen an der warmen Luft, Los Angeles direkt voraus und das Meer an ihrer Seite. Sie schnappte sich ihre Ohrstöpsel, machte sich das Lied "Fallen Leaves" von Billy Talent an und rannte die Treppe hinunter, aus der Tür hinaus, die Straße entlang.
Mit großen, langen Sprüngen und einem gleichmäßigen Atem sprintete Lucy entlang, die Hügel hinauf und hinunter. Sie fühlte sich so frei wie nie, die Sonne begann unter zu gehen und bedeckte den Himmel mit einem rosa Zuckerguss, ein paar Wolken am Horizont vermischten sich und ergaben die Sahne auf dem perfekten Törtchen.
Ohne Pause, immer weiter, immer schneller, immer kräftiger, rannte Lucy durch die Dünen, ihr iPod spielte "Alive" von Sia ab und spornte Lucy immer weiter an. 
Lucy war kräftiger geworden, sportlicher, schöner, aber ihr Inneres war zerrissen, zerbrochen, komplett entwürdigt. Ein halbes Jahr wohnte sie jetzt schon wieder bei ihren Eltern und versuchte so, von allem weg zu kommen was sie an Matthew erinnerte, Nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hatte sie Anfälle, sie schrie wild und schlug um sich her, keiner konnte ihr helfen, nicht der Psychiater, nicht ihre Freunde, niemand, bis auf eine Umstellung, ein Zusammenleben mit ihrer Familie konnte ihr helfen ein Stück weit zu vergessen.
Ihre Freunden hatten sich mehr und mehr von ihr abgewendet und ihr Zuhause in New York stand leer, ihr gesamtes altes Leben hatte sich aufgelöst und war vollkommen den Bach runter gelaufen. Die einzigen, die zu ihr standen waren ihren Eltern und ihr kleiner Bruder. Sie liebte sie, mehr als jeden anderen. Keiner war besser für Sie da, keiner sorgte besser für sie, keiner brachte sie mehr zum Lachen, mit keinem konnte sie besser reden, als mit ihrer Familie. Aber alles das war gut so! Jede Veränderung in ihrem Leben schupste sie nach vorne, stieß sie weiter, zwang sie weiter zu machen, baute sie auf.
Es gab nur eine Sache, die sie nicht verstecken konnte, die sie jede Sekunde an den schrecklichen Tag in Matthew Apartment erinnerte. Die Narbe an ihrer rechten Handfläche, eine lange, tiefe Schnittwunde, quer über die gesamte Hand. Die anderen Narben versteckten sich unter den Klamotten, die meisten waren gut verheilt aber ein paar waren immer noch gut zu sehen auf ihrem Bauch platziert.
Lucy war am Strand angekommen und rannte in Nähe der Meeres an ihm entlang, wieder in Richtung des Hauses. Daheim angekommen, setzte sie sich in den immer noch warmen Sand und schaute hinaus auf das Meer, die Sonne war schon fast untergegangen und das zarte Rosa hatte sich zu einem blutigen Rot verwandelt.
Lucy zog sich aus, legte ihre Sachen auf den Sand und rannte hinein in die kalten Fluten des Meeres. Sie tauchte unter, schwamm hinaus und drehte ihre Runden. Das erfrischende Wasser gab ihr neue Kraft und umschlang sie wie eine angenehm weiche Decke. 
Auf einmal, ein Schrei, ein Kreischen, Lucy konnte sich nicht mehr halten, strampelte umher, drohte unter zu gehen, schrie, presste ihre Augen zu, riss sie weit auf und öffnete ihren Mund, das salzige Wasser lief in ihren Mund die Kehle hinunter, doch Lucy konnte nichts machen.
"LUUUCCYYYY!!!!" Schrie ihr Vater und rannte über den Sand, hinein in das Meer. Er glitt wie ein Delfin durch die Fluten und war in Sekunden schnell an der Stelle wo Lucy langsam unter zu gehen drohte. Er zog sie hoch, legte sie auf seinen Bauch und paddelte zurück an den Strand.
"Bleib bei mir! LUCCYY" schrie er.
Während dessen waren Sarah und Vans herausgekommen und rannten ebenfalls zu der Stelle, an der Damon vergebens versuchte Lucy wach zu rütteln.
"Dad! Geh weg! Ich mach das" schrie Vans im Heranstürmten  und warf sich nehmen Lucy in den Sand. Er kippte den Kopf von Lucy nach hinten, öffnete ihren Mund, hielt die Nase zu und begann mit tiefen Luftstößen Luft in die Lunge von Lucy zu bekommen. Sarah und Damon stand da, sahen zu und trauten ihren Augen nich, als ein 10 Jahre alter Junge eine Mund zu Mund Beatmung bei seiner Schwester durchführte.
Ein würgendes Geräusch und Lucy spuckte das Salzwasser aus ihrer Lunge. Sie lag still da, rührte sich nicht und schaute hinauf zum Himmel der sich mittlerweile dunkel gefärbt hatte.
Vans weinte, lachte, schrie, zitterte alles zugleich. Er stand voll und ganz unter Strom und sprang zu seiner Schwester und umarmte sie tief und innig.
"Mach das nie wieder! hörst du!" Flüsterte er mit ängstlicher Stimme in Lucy's Ohr und umarmte sie umso fester.
Damon und Sarah knieten sich hin, weinten und lachten ebenfalls gleichzeitig, richteten Lucy auf und nahmen sie in eine wohlfühlende, starke Umarmung.
"Woher hast du das gekonnte" krächzte Sarah mit zitternder Stimme und sah Vans an, der sich in den Sand gesetzt hatte und die Hand von Lucy streichelte.
"W w wir haben das in der S S Schule gelernt" jammerte er und kletterte zu seiner Mutter die ihn in die Arme nahm und ihm einen langen Kuss auf die Wange gab. "Ich bin unfassbar stolz auf sich" sagte sie mit leiser und aufbauender Stimme zu Vans der mittlerweile in den Armen seiner Mutter bitterlich angefangen hatte zu weinen. Der Schock hatte ihn tief getroffen, er wusste nicht wie es ihm geschah, dieses Erlebnis war eindeutig zu viel für ihn.
Damon versuchte Lucy aufzurichten aber Lucy wollte nicht. "Nein Dad nicht! Bleib hier, bleibt alle hier! Bitte"
Der Vater die Tochter im Arm, die Mutter den Sohn, saßen sie am Strand und schauten hinaus auf das unendliche Meer. Die seichten Wellen überschlugen sich am Strand und flossen langsam und gemächlich zurück, vermischten sie mit der nächsten Welle und spielten erneut zurück an Land. Sonst war es toten Stille, kein Vogel zwitscherte mehr, keiner redete, nur das Rauschen des Meeres erfüllte die Ruhe.
"Danke" flüsterte Lucy zu ihrer Familie, die sie fester in den Arm nahm.
Sarah schaute zu ihr hinunter, lächelte sie an und sagte "Wir liebe dich über alles mein Schatz".
Die Nacht war nun vollends gekommen und umhüllte die vier Personen unten am Strand. Nur das Licht aus dem Haus spendete einen kleinen, leichten Lichtstrahl. Der Mond war aufgegangen und tauchte alles in sein schwaches, silbernes, kaltes Licht.
Lucy machte ihre Augen zu, atmete langsamer und schlief letztendlich ein. Sie träumte nicht mehr, sie wagte es nicht zu träumen, sie konnte es nicht mehr, sie hatte es verlernt zu träumen, stattdessen nur Schwarz, Schwarz wie Matthew's Kleidung, wie Matthew's Bett, wie alles an Matthew, einfach nur tiefes Schwarz.

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