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Kapitel 12

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Lucy schlenderte die Straßen der großen Stadt entlang.
Die Anhörung von heute hatte sie bis ins Mark erschüttert.
Sie schaute auf den Boden des dreckigen Bürgersteiges und versank immer mehr in Gedanken.
"Der Angeklagte wird von allen Punkten freigesprochen" wiederholten sich die Wörter in Lucy's Kopf und jagten ihr Angst ein. Sie wusste hundert Prozent dass der Angeklagte schuldig war, sie hatte es in seinen Augen gesehen, er hat sie beim hinausgehen angesehen, seine Augen funkelten wild und bösartig.
Lucy zitterte und verschränkte die Arme um ihren Körper. Sie hatte nichts mitgeschrieben, weder die Worte der Verteidigung noch der, der Anklage hatte sie auf ihrem Block stehen und doch, sah sie alles genau vor ihren Augen.
Wieder kam Lucy der Blick von Todd Harvey dem Mörder in den Sinn und sie zuckte zusammen, "Erklären sie mich für schuldig, werden sie nach geraumer Zeit den wahren Verantwortlichen für die geschändeten Mädchen zu fassen bekommen und ich werde sie verklagen können! Werde sie selber hinter Gitter bringen können!" Hörte Lucy die Worte des Mannes und fuhr zusammen. "Was hätte Matthew wohl gesagt, wenn er dort gesessen hätte? Wäre er ebenfalls freigesprochen worden? Hätte er sie dann noch einmal aufgesucht und vergewaltigt? Wie würde er wirken? Würde er lässig und selbstbewusst oder eingeschüchtert und ängstlich wirken? Warum hatte ich nie ein Wort darüber verloren, dass er mich vergewaltigt hatte? Warum konnte ich es nicht sagen? Warum hatte ich meinen Freunden verboten darüber je auch nur ein Wort zu verlieren?"
Fragen über Fragen schossen durch Lucy's Gehirn, welches langsam heiß zu laufen drohte.
Lucy kam wieder zu sich und bemerkte, dass sie die Orientierung verloren hatte. Sie stand in einem Viertel der Stadt, wo sie noch nie zuvor gewesen war und schaute verdutzt um sich. Sie klammerte sich um ihre Tasche und lief etwas schneller weiter, hoffend, dass sie irgendwo wieder eine Straße fand, die sie kannte, aber die kam nicht.
"Entschuldigen Sie, Sir!" Redete sie einen älteren Mann an "können Sie mir sagen wo genau ich bin und wie ich zum Times Square gelange?"
Der Mann schaute sie kurz an und lächelte sie dann freundlich an. "Aber sicher! sie gehen zurück, die nächste Straße links, dann gerade aus und dann sind sie auf der richtigen Straße" antwortete der nette Herr mit aufgeweckter Stimmlage und grinste von einem Ohr zum anderen.
"Ich danke Ihnen ganz herzlich" bedankte sich Lucy und lächelte zurück. Sie lief davon und bog, wie der alte Mann es ihr geheißen hatte, die nächste links und dann immer gerade aus, sie zwang sich einen klaren Kopf zu behalten, doch ihre Gedanken wollten heraus, wollten schreien, ihr alles vorhalten, wollten sie zwingen über alles nach zudenken.
"Lucy?" Sagte plötzlich eine vertraute Stimme hinter ihr. Sie drehte sich um.
"Christian?" Stammelte sie nach einiger Zeit langsam und schaute in die schönen Augen des großen, nur allzu bekannten Mannes.
Christian umarmte sie und drückte sie fest an sich.
"Es ist so schön dich wieder zu sehen" raunte er und blickte Lucy tief in die Augen.
"Es ist unglaublich schön DICH wieder zu sehen" sprudelte Lucy zurück.
"Was machst du in dieser Gegend?" Fragte Christian leicht verdutzt.
"Ich hab mich ein bisschen verlaufen" lachte Lucy und zwinkerte Christian an "und wie geht es dir? Und den anderen? Bob, Thea?" Redete Lucy begeistert weiter "seit ihr noch alle zusammen?"
Lucy schaute Christian an, erst jetzt bemerkte sie sein Gesicht, es war ernst und voller Trauer.
"Thea ist tot" antwortete Christian mit leiser, schmerzvoller Stimme und schaute Lucy mit sofortigen Tränen in den Augen an.
Lucy stand da, schaute ihn einfach nur an, sagte nichts. Sie merkte wie ihr Magen sich einmal um 180 Grad drehte, lehnte sich vor und übergab sich mitten auf die Straße. Christian, der immer noch der selbe Gentleman war, schnappte sich ihre Haare und hielt sie hoch. Lucy keuchte und würgte ein zweites Mal.
"Was hatte sie da gerade gehört? Thea tot? Thea? Das Mädchen mit den umwerfend schönen, braun gelockten Haaren, dem schönen Gesicht und der perfekten Figur? Thea? Lucy's ehemalige beste Freundin, die sie über jede Hürde begleitet hat, ihr soviel ihres Lebens geschenkt hat, sie mit Christian zusammen gerettet hat?"
Lucy stand auf, sah in Christian's Augen, fühlte seinen Schmerz, spürte seine Trauer.
"W w wie ist das möglich? Was ist passiert?" Stottert sie mit leiser Stimme "Wie ist sie gestorben?" Fuhr sie fort und blickte voller Entsetzen und mit weit aufgerissenen Augen zu Christian.
"Der Harvey-Vergewaltiger hat sie sich geschnappt, vergewaltigt und ermordet"
Lucy spürte wie sich ihre Augen schnell mit Tränen füllten, beugte sich vor, fiel ihm um den Hals und weinte los. Es war ein befreiendes Gefühl zu weinen, sie hatte geglaubt, das Weinen verlernt zu haben, jede Träne aufgebraucht zu haben.
Lucy fühlte, wie ihre Schulter von den Tränen Christian's nass wurde, doch es war vollkommen in Ordnung, sie hatte Christian noch nie weinen sehen, aber jetzt fühlte Lucy, wie die Tränen von ihm sich zu einem dicken Rinnsal zusammen schlossen und über sein hübsches Gesicht liefen.
Nach einer langen Zeit der Trauer, löste sich Christian von Lucy und schaute sie an.
"Es war schön dich wieder sehen! Wirklich schön! Ruf mich mal an, dann trommle ich die anderen zusammen und wir gehen essen" sagte er, drehte sich um und ging mit schlurfendem Gang davon.
Lucy stand wie angewurzelt an der Stelle. So konnte es immer noch nicht glauben, sie wusste nicht was sie machen sollte oder was sie fühlen sollte.
Langsam wurde es dunkel, die sternenklare Nacht brach herein und der Mond ging als eine große, runde Scheibe auf.
Als Lucy Daheim angekommen war setzte sie sich auf ihren Sessel, stelle die Füße nah an ihren Körper auf den Sessel und mummte sich in ihre Decke ein. Sie gab ein klägliches heulendes Schreihen, gemischt mit leichtem Jammern von sich, biss sich auf die Knie bis es weh tat, die Tränen kullerten ihr über die Wange und tropften ihr in den Mund.
"Warum musste alles Böse auf dieser Welt nur in ihrem Umkreis geschehen! Warum mussten alle um sie herum entweder gefährlich oder in Gefahr sein! Warum war das Leben nur so ungerecht!"
Lucy fühlte sich ausgelaugt, kaputt und grausam.
Nach langer Zeit stand sie auf und lief zum Telefon neben die Tür.
"Hallo?" Meldete sich die Stimme von Christian, in der immer noch eine Spur von Trauer enthalten war.
"Ich bin's" sagte Lucy in den Hörer, "ich wollte fragen wann die Beerdigung ist?"
"Sie wird am Mittwoch stattfinden" antwortete Christian erschöpft, "es wäre schön wenn du kommst, das würde Thea bestimmt gefallen"
"Ich werde da sein" versprach Lucy mit fest entschlossenem Ton.
"Die Beerdigung wird um 11:00 Uhr auf dem Friedhof anfangen" fuhr Christian fort.
"Ich werde kommen! Ich danke dir!" Antwortete Lucy. Sie legte auf und stellte den Hörer langsam auf die Box zurück.
Dann, wie von einer Biene gestochen, eilte sie an ihren Schreibtisch, zückte ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber und begann eine Rede zu schreiben. Das war sie Thea schuldig, ein bisschen was zu sagen, ihr die letzte Ehre zu erweisen, ihr nun endlich zu sagen, was sie für sie empfand, was sie ihr bedeutete.

Der Mittwoch brach an und Lucy war schon hell wach. Sie konnte die Nacht davor kein einziges Auge zu machen und stand schon um 3:00 Uhr auf um sich fertig zu machen!
Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Thea tot war, "warum sollte sie auch tot sein, sie würde dort ankommen und alle würden aus der Kirche raus spazieren und ihr einen unglaublich schlechten, unlustigen und grausamen Streich spielen" doch irgendwie, hatte sie das Gefühl, dass sie sich mit diesem Glauben nur selber belog.
Die Uhr schlug 10:o0 Uhr und sie rannte aus der Tür, so schnell es ging zum Friedhof. Als sie ankam, standen ihre Freunde schon alle versammelt. Alle trugen schwarz, schwarze Kleider, Jacken, Mäntel, Hosen, Hemden und Schuhe.
"Hi" sagte Lucy in die Runde
"Hi" sagten alle zurück und schauten sie mit traurigen Gesichtern an. Man sah die Verzweiflung in ihren Augen, die Trauer und auch bei manchen die Wut.
Kurze Zeit später durften alle in die Kirche, Thea's Familie stand vorne recht neben dem Sarg. Lucy stockte der Atem, der Sarg war geöffnet, für jeden sichtbar und darin lag sie; Thea! In ein weißes Seidenkleid gekleidet, die Hände unter der Brust verschränkt, und mit ihren Lieblingsschuhen an, ihre Haare waren gebürstet und wellten sich über ihre Schultern, die Locken waren teils verschwunden, teils noch gut sichtbar, ihr Gesicht war schön natürlich geschminkt, doch unter dem Make-up sah man deutlich die schneeweiße, tote Haut.
Lucy zitterte und blieb wie angeklebt stehen, sie konnte ihr nicht in die Augen schauen, sie nicht in diesem Zustand sehen. "Reiß dich zusammen" schrie sie sich innerlich an und bewegte langsam einen Fuß vor den anderen auf den offenen Sarg zu.
Thea lag in einem schwarzen, Ebenholzsarg mit weißem Innenfutter, um ihn herum standen schön platzierte Blumengestecke und links neben dem Sarg, stand das Rednerpult für den Pfarrer und Leute die etwas sagen wollten.
Nun stand Lucy direkt vor dem Sarg. Sie schaute auf ihre ehemalige beste Freundin hinunter und sofort kullerten ihr einige Tränen die Wange herunter. Sie wusste nicht wie sie damit umgehen sollte, sie würde am liebsten wegrennen, in ein anderes Land fliegen und für immer diesem grausamen Leben entfliehen, aber sie konnte nicht, sie war gezwungen hinab zu schauen, gezwungen zu begreifen, dass Thea tot war, zu begreifen, dass das das Ende war, das Ende einer langen Freundschaft, einer Liebe, die stärker war als alles andere auf der Welt.
Lucy wand sich von dem Sarg ab, Thea's Familie zu. Sie lief zu Penny, Thea's Mutter und umarmte sie herzlich, sprach ihr ihr tiefstes Beileid aus und drückte sie umso fester.
"Danke, dass du gekommen bist" antwortete Penny durch und durch aufgelöst und schaute Lucy so liebevoll es ging an, "Thea hätte sich sehr gefreut dass du kommst". Dann ging Lucy zu Thea's Vater Peter und wiederholte ihren Satz, sie wusste nicht was sie anderes sagen sollte, die hatte das Gefühl, dass alles was sie sagte einfach komplett scheiße, einfach voll für den Arsch.
Thea war das einzige Kind der beiden, daher war es umso schlimmer für beide.
Alle Leute setzten sich hin. Die Beerdigung begann.
Nach knapp einer halben Stunde beendete der Priester seine Rede und trat vom Rednerpult zurück.
Die Eltern weinten bitterlich und die ganze Kirche war bedeckt von Trauer und Hilflosigkeit.
Dann stand Lucy auf. Sie ging den Mittelgang entlang auf das Pult zu, ihre Blätter mit der vorbereiteten Rede waren zerknüllt und fielen ihr drei mal auf den Boden, ihr Körper bebte, ihr Gesicht war aufgelöst, ihre Schminke verlaufen.
"H h hallo" begann Lucy, wobei sie stotterte wie ein spracheingeschränkter Mensch und zitterte wie Espenlaub. "Thea war meine beste Freundin! Sie war immer für alle da, wollte immer nur Gutes für jeden, hatte nie etwas Böses im Sinn. Sie war das perfekt Powergirl, sie war standfest, klug, witzig und charmant!" Lucy stockte, sie schaute hinüber auf den Sarg und erneut brach sie in Tränen aus. "Sie wusste stets was sie wollte, wusste stets zu helfen, konnte alles. I i ich hoffe, dass sie Frieden findet, dass sie, wo auch immer sie jetzt sein mag, mit Liebe und Zuneigung behandelt wird, wie bei ihren Eltern und Freunden. Ich liebte sie, sie war ein großer Teil meines Lebens, sie war mein Schutzengel." Lucy stockte ein zweites Mal und versuchte vor den Sarg zu treten. Als sie sich endlich zusammenraffen konnte fuhr sie fort, sie sah auf Thea hinab, nahm ihre Hand und streichelte diese, "ich weiß nicht ob du mich irgendwie doch hören kannst, aber wenn du es kannst, dann sollst du wissen, dass ich dich liebe, dass du immer meine beste Freundin bleiben wirst und das dich nie jemand auch nur im geringsten ersetzen kann! Ich werde dich vermissen, ich werde immer an dich denken, dich nie vergessen und dich niemals im Stich lassen! Das verspreche ich dir!"
Lucy bückte sich und drückte Thea einen letzten Kuss auf ihre Stirn; es fühlte sich kalt und leblos an.
"Das wars also" dachte Lucy bei sich, stand auf und versuchte zu laufen, doch sie kippte und fiel mit dem Gesicht voran auf den steinernen Boden der Kirche, das war eindeutig zu viel für sie, alles war zu viel, jede Stimme die redete war zu viel, jeder Herzschlag war zu viel, jeder Atemzug brannte in der Lunge, und jede Bewegung bedeutete den Untergang.
"Ich konnte mich nicht von ihr verabschieden, ihr nicht sagen wie viel sie mir bedeutete, wie sehr sie mir fehlte, wie sehr ich sie liebe, ich konnte sie nicht retten! Ich hab sie im Stich gelassen!".

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