Die kurze Heimfahrt war der reinste Horror. Ich begann zu schwitzen, mir wurde schlecht und meine Hände zitterten nur so. Ich musste die Tränen wirklich zurückhalten, der Kloß in meinem Hals wuchs von Minute zu Minute und ich hatte ein flaues Gefühl im Magen.
Als ich das Haus betrat, traute ich meinen Augen nicht. Rachel stand in der Küche und umarmte Cole. Er hatte seinen Kopf in ihren Haaren vergraben und stand mit dem Rücken zu mir. Sie lächelte mich traurig an und deutete mir mit dem Kopf, zu ihnen zu kommen. Irgendetwas musste passiert sein, sonst hätte es zwischen den beiden nie so eine Situation gegeben.
Ich ging langsam auf die beiden zu, erwartete, dass Cole wegging, doch er blieb stehen und umarmte seine Mum weiter. „Mein Ex-Mann... er hat anscheinend ein Doppelleben geführt. Er hat mit Drogen gedealt und... er war die letzten Jahre auf der Flucht und..." begann Rachel, als ich sie stoppte. „Ich weiß." Murmelte ich, Cole hatte mir ja davon erzählt. Aber es war mir neu, dass Rachel es wusste.
„Du hast es ihr erzählt, aber mir nicht?!" sie stieß Cole empört weg und sah ihn fassungslos an. Erst jetzt sah ich seine angeschwollenen Augen und es war das erste Mal, dass ich ihn so sah. Am liebsten hätte ich ihn in den Arm genommen und festgehalten, wenn Cole einmal wirklich weinte, musste es etwas wirklich Schlimmes sein.
„Mum." Bat er mit heiserer Stimme und würdigte mich keines Blickes. Er sah einfach auf den Boden und richtete sich die Haare. Mein Herz tat weh bei diesem Anblick, er hatte wirklich geweint. Ich musste wissen, was passiert war.
„Was ist passiert?" fragte ich gehetzt und sah Rachel zwingend an. „Er ist verhaftet worden. Er hat vorhin aus dem Gefängnis angerufen und... er will Cole sehen. Nach drei Jahren will er ihn sehen, im Gefängnis. Dieser Mann ist..." sie wollte weitersprechen, aber ich nahm sie einfach in den Arm.
„Er hat sich drei Jahre nicht bei seinem Sohn gemeldet und dann will er ihn auf einmal sehen, er muss ins Gefängnis fahren um seinen Vater zu sehen. Nie hat er sich gemeldet, nicht mal angerufen hat er..." sie brach in Tränen aus.
Ich sah kurz zu Cole und sein Blick traf mich. Er hatte ihr anscheinend nicht von den monatlichen Anrufen erzählt, nur, dass er von dem Doppelleben wusste. Er schüttelte panisch den Kopf, da er anscheinend Angst hatte, ich würde ihr etwas von den Anrufen erzählen. Als ich ihm ein trauriges Lächeln schenkte, sah er wieder zu Boden.
Rachel weinte noch ein paar Minuten an meiner Schulter und machte Coles Vater Vorwürfe. Irgendwann verließ Cole dann die Küche und lief in sein Zimmer. Doch ich sah, wie die Tränen wieder hochkamen, verständlich.
Er hatte seinen Vater drei Jahre nicht gesehen und nun konnte er ihn durch Gitterstäbe besuchen. Es tat mir weh, ihn so zu sehen und noch mehr weh tat es, zu wissen, dass es nichts gab, was ich tun konnte.
„Kümmere dich um ihn, bitte. Er braucht dich." Flüsterte Rachel und löste sich von mir. Ich nickte schnell und lief hoch in den ersten Stock. Ich klopfte erst gar nicht, sondern öffnete einfach die Tür und steckte meinen Kopf durch den Türspalt.
„Verschwinde." Murmelte er und zog sich die Decke über den Kopf, denn er lag im Bett. Ich sah klar, dass er weinte und ein Stich traf meinen Magen.
Ich schloss die Tür hinter mir und ging zu seinem Bett. „Ich hab gesagt, du sollst verschwinden, hast du mich nicht gehört?! Verstehst du nicht, dass nicht immer jeder deine beschissene Hilfe braucht?!" fuhr er mich an und ich ging einen Schritt zurück.
Doch so leicht ließ ich mich nicht abwimmeln. „Sag was du willst, ich bin genau da, wo ich sein sollte und da bleibe ich auch, egal was du sagst. Du brauchst mich jetzt und ich bin erwachsen genug um alles was passiert ist zur Seite zu schieben und bei dir zu sein. Als deine Stiefschwester, klar?!" schnappte ich zurück.
Er sah mich nur überrascht an, hatte wohl gedacht, dass ich verschwinden würde. Dann atmete er genervt aus und ließ den Tränen freien Lauf. Ich bekam erneut einen Stich in die Magengrube bei diesem Anblick und ging auf das Bett zu. Ich setzte mich an die Bettkante und überlegte nicht lange, sondern legte meinen Arm um seinen Hals, sodass ich seinen Oberkörper zu mir zog.
Er wehrte sich nicht und so hatte ich ihn dann im Arm, sein Kopf auf der Höher meiner Brust, nach unten schauend und in meinem Shirt vergraben, meine Arme um seinen Kopf geschlungen und ihn an mich drückend.
So saßen wir minutenlang da, bis er endlich seine Arme um meine Hüfte legte und sich an mir festhielt. „Ich muss ihn sehen. Aber doch nicht durch Gitterstäbe. Und außerdem... wenn ich seine Gene geerbt habe, werde ich auch so werden. Ich werde enden wie er." Schluchzte er.
„Spinnst du eigentlich?!" ich hob seinen Kopf an und sah ihm in die Augen. Seine Augen waren verquollen und rot. „Du hast dich verändert. Okay, vielleicht warst du damals eine kurze Zeit lang so, als du gedealt hast, aber du hast dich verändert, Cole. Das hast du wirklich. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass du so wirst, nie im Leben." Ich lächelte ihn an und sah genau in seine Augen.
Cole atmete durch und starrte an die Wand. „Ich werde ihn besuchen." Meinte er und es bildete sich eine Falte auf seiner Stirn. „Soll ich mitkommen?" fragte ich vorsichtig, schließlich waren wir zerstritten, eigentlich.
„Weißt du was, kümmere dich einfach um deinen eigenen Kram." Fuhr er mich an und verschwand aus dem Zimmer. Dieser Junge hatte Stimmungsschwankungen... ich wusste, dass ich einen riesen Fehler gemacht hatte und genau den einen wunden Punkt getroffen hatte, den er hatte. Wir würden irgendwann darüber reden müssen. Ich hoffte nur, ihn nicht verloren zu haben.
Ich zog mich langsam um, schließlich musste ich heute Abend wieder zu Chris, mit ihm und seinen Jungs dealen. Ich war so froh, wenn es endlich vorbei war, ich fühlte mich so schlecht Cole gegenüber.
Doch ich wusste ja nicht mal, ob es noch ein Cole und mich gab. Er brauchte mich und ich brauchte ihn. Er war die einzige Konstante, die ich in meinem Leben hatte und das galt auch für ihn in Bezug auf mich.
Doch er war verdammt unsicher, selbstkritisch. Er hatte diesen inneren Dämonen, der ihm sagte er wäre nicht gut genug. Und das wusste ich ganz genau, doch trotzdem musste ich natürlich mit dem Argument kommen, dass er mich vielleicht nicht mal lieben würde. Ich hätte mir gegen den Kopf schlagen können, verdammt. Verdammt, verdammt, verdammt!
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Um Punkt acht stand Mason mit dem Auto vor unserer Tür, da Cole sowieso seit unserem Gespräch zuvor verschwunden war, ich vermutete im Gefängnis wo er seinen Vater besuchte, konnte Mason direkt vor dem Haus parken.
Als ich in den schwarzen Wagen einstieg, grinste Mason mich an. „Und, bereit für das letzte Mal?" frage er und zwinkerte. „Vorletztes Mal." Korrigierte ich ihn, schließlich würde ich am Mittwoch erst die DVD holen.
„Ach, stimmt. Aber komm schon. Du tust das für Cole. Für euch. Für eure Zukunft." Motivierte er mich, doch bei seinen Worten passierte in mir genau das Gegenteil. Ich dachte wieder an Cole und daran, dass er uns nach meinem Vorwurf zuvor vielleicht endgültig aufgegeben hatte.
„Streit?" fragte Mason und startete das Auto. Auch wenn er versuchte, mitfühlend zu wirken, er war und blieb ein Schlägertyp. Doch ich musste bei seinem Versuch grinsen. „Egal." Antwortete ich knapp und der Rest der Autofahrt verlief ruhig.
Chris begrüßte mich mit einem Nicken und wir machten uns gleich auf den Weg zum Hafen, wo wir auch das letzte Mal gestanden waren.
Es verlief wie beim ersten Mal, nur dass ich diesmal ganz alleine an einer Ecke stand, die nicht vom Licht der Straßenlaternen erfasst wurde, und die Säckchen verkaufte.Ich wusste immer noch nicht genau, was ich da vertickte, aber ich tat es ohne nachzudenken.
Drei Stunden lang stand ich in der klirrenden Kälte und tauschte mit unheimlichen, viel zu krank und teilweise auch halbtot aussehenden Gestalten die Pillen mit Geld. Es wurde nicht viel gesagt, nur die Anzahl an Pillen vom Kunden und der Preis von mir.
Ich hörte ein lautes Pfeifen von Chris kommend und wusste, dass meine ‚Schicht' vorbei war. Ich folgte den anderen, die nun von allen Seiten kamen, zu unserem Treffpunkt und wie beim letzten Mal auch, gaben wir das Geld und den nicht verkauften Stoff bei Chris ab.
Er zählte schnell die Scheine und sah dann in die Runde. Bei mir blieb sein Blick stehen. Er musterte mich prüfend und mir lief ein Schauer über den Rücken, bei der Intensität seines Blickes. Er runzelte die Stirn, dann schluckte er. „Wie machst du das?" fragte er mit einer gewissen Bewunderung in der Stimme. Ich sah ihn verständnislos an.
„Du verkaufst in drei Stunden mehr als meine gelernten Männer in einem halben Tag." Er runzelte erneut die Stirn und auf meine Lippen zauberte sich ein triumphierendes Grinsen. „Tja." Ich zuckte die Schultern.
Als die anderen sich auf den Weg zu ihren Autos machten, flüsterte Mason mir „Jetzt oder nie." Zu und ich wusste, was er meinte. Mein Herz begann zu rasen, bei dem Gedanken an den Betrug, den ich gleich begehen würde, doch ich musste es tun.
Für Cole, damit er endlich ein freies Leben ohne Angst führen konnte. Für Tony und Adam, für Alex und Nick, die allesamt furchtbares wegen diesem Mann durchgemacht hatten.
Ich atmete tief durch, richtete mich auf und ging mit selbstbewusstem Schritt in Chris' Richtung. „Chris." Rief ich mit fester Stimme und er drehte sich um. „Willst du noch mit zu mir?" fragte er verführerisch und ich musste mich zusammenreißen um nicht zu lachen. Er erledigte meine ganze Arbeit.
„Heute nicht, aber..." ich kam ihm näher und steckte kurzerhand meine Finger unter sein T-Shirt. Ich sah ihm verführerisch in die Augen und fuhr seinen Sixpack entlang, der nicht halb so trainiert war, wie Coles.
„Was ist mit Mittwoch?" fragte ich und kam ihm noch näher, sodass mein Gesicht nur mehr Zentimeter von seinem entfernt war. Ich spürte, wie seine Muskeln sich anspannten, er versuchte, die Kontrolle zu behalten. „Sieben Uhr. Bei mir." Hauchte er mit einer deutlich schwächeren Stimme als zuvor. Ich lächelte und zwinkerte, entfernte meine Hand und ging davon.
„Mittwoch, sieben Uhr." Berichtete ich Mason und bemerkte, wie ich zitterte. Es war komisch, nach so langer Zeit wieder mit einem anderem außer Cole zu flirten. Es war verdammt falsch, das wusste ich. Aber manchmal musste man Falsches tun, um das Richtige zu erlangen. Das hatte meine Mum immer gesagt.
„Das ging ja schnell." Mason grinste und startete den Motor.
„Du sagst ihm einfach, dass du dich noch frisch machen musst und er in zehn Minuten in seinem Zimmer warten soll. Das Bad ist direkt gegenüber, das heißt, du kannst unbeobachtet ins Zimmer wechseln. Du bleibst hinter der Tür, an der Wand stehen und sobald er reinkommt, ziehst du ihm die Pfanne so fest du kannst über. Er wird bewusstlos werden und du hast ca. eine Viertelstunde Zeit, bis er aufwachen wird. Du nimmst die Pistole, die Cole dir gegeben hat, und schießt die dritte Schublade auf. Dort müsste die DVD sein. Dann läufst du so schnell es geht raus und Nick wartet in der Einfahrt, dann fahrt ihr gleich zur Polizei." Mason war ein Meister im Planen von Dingen.
Ich stimmte ihm zu und wir verabredeten unseren Treffpunkt und die Zeit. Dann bedankte ich mich erneut bei ihm und stieg letztendlich einen Block vor unserem Haus aus, da es schon knapp Mitternacht war und Cole wahrscheinlich zu Hause sein würde.